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  • Lieben bis es weh tut – Die Penthesilea von Kleist muss sich am Gorki-Theater in der Regie von Felicitas Brucker schmerzhaft emanzipieren

    Erst vor kurzem im regnerischen Spätsommer, hat das aufbruch-Gefängnistheater auf der Museumsinsel Kleists Penthesilea als Chordrama inszeniert, in dem der Einzelne nichts ist ohne die Geborgenheit in der Tradition und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ein Kampf zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen bis zum bitteren Ende. Heute regnet es wieder und erneut stehen sich unweit der Museumsinsel am Festungsgraben in Mitte die beiden unvereinbaren Pole gegenüber. Felicitas Brucker hat auch Christa Wolfs Nachwort zu Kleists „Penthesilea“ gelesen. Sie biegt aber die beiden Enden des Magneten zusammen bis es schmerzt.
    Auf einer sperrhölzerner Bühne mit schiefer Ebene die sich zwischen einer Schlucht hebt und senkt und die mit einer Brücke überspannt ist, stehen zu Beginn alle Protagonisten Männer wie Frauen an der Rampe und beschreiben den Zusammenprall der Heere der Amazonen und Griechen. Dazu gibt es pathetische Musik von Bach. Anschließend rennen alle auf der schiefen Ebene nach oben und rutschen wieder ab. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach an diesem Abend, der vergebliche Versuch den Konventionen der Gruppe zu entfliehen. Als Zeichen des Krieges hängen sich alle Erkennungsmarken um und zerstreuen sich. Die Griechen werden von ihrem Stimmungsmacher Odysseus (Wilhelm Eilers) angestachelt, die Frauen haben ihre Zuchtmeisterin in Reithosen. Die Oberpriesterin (Nele Rosetz) trainiert ihre Amazonen wie eine Gruppe Cheerleader, immer wieder werden die Verse und Choreographien des Amazonenbrauchtums einstudiert.
    Felicitas Brucker stellt die beiden Kontrahenten Penthesilea und Achill als Ausbrechende aus ihren Systemen aus Tradition und Gruppenzwang dar. Immer wieder will Penthesilea, selbstbewusst aber auch zweifelnd dargestellt von Anja Schneider, der Selbstdisziplinierung „Fasse dich“ entfliehen und bleibt doch bis sie mit Achill, sportlich forsch Michael Kammer, zusammenstößt, eine Sklavin des verinnerlichten Amazonenkults. Prothoe (Julischka Eichel) überredet den siegreichen Achill sich Penthesilea zum Schein zu ergeben. Er geht darauf ein, da sein Interesse für Penthesilea erwacht ist. Die plötzliche Liebe, lässt die beiden wie junge Hunde raufend die schräge Ebene erklimmen, verkeilt ineinander ein Paar das sich von allen Zwängen zu befreien scheint. Popmusik und Videoeinblendungen von Stefan Bischoff verstärken dieses unbändige Gefühl. Hier ist leider Pause, das zerreißt diesen bisher sehr gelungen Abend etwas. Nach der Pause leben Penthesilea und Achill in einem großen Wasserbehälter aus Plastik ihre frisch gewonnene Liebe aus. Prothoe sitzt sichtlich gequält neben diesem Glück. Es bleibt aber Ziel Penthesileas Achill als Beute zum Rosenfest zu führen, sie erzählt ihm die Geschichte der Entsehung des Amazonenstaats, mit seiner Tradition der sie verpflichtet ist und das Achill ihr von den Göttern vorbeschrieben sei. Dieser will sie aber umstimmen mit ihm zu ziehen als seine Königin. Eine Lösung ist nicht in Sicht, das Paar wird von den Griechen und Amazonen getrennt, der Krieg und die Pflicht steht wieder zwischen ihnen. Die Griechen fallen in das Lager der Amazonen ein, rauben und vergewaltigen.
    Aber Achill will Penthesilea, er sucht erneut den Kampf, um sich ihr endgültig zu ergeben. Er schlägt alle Bendenken der Griechen in den Wind. Diomedes (Christian Kuchenbuch) und Odysseus können es nicht fassen. Auf Odysseus bohrender Frage ob der ganze Helenenstreit vor der Dardanerburg, gleich einem Morgentraum vergessen sei, ist Achill Troja egal, als wenn es just in einem See versinken würde. Wie ein Besessener schleudert er den Boten gegen die Sperrholzwände, nur auf die Botschaft Penthesileas lauernd. Auch Penthesilea widersetzt sich nun den Amazonen, ruft ihre geballte Streitmach von Hunden und Elefanten und zieht ihrem Geliebten entgegen. Um sich zu befreien muss sie erst zerstören, was sie doch liebt. Erst dadurch sind ihr die Augen geöffnet, der blinde Gehorsam zerfällt in freien Willen. Die Sinnlosigkeit der erzwungenen Werte wird offenbar. Hierin unterscheidet sich die Rezeption von Felicitas Brucker von der üblichen, in der Penthesilea die Tat im vollen Wahn verübt.
    Die beiden Streitenden/Liebenden steigen aus dem Wasserbehälter nun Blut überströmt und rennen wieder die schiefe Ebene an, schließlich an ihrem Scheitel hängend und ein letztes Mal abrutschend, dann ist Achill tot. Einen Chor bildend berichten alle anderen von dem Kampf. Zum Schluss stehen nur noch die Oberpriesterin und Odysseus am Bühnenrand. Die Worte der Priesterin aufteilend, schieben sich die beiden Einpeitscher die Schuld für den Tod Achills gegenseitig zu. Die letzten Worte gehören wieder Penthesilea: „Küsse, Bisse, das reimt sich und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie sagt sich los vom Gesetz der Amazonen und gräbt sich tief aus ihrem Herzen ein vernichtendes Gefühl. Aber ein Dolch wird nicht daraus, das Pathos Kleists ist tot, Penthesilea hat sich endgültig emanzipiert.

  • Pool (mal mit mal ohne Wasser) – Othello wird an der Berliner Schaubühne nass gemacht

    Thomas Ostermeier inszeniert Shakespeares Othello als stiernackigen Emporkömmling aus der Unterschicht, der Star des Abends aber ist der Jago des Stefan Stern.

    Sebastian Nakajew hat bereits einmal den Menschen aus der Unterschicht gespielt, in Volker Löschs Inszenierung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Franz Biberkopf findet hier aufgrund seiner Herkunft keinen Platz in der Gesellschaft, das ist aktuell heute nicht viel anders. In Shakespeares „Othello“ hat der Außenseiter durch Leistung eine anerkannte Stellung erworben, nun wird er angefeindet von den zu kurz Gekommenen und Neidern wie zum Beispiel Jago einer ist. Dazu braucht man keine Armeen auf zu fahren, man findet diese Menschen im realen Leben in jeder Büroetage, dem bevorzugten Klientel das uns Thomas Ostermeier seit längerem immer wieder vorführt. Für seinen dritten Shakespeare muss Ostermeier aber die kriegerische Entourage zurückgreifen, ist doch der Mohr von Venedig General im Dienste des Dogen und führt dessen Truppen in den Krieg gegen die Türken, welche die Insel Zypern bedrohen. Zuvor ehelicht er schnell noch heimlich die junge ihm durch seine exotischen Abenteuer erlegene Desdemona, düpiert damit ihren Vater und da er bei der Wahl des neuen Leutnant den Freund Cassio dem erfahren Fähnrich Jago vorzieht, hat er gleich noch einen Feind mehr. Somit ist der Handlungskreis abgesteckt, alle strampeln sich ab im selben Pool, der die Bühne von Jan Pappelbaum beherrscht, der eine mit mehr Glück der andere mit weniger. Die gesellschaftliche Stellung bleibt letztendlich entscheidend, ob man oben schwimmt oder untergeht. Der Jago des Stefan Stern will sich aber nicht dieser Regie unterordnen und in Ostermeiers Lesart ist er der eigentliche Protagonist und Fadenzieher in einer teuflischen Intrigenshow die sich nun vor uns entspinnt.
    Zu Beginn gibt es erst einmal eine ausgedehnte Musikeinlage mit allen Darstellern, aus deren Mitte sich dann Nakajew erhebt und zu orientalischen Jazz-Rhythmen anfängt sich den nackten Körper mit Farbe zu beschmieren. Die Desdemona der Eva Meckbach gesellt sich zu ihm und beide steigen in ein riesiges Bett auf der Bühne und werden nach hinten weg geschoben. Dazu gibt es wild zuckende Videoprojektionen, deren Bilder sich aber auch mit der Länge der Sequenz nicht erschließen. Die Musik bleibt den ganzen Abend über immanent und weißt allein auf das exotische Element des Othello hin. Was weiter folgt ist in groben Zügen schnell erzählt, es ist die übliche Othellostory, etwas sprachlich modernisiert und in der entscheidenden Szene wenn Othello sich der Intrige Jagos vollends hingibt spielen beide Golf.  Zur Besiegelung ihres Paktes zur Entdeckung der vermeintlichen Untreue von Desdemona tauschen Sie einen männerbündlerischen Kuss aus, danach gibt es noch etwas Waterboarding für Jago als Männerritual, um zu zeigen wer der eigentliche Herr im Ring zu sein hat. Da ist viel Zitat und die übliche Verlegung in die heutige Zeit, was Ostermeier aber nicht bedacht hat, Shakespeare kommt ihm hier in die Quere und er wird ihn einfach nicht los. Desdemona ist einen Tick zu devot, das ist sie ja auch bei Shakespeare, ein reines Mittel zum Zweck. Das Eigentum einer Männerkaste, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlt. Ostermeier macht aus allen Protagonisten Typen und besetzt sie auch so. Thomas Bading ist der ningelige Papa, Eva Meckbach das naive Blümchen, Tilmann Strauß der eitle Pfau Cassio der sich nur für sein eigenes Fortkommen interessiert und Niels Bormann als tumber Rodrigo gibt was er am besten kann, sich selbst. Und dann last bad not least noch ein vierschrötiger Othello, als Franz Biberkopf war Nakajew noch glaubhaft, hier ist er Karikatur, die Hauptfigur verraten für einen kleinen Kunstgriff. Dafür ist ein Stern aufgegangen an der Schaubühne, dafür gilt Ostermaier Dank, der Rest ist platte Show. Stefan Sterns Jago kann alle nach Belieben um den Finger wickeln, da alle ebenso karrieregeil oder nur triebgesteuert sind. Stern vollführt eine wahren Veitstanz seiner Überlegenheit.
    Sicher hat Ostermeier auch eine Idee gehabt, nämlich die des Neiders der sich von einem Emporkömmling übergangen sieht und der nun zum ganz subtilen Intriganten wird. Heute nennt man das Mobbing. Bei Shakespeare spielte vor allem der Hass auf das Fremdartige des Mohren von Venedig eine Rolle, der Rassismus ist auch heute noch und nun wieder verstärkt vorhanden. Indem Ostermaier diese Ebene total ausblendet, nur der Vater Desdemonas lässt das noch anklingen, wird die Inszenierung ziemlich eindimensional und bekommt Schieflage, da kein Mensch sich prügelnde Bürohengste vorstellen kann. Auch die Verlegung ins Showgeschäft wäre ja denkbar, aber Othello bleibt eben was er ist, ein Mann, der sich um seine erste Nacht betrogen fühlt und das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Eine schöne Rezeption übrigens im Programmheft, die aber leider auch nichts mit der Inszenierung von Ostermaier zu tun hat. So ist das Finale vorgegeben, Othello erstickt seine vermeindlich untreue Desdemona, Jago wird von Emilia (Laura Tratnik) entdeckt und hüllt sich wie üblich in Schweigen.

  • Burn out bei den Kindern der Sonne

    Stephan Kimmig verkleinert am DT Gorkis vorrevolutionäre Personage und verlegt sie ins Mitte-Berlin

    Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ wird wenig gespielt. Er schrieb das Stück, seine Erlebnisse des Petersburger Blutsonntags verarbeitend, 1905 in der Haft der Peter-Pauls-Festung und verlegte die Handlung ins vorrevolutionäre Russland der Cholera-Epidemie von 1892. Erst vor einem Jahr gab es eine Version des Stücks von Luc Perceval bei seinem Antritt als Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater. Er hatte die russische Intelligenzia in ihrem Elfenbeinturm mit tragik-komischen Zügen ausgestattet und für seine Therapiesitzung sehr zwiespältige Reaktionen geerntet. Hier war der Gegenpart die Proleten noch in Form eines Kindermädchens und des Hausmeisterehepaars vertreten.
    Am DT muss diesen Part nun der Hausmeister Jegor allein stemmen. Markus Graf gibt ihn als buckligen dauerbesoffenen Erniedrigten und Beleidigten der den Hammer schwingt. Die eigentlichen Kinder der Sonne, wie sie Gorki noch als nach dem Licht der Erkenntnis Strebende beschrieb, sind nun saturierte bürgerliche Spießer, die sich nur um sich selbst drehen und schnell ist klar, das hier nicht Russland gemeint ist, sondern die heutige Zeit in der schicken Mitte von Berlin. Stephan Kimmigs Elite, die eigentlich zum Wohle des Volkes forschen und Idealistische Kunst erschaffen wollte, ist alles nur noch unnötig und peinlich oder sie resigniert zynisch vor der Zukunft. In ihrem Mittelpunkt stehen nur ihre vergebliche Suche nach Liebe, Geld und die Angst gesellschaftlich zu scheitern. Kimmig bietet für seine Sicht auf das Mitte dieser Tage ein Staraufgebot an Bühnenschauspielern auf, wie es schon lange nicht mehr in Berlin zu sehen war. Nach seinem eher gescheiterten Lessing geht er diesmal auf Nummer sicher und hat alles richtig gemacht. Die Schauspieler allen voran Ullrich Matthes als völlig weltfremden Wissenschaftler und Menschheitsversteher Protassow tänzeln diesen Abend, auch schon mal mit russischer Folklore aus, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Es ist streckenweise atemberaubend. Nina Hoss als Protassows Frau Jelena ist hier nicht nur die leidende vernachlässigte Gattin, sie darf auch schon mal die Contenance verlieren als Protassow eher um seine Forschung und über Unannehmlichkeiten besorgt ist, als um das Glück seiner Ehefrau. Die junge reiche Witwe Melanija, gespielt von Katrin Wichmann, rutscht ebenso glatt an ihm ab, als sie ihm ihre Liebe gesteht, dabei aber eigentlich nur einen schönen Menschen für sich kaufen will. Sven Lehmann als Künstler Wagin interessiert seine Kunst schon lange nicht mehr wirklich. Das er eigentlich das Sonnenschiff, das Jelena im Traum gesehen hat malen soll, kommt in Kimmigs Inszenierung gar nicht vor. Wagin poltert hier nur und als er seine Liebe zu Jelena enttäuscht sieht, gibt er einen resignierenden Kalauer mit dem Steiner-Gedicht von Robert Gernhardt zum Besten.
    Beckmann sprach zu Rudolf Steiner:
    „Wird mein Bild nicht immer feiner?“
    Darauf knurrte Steiner: „Beckmann,
    wisch den Unfug lieber weg, Mann!“
    Ein weiteres vergebliches Liebespaar ist mit Katharina Schüttler als Lisa, gemütskranke Schwester Protassows und Alexander Khuon als Tierarzt Boris Tschepurnoj, Bruder von Melanija am Start. Das ist Resignation pur. Hier versagen sich zwei eine Liebe, das es einem schon das Herz zerreißen möchte. Der beginnende Wahnsinn ist Lisa schon von Anbeginn eingeschrieben, Boris, selber tief depressiv und ein zynisch vom Leben Enttäuschter, kann dem nicht viel entgegensetzen, sein Freitod aus enttäuschter Liebe ist allerdings in Kimmigs Inszenierung etwas unverständlich. Der Mob der sich vor den Türen des Hauses formiert, ist hier nicht anwesend. Lisa ist die Warnerin, die als Kassandra Verschriene, die man lieber ins Bett schickt, weil man sich ihrer schämt. Als dann Jegor wieder besoffen und nicht als Anführer eines Progroms ins Haus stürzt, wird er wie ein aus der Rolle gefallener Straßenfegerverkäufer in der U-Bahn behandelt und angespuckt. Was da draußen eigentlich wirklich los sein könnte, interessiert hier drinnen niemand mehr. Kimmig entzaubert das tolerante Bildungsbürgertum konsequent, kommt aber über Edelboulevard nicht hinaus. Irgendwie hat man das alles schon x-mal gesehen, hier allerdings von unterforderten Bühnenstars in Höchstform. Kein Funken Utopie nichts, das Schiff der Sonne liegt vermodert auf Reede.

    „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“
    Ernst Bloch

    „Nur wenn wir die Tragik unseres Daseins erkennen, tief sein Geheimnis spüren, werden wir uns einander zuwenden, weil wir dann begreifen, daß für den Menschen nichts wichtiger und wertvoller sein kann und darf als der Mensch.“
    Maxim Gorki

  • Auf den Hund gekommen oder Bakunin auf dem Rücksitz der Gentrifizierung

    Dirk Lauckes neues Stück in den Kammerspielen des DT wieder inszeniert von Sabine Auf der Heyde

    „Die Völker aller Nationen haben heute den revolutionären Instinkt verloren. Sie sind zu sehr mit ihrer Lage zufrieden, und die Furcht, auch noch das zu verlieren, was sie haben, macht sie harmlos und träge.“ Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814-1876)

    Diese Trägheit macht sich vor allem im Genuss von zuviel Alkohol und dem Abspielen von Countrymusik bemerkbar. Des weiteren ist man dann irgendwann nicht mehr in der Lage seine Miete zu bezahlen und muss schließlich qua Räumungsbefehl dem Besitzer und Carlofterbauer Steven weichen. Jörg der Altrevoluzzer und soziale Pflegefall hinterlässt nach Freitod durch Gas eine Gitarre mehrere Countryplatten und einen Hund namens Bakunin, benannt nach eben diesem Begründer der Sozialanarchistischen Idee, die den Staat als Wurzel allen Übels abschaffen wollte. Das alles geht nun in den Besitz von Steven über, der den Hund mangels weiterer adäquater persönlicher Konkursmasse einfach einsackt. Steven ist verbandelt mit der Lokalpolitikern Charlotte, die ihm bereits ein Loft mit Ökostrom fürs umweltfreundliche Elektroauto abgekauft hat und einen pubertierenden Sohn namens Jan hat, der gerade seine Anarcho-Phase auslebt und versucht Stevens Auto anzukokeln. Weiterhin gehören zum Kiezumfeld Moni die Chefin von Jörgs Stammkneipe zur Fettecke und die Sozialpflegerin Eddi, die sich um Jörgs verwahrloste Wohnung kümmerte und kurzzeitig längst verschüttete Gefühle in ihm erweckte.
    Nun stehen Moni und Eddi in Jörgs Wohnung um Abschied zu feiern und dem bösen Gentrifizierer Steven die Verantwortung für Jörgs Tod anzuhängen. Dirk Laucke spult hier bewusst ein Potpourri der sozialen Klischees ab, wobei sich jeder am Ende aber als empfänglich für die Weihen der modernen Welt herausstellt. Die Spielszenen werden durch den Hund Bakunin lakonisch und bissig kommentiert, ein Störenfried in unserem Gewissen, der aber auch lieber seine Ruhe hätte, da ihm auch keiner richtig zuhören will. Er kann den Unterschied zwischen Farbbeutel und Farbei anhand seines Handbuchs für Großstadtkommunarden erklären, hat für jeden den passenden Spruch und erzählt auch noch ein Gleichnis über einen alten Inuit der seine Hütte in Alaska an einen Ölkonzern verlieren soll und sich letztendlich als Jörg selbst herausstellt, der übrigens auch noch der Vater von Steven ist. Die Fabel als Darstellung der realen Welt mit einem versöhnlichen Ende an das hier im wirklichen Leben schon keiner mehr glauben will.
    Sabine Auf der Heyde findet für diese aberwitzige Story wie schon in „Für alle reicht es nicht“ die passenden Bilder auch mit Hilfe eines spielfreudigen Ensembles allen voran Matthias Neukirch als philosophierender Hund Bakunin, Isabel Schosnig als überforderte Mutter Charlotte, Moritz Grove als aalglatter Steven, Hauke Diekamp als zorniger Jan, Anita Vulesica als quirlige Eddi und Simone von Zglinicke als standhafte Wirtin Moni. Die Musik und die genialen Comiczeichnungen als Videoprojektion im Hintergrund runden das Ganze ab. Wenn da nicht eine Wermutstropfen bliebe und man immerzu an den echten Bakunin denken müsste und an die vielen, die nach wie vor daran glauben, das man mit ein wenig zivilem Ungehorsam die Gesellschaft ändern könnte. Dirk Laucke hätte noch ein paar Schritte weiter gehen und hinter die Masken einiger dieser Demonstranten gegen die Umwertung der Kiezkultur schauen können, dann wäre ihm vielleicht doch eine Spur von Utopie aufgefallen, die er so nicht mehr zu sehen glaubt. Letztendlich ist sein Stück auch eine schallende Ohrfeige an gerade junge Leute mit ehrlichen Ideen und Träumen, die er mit seiner Sicht der Dinge sicher nicht erreichen wird. Da Laucke sich wohl schon jeder Utopie entledigt zu haben scheint, wirkt sein Verweis auf Brechts epische Draufsicht auf die Figuren etwas bemüht und bei allem Witz auch in der Wirkung zu flach. Wie schon in „Für alle reicht es nicht“ scheitern die Figuren an ihren festgefahren Denkmustern, das Ende ist offen oder besser alles bleibt wie es immer war. Und bei aller Liebe, die Vorteile von Gentrifizierung am Vorbild der Ideen für die Nutzung des Flughafens Tempelhof erklären zu wollen, wie in einem Interview für das Programmheft geschehen, ist schon ein wenig weltfremd. Bis dann auf einen Latte macciato im Carloft-Cafe um die Ecke.

  • Kampf ums Schauspielhaus – Der Wahnsinn geht weiter

    Während die Hamburger Kulturpolitik Kapriolen schlägt, bildet sich im Untergrund leiser Widerstand. Das folgende Gespräch wurde zufällig aufgezeichnet und zeugt von der Entschlossenheit der Hamburger Kulturschaffenden, dem schier unaufhaltsamen Trend entgegen zu wirken.

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    Im Golden Pudel Club am Elbufer unter der Reeperbahn.
    Schorsch Kamerun sitzt vorm Fernseher und nuckelt an einer Flasche Astra. Rocko Schamoni kommt mit einem Pudel herein.

    Rocko: Moin Schorsch, du entschuldige, ich kenn mich hier nicht mehr aus, Doktor Schnabel hat vergeblich nach einem Baum gesucht. (Er streichelt seinen Pudel.) Hab ich was verpasst.
    Schorsch: Nö, Claude-Oliver kommt nun doch nicht ans Schauspielhaus. Der geht jetzt lieber zu Ulrich Tukur oder Corni Littmann. Ich habe nicht genau aufgepasst, war grad Bier holen. Willste auch eins?
    Rocko: Klar. (Macht sich auch ein Astra auf.) Ach schade, Mensch, das hatte ich mir so toll vorgestellt. Immer Freibier, Ralf Richter als Hamletmaschine und FM Einheit zersägt dazu den Eisernen Vorhang. Die Bude wär jeden Abend gerappelt voll.

    Kamerun schaltet mit der Fernbedienung um. Talkshow bei Beckmann. Zu Gast Kulturminister Reinhard Stuth.

    Beckmann: Herr Stuth, wie wollen Sie denn nun die Krise im Schauspielhaus beenden?
    Stuth: Ich habe das ja alles nicht gewusst, wie schlimm das steht. Jetzt wird erst mal eine Findungskommision mit lauter kompetenten Leuten beauftragt…
    Schorsch: Ha, Findungskommission, der findet doch nicht mal seinen eigenen Arsch ohne Findungskommision. Rocko hol das Telefon, wir rufen da an.

    Schamoni nimmt das Telefon und wählt. Es klingelt im Studio. Beckmann nimmt ab.

    Beckmann: Hier bei Beckmann.
    Rocko: Hier ist die „Operation Pudel 2010“, wir haben die Urne von Heidi Kabel.
    Beckmann: Für Sie Herr Stuth, irgendein Pudel hat die Urne von Heidi Kabel gefressen, oder so.
    Stuth: Hier Reinhard Stuth, Kultursenator der freien Hansestadt Hamburg.
    Schorsch: Herr Stuth, rücken Sie das Schauspielhaus raus, wir übernehmen das jetzt. Wenn nicht gibt es jeden Abend Labskaus und Militärmusik vor dem Rathaus.
    Stuth: Stellen Sie sich hinten an oder schicken Sie eine Bewerbung an die Senatskanzlei. (Legt auf.)
    Schorsch: Verdammte Pfeffersäcke. Hetz denen deinen Pitbull auf den Hals, Rocko.
    Rocko: (streichelt seinen Hund) Doktor Schnabel ist aber ein Pudel und ganz friedlich, reg dich ab Schorsch.

    Kamerun nimmt sich ein neues Bier und stellt den Sender um. Jetzt läuft die Harald-Schmidt-Show. Harald Schmidt begrüßt gerade Claude-Oliver Rudolph.

    Schmidt: Claude-Oliver, das war ja haarscharf, wie Sie da gestern bei „Schlag den Raab“ mit dem Wok am Intendantenposten vorbeigeschrammt sind und als Fallobst haben Sie leider auch keine gute Figur gemacht.
    Rudolph: Ach weißte Harald, alles halb so schlimm, für die Gage habe ich gerade mit Blixa Bargeld das Ohnsorg-Theater gekauft, wir machen da jetzt den Hamlet auf platt.
    Schorsch: Da bin ich aber platt, Rocko, wie schaffen die das immer wieder in diese Talkshows und ich komme gerade mal in die taz oder in die Berliner Zeitung. (Er schaltet den Fernseher aus.)
    Rocko: Ja du Schorsch, weiß ich auch nicht. Wir sind halt die Avantgarde. Lieber einen toten Barden hängen als ein Feindbild verlieren.
    Schorsch: Ach so? Willst Du nicht Intendant werden, Rocko?
    Rocko: Und du?
    Sie sehen sich an und fangen an zu lachen.
    Schorsch: Scheiße, Rocko, bloß gut das wir Künstler sind. Übrigens was geht so neues ab bei dir?
    Rocko: Ich fahre jetzt nach Berlin und besetze den Prater, der ist geschlossen wegen Rückübertragungsansprüchen. Motto: Berliner Luft voll Anarchie. Verstehste?
    Schorsch: Ja, echt wie früher, Klasse. Kampfstern St. Pauli dockt am Prenzlberg an. Vielleicht sollten wir hier auch das Schauspielhaus besetzen. Ich rufe mal im Gängeviertel an, ob die noch Zeit haben.
    Rocko: Bloß nicht, viel zu groß und unübersichtlich. Komm lieber mit nach Berlin. Du weißt ja was die im Osten immer gesagt haben. Der Letzte macht das Licht aus. Ich muss dann mal, Doktor Schnabel wird schon ganz unruhig. (Der Pudel springt an ihm hoch.) Tschüss!
    Schorsch: Ach Rocko, wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Pudel her. Und wenn nicht dann reiße ich eben in München ein paar Lücken auf. Haltung Rocko! Klar? Tschüssing!

    Schamoni mit dem Pudel ab. Kamerun macht sich ein neues Bier auf und schaltet den Fernseher ein. Es läuft Deutschland sucht den Superintendanten, Moderator… ENDE.

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  • Der Theaterregisseur Christoph Schroth erhält das Bundesverdienstkreuz

    Wie die Lausitzer Rundschau vermeldete, wird dem Theaterregisseur und langjährigem Intendanten Christoph Schroth, u.a. von 1974 bis 1989 am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin und 1992 bis 2003 am Staatstheater Cottbus, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Festakt findet heute im Staatstheater Cottbus statt.
    Erst einmal Glückwunsch an Christoph Schroth, ein renommierter gesamtdeutscher Theaterpreis für ihn wäre mir zwar lieber, aber mit dem Bundesverdienstkreuz trifft es hier auf jeden Fall jemanden, der nicht erst nach der Wende deutsche Theatergeschichte mit geschrieben hat. Ein Zufall wollte es, das ich gerade heute erst in Cottbus war und von dieser Auszeichnung erfuhr. Konnte leider zur Feierstunde nicht dableiben. Mit Christoph Schroth verbinde ich immer noch einige meiner schönsten Theatererlebnisse.
    Es trifft auf jeden Fall zu, was Sewan Latchinian sagt, das er den Theatern die er geleitet hat ein außerordentliches künstlerisches Profil und hohe gesellschaftliche Relevanz verliehen hat. Sein Faust 1 und 2 in Schwerin ist legendär. Er hat sicher mit seinem Schaffen Leute wie Castorf, Hartmann oder Latchinian als Intendanten erst möglich gemacht. Schauspieler wie Ulrike Krumbiegel und Veit Schubert haben sich in Schwerin ihre ersten Sporen verdient. Einige der Schweriner Truppe hat er nach der Wende mit ans Staatstheater Cottbus gebracht. Hier hatten auch unter ihm Anne Ratte-Polle als Effi Briest und Stephanie Schönfeld u.a. als Käthchen ihre ersten großen Erfolge. Unvergessen sind Schroths Zonenrandermutigungen in dieser Zeit, die zu einem Theatererlebnis für ein großes begeistertes Publikum wurden. Denn das war ihm vor allem wichtig, keine elitäre Selbstverwirklichung, sondern Arbeit mit dem Ensemble und die Heranführung breiter Schichten an das Theater. Sein Konzept eines Bürger-Theaters der sozialen Aktion ist mit Sicherheit aufgegangen. Davon zehrt auch heute noch sein Nachfolger Martin Schüler. Mit ihm kam eine große Zäsur für das Staatstheater mit Sparmaßnahmen und einer radikalen Verkleinerung des Sprechtheaterensembles, was leider auch zu einigen qualitativen Einbußen in dieser Sparte geführt hat. Trotzdem ist es immer wieder ein Erlebnis in Cottbus ins Theater zu gehen und die Begeisterung des Publikums zu spüren.
    Sewan Latchinian führt das Konzept Schroths nun mit dem Glück-Auf-Fest an der Neuen Bühne in Senftenberg weiter, mit großem Zuspruch wie ich am Samstag selbst feststellen konnte. Auch dort inszeniert Christoph Schroth immer noch und eine seiner langjährigen Mitstreiterinnen Gisela Kahl wirkt dort und in Cottbus als Dramaturgin.
    Zum Abschluss möchte ich noch Martin Linzer (langjähriger Theaterkritiker von TdZ und der LR) aus dem Artikel der Lausitzer Rundschau zitieren: „Will man ein paar Kriterien andeuten, die für Schroths Theater prägend sind, so könnte man sagen: Für ihn ist das Publikum immer wichtiger als das Feuilleton, das künstlerische Handwerk wichtiger als der ‚Einfall‘ (an Fantasie fehlt’s ihm trotzdem nicht), das Ensemble wichtiger als der Star . . .“ Dem ist nichts hinzu zu fügen.

    www.staatstheater-cottbus.de

  • Freedomfighter donnern über das BE – Claus Peymann stürmt mit Mark Ravenhills „Shoot/ Get Treasure/ Repeat“ in die deutschen Wohnzimmer

    „Ja, Liebling, es gibt einen Krieg, aber das ist nicht unser Krieg,… er ist weit weg, dieser Krieg ist so weit, weit, weit weg, Okay?“ Nichts ist Okay in diesem Kurzdramen-Stück von Mark Ravenhill, das er für Claus Peymanns Inszenierung in „Freedom and Democracy I hate you“ umbenannt hat, sind diese zwei Schlagworte doch im Munde jedes Soldaten, der hier über die Bühne rennt und für Freiheit, Demokratie oder die undankbaren „Dattelfresser“ kämpft. Es geht nicht nur um den Irakkrieg oder Bombenattentäter, die ihre totbringende Last über uns bringen. Über uns, die doch die Guten sind, wie der Chor der Frauen in den „Troerinnen“, dem ersten der 11 Episoden, die sich an Namen großer Dramen orientieren sollen, skandiert. Es geht um die Einstellung der ach so zivilisierten Welt, um die angebliche Toleranz gegenüber anderen Kulturen, um die Akzeptanz von Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele, um die geschürte Angst und die Unmöglichkeit dem Kreislauf aus Hass und Gewalt zu entkommen.
    Mark Ravenhill entwickelt diese Widersprüche geschickt aus ganz alltäglichen Situationen heraus, wie sie jeder kennt, beim Frühstück einer psychotischen Pillen und Biojoghurt vertilgenden Frau, etwas zu überdreht von Corinna Kirchhoff gespielt, beim Abendessen eines Paars, das sich während eines Beziehungsstreits plötzlich in geschützte Wohnviertel wünscht, während ihr Kind in seinen Albträumen einem Soldaten ohne Kopf begegnet, unter argwöhnischen Nachbarn, in der Beziehung eines schwulen Paares, sehr stark agieren hier Martin Seifert und Christian Grasshof der sich aus Wut heraus über eigenes Leid in eine wandelnden Bombe hinein fantasiert. Dann geht es wieder konkret am Beispiel von Soldaten um den Einsatz an der Front, um Folter, sehr eindrücklich Ursula Höpfner als gequälte Frau, oder beim Überbringen einer Todesnachricht an eine Mutter, großartig von Swetlana Schönfeld als tragische Hysterikerin gespielt, die alles mögliche unternimmt die Soldaten an ihrem Auftrag zu hindern. Diese wollen ihrerseits geliebt sein für ihren Einsatz und entwickeln Hass gegen die Bevölkerung, die Ihnen nun aus Angst und Unverständnis wiederum Hass entgegenbrüllt. Müde sehnen sich die Soldaten nach Hause, müssen aber wieder in ein weiteres Land, das nach Demokratie ruft. Eine Stimme aus dem Off fordert sie zum nächsten Krieg. Bereitmachen zum Einmarsch.
    All das sind böse, kleine ins Groteske abkippende Shortstorys mit teilweise englischem Humor aber auch einigen agitatorischen Plattheiten, das Vorbild Brecht lugt hier öfter hervor. Claus Peymann überzeichnet das ein ums andere Mal und lässt den schrägen Witz Ravenhills oft in den Klamauk abkippen. Nicht alle Episoden sind gleich stark, es entsteht so ein Gefälle, das Peymann durch ein starkes Tempo in Geste und Ton des durchweg kabarettistisch agierenden Ensembles versucht zu übertünchen. Er nimmt alles viel zu wörtlich und haut wo Hammer schon im Text steht noch mal mit dem hölzernen drüber, der Rest ist leider Plakat. Ravenhills Kriegssatire wird dadurch unbewusst der Schneid abgekauft. Ein etwas weniger hoch erhobener Zeigefinger, wäre mehr gewesen. Es gelingt Claus Peymann nur in wenigen passenden Bildern das Pathos von Freiheit und Demokratie zu entlarven, dem Publikum soll der Ball geschickt zugespielt werden, allein er ist zu scharf geschossen. Eine Truppe von Künstlern steht zum Schluss an der Rampe, angekommen im zerstörten Land und preist die heilende Kraft der Kunst. Bitte gefälligst alle freiwillig anmelden zum Kurs.
    Das Deutschland schon mitten im Sumpf drinsteckt, bleibt ganz auf der Strecke, das Publikum kann den wahren Feind allein schon an der Fahne erkennen. Fuck off, Amerika, Germany sleep well!

  • Sieben erzählen einen Oskar auf der Suche nach ihrer Blechtrommel

    Jan Bosse bebildert eine Adaption von Armin Petras nach dem Roman von Günter Grass am Maxim Gorki Theater

    „Was auf dieser Welt, welcher Roman hätte die epische Breite eines Fotoalbums?“ Oskars Schatz ist ständig präsent in dieser Bühneadaption des 1959 von Günter Grass geschriebenen Romans „Die Blechtrommel“ die in einer Koproduktion mit der Ruhrtriennale nach der Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle nun im Maxim Gorki Theater in Berlin angekommen ist. Das Familienalbum Oskar Matzeraths ist in einer Videoprojektion an der Bühnenrückwand zu sehen. Die Hauptfigur in Günter Grass` „weltbildendem Roman“, so einst Hans Magnus Enzensberger über „Die Blechtrommel“, wollte uns doch allzu gerne die Originale zu den Fotos nachliefern. Und so beginnt er weit vor sich selbst; „… denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken.“ Armin Petras und Jan Bosse nehmen das wörtlich.
    „Meine Großmutter Anna Bronski saß an einem späten Oktobernachmittag in ihren Röcken am Rande eines Kartoffelackers…“. Sieben Schauspieler treten auf die abschüssige Bühne zwischen kargen Betonwänden und Kartoffeln fallen aus dem Schnürboden. Wir erfahren alles von den vier Röcken der kaschubischen Großmutter, Ruth Reinecke trägt sie auch, über der Flucht des Großvaters Koljaiczek zwischen den Telegrafenstangen unter die Röcke, von der heimlichen Liebe der Mutter zum Cousin Jan Bronski, der Heirat mit dem Reichsdeutschen Alfred Matzerath, bis endlich Oskars Leben unter den Glühbirnen anfängt; und nur die in Aussicht gestellte Blechtrommel ihn daran hindert, dem Wunsch nach Rückkehr in seine embryonale Kopflage stärkeren Ausdruck zu geben. Die Schauspieler erzählen uns, sich in der Rolle des Oskars abwechselnd, die Geschichte in allen Einzelheiten. Der Beginn der Aufführung zieht sich dadurch merklich episch in die Länge. Richtige Dialoge sind schmal gesät. Petras beruft sich auf den großen Geschichtenerzähler Günter Grass: „Lasst den Faden nicht abreißen, Kinder! Denn solange wir noch Geschichten erzählen, leben wir.“ So wird nun der Reihe nach das Leben des eigensinnigen Kinds Oskar Matzerath erzählt, der aus Protest über die Welt mit dem Wachsen aufhört und Jan Bosse liefert mit seinem Ensemble die Bilder dazu. Und diese Bebilderung ist zum Teil durchaus von einem großartigen Witz, wenn z.B. Ronald Kukulies bei der Nazikundgebung mit drei weiteren der Schauspieler in eine als Zwangsjacke getragene Uniform schlüpft und alle wild gestikulierend Hitlergrüße andeuten, Christin König ein überdimensionales Kreuz auf die Bühne schleppt und daran gebunden wird, zur Jesusszene mit Oskar in der Kirche oder Britta Hammelstein als Maria an der Rückwand der Bühne steht und die Episode mit Oskar im Schwimmbad auf eine Folie gezeichnet mit der Videokamera gefilmt und daneben geworfen wird. Robert Kuchenbuch wirft sich Puder über die Glatze wenn er den Bebra spielt, Hans Löw als Jan Bronski und Ronald Kukulies als Kobyella spielen die Verteidigung der polnischen Post in Danzig nach und Anne Müller im Tutu wird als tote Roswitha im Bühnenboden entsorgt, um sofort als Oskar wieder aufzuerstehen. Es wird auch jede Menge getrommelt und öfter mal wie Oskar geschrien, Ruth Reinecke als Lehrerin fällt dabei die Brille vom Kopf.
    Das schönste Bild ist aber mit Sicherheit, wenn alle am Bühnenrand sitzend, lange Fruchtgummischlangen kauen und die Geschichte vom Pferdekopf mit den grünen Aalen erzählen. Allein was nützen die schönsten Bilder, wenn dadurch nur illustriert wird, was man eh schon in Grass` Roman lesen kann. Zum Schluss gibt es noch einen kurzen Ausflug in die Nachkriegszeit, die Schauspieler ziehen dazu 50er Jahre Kleidung an und erzählen das Oskar ein Engagement als Trommler annimmt. Der Rest ist wie im Film von Volker Schlöndorff auch gestrichen, wechselnd tragen alle noch die Zeilen aus dem Buch vom 30sten Geburtstag vor: „Unter der Glühbirne geboren, im Alter von drei Jahren vorsätzlich das Wachstum unterbrochen, Trommel bekommen, Glas zersungen, Vanille gerochen, …“ usw.
    Eine Aneinanderreihung der Highlights aus der Blechtrommel, der nacherzählte Roman in lustigen Bildern. Sieben Schauspieler suchen mit viel Spielfreude aber auch verzweifelt nach dem eigenen Oskar in sich. Man kann sich nur nicht von der überpräsenten Vorlage befreien, das wirklich „Weltbildende“ des Romans finden sie leider nicht. Jan Bosse und Armin Petras haben ein weiteres Stück deutsche Geschichte auf die Bühne des Maxim Gorki Theater gehievt, nicht mehr aber auch sicher nicht weniger.

  • Wider den Naturalismus – Katie Mitchell und Leo Warner schaffen an der Schaubühne Strindbergs Theater ab

    August Strindbergs Fräulein Julie als live eingespieltes Filmessay aus der Perspektive der Köchin Kristin

    August Strindberg hat zu seinem naturalistischen Trauerspiel „Fräulein Julie“ ein Vorwort (1888) geschrieben, in dem er sich u.a. mit der Aufführungspraxis an den Theatern seiner Zeit kritisch auseinandersetzt. Es plädiert dort für ein intimeres Theater mit weniger Sitzplätzen, einer sparsamen Ausstattung, Seitenlicht anstatt der üblichen Rampenbeleuchtung, und kürzerer konzentrierter Spieldauer um dem Zuschauer nicht die Möglichkeit der Ablenkung zu geben. All das ist in unserer Zeit auf deutschen Bühnen Alltag. Trotzdem nimmt sich das Team um die englische Theaterregisseurin Katie Mitchell und den Videofilmer Leo Warner Strindbergs Fräulein Julie wieder vor und versucht in einem Theaterexperiment mit Mitteln des Films, diese Thesen noch mal neu umzusetzen.
    Filme auf der Bühne, Theaterstücke als Film, das kennen wir bereits, nun gibt es auch das gefilmte Theater nicht zum Zwecke der Verwertung als Filmdokument sondern live vor Publikum und hier ist nicht der zusätzliche Einsatz der üblichen Videokamera gemeint, sondern ein ganzes Team bewegt sich wie auf einem realen Filmset mit Kamerawechseln, Auf- und Abbau der Beleuchtung inklusive einer Filmkulisse, bestehend aus der Küche und anderen Nebengelassen des Theaterstücks. Die Geräusche werden ebenfalls live durch die Teammitglieder erzeugt, wie beim richtigen Tonfilm. Das Ergebnis ist auf einer Videoleinwand über dem Set zu sehen.
    Einer weiteren Passage aus Strindbergs Vorwort zu seinem Bühnenstück scheint es aber den Machern besonders angetan zu haben. Er schreibt über seine immer wieder vorkommenden Nebenfiguren, hier ist das die Köchin Kristin, Verlobte des Dieners Jean, den sich das Fräulein Julie in einer launigen Mittsommernacht als Gespielen ausgesucht hat. Strindberg bezeichnet Kristin als Sklavin, unselbständig und stumpfsinnig, er führt sie nur als Moralapostel ein. „Das diese Nebenfiguren manchmal abstrakt erscheinen, liegt daran, dass Alltagsmenschen im gewissen Sinne in ihrer Berufsausübung abstrakt sind, das heißt unselbständig und einseitig. Und solange der Zuschauer nicht das Bedürfnis empfindet, diese Figuren von mehreren Seiten zu sehen, ist meine abstrakte Schilderung wohl relativ richtig.“ Katie Mitchell setzt dieses Interesse bei uns voraus und erhebt Kristin in den Stand der Hauptrolle ihres Filmessays. Denn mehr kann dieses Vorhaben nicht werden, es fehlt an Dramatik und Fallhöhe, die dürftige Geschichte wird mit Livemusik der Cellistin Chloe Miller aufgepeppt, da es an Text mangelt, werden zwei Gedichte der dänischen Dichterin Inger Christensen eingefügt. Sie ist im letzten Jahr verstorben und galt lange als Nobelpreiskandidatin. Eines ist das Gedicht „Alfabet“ in dem bestimmte Dinge der Natur aufgezählt werden.

    die aprikosenbäume gibt es,
    die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren
    und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff
    die tauben gibt es; die träumer, die puppen
    die töter gibt es; die tauben, die tauben;
    dunst, dioxin und die tage; die tage
    gibt es; die tage den tod; und die gedichte
    gibt es; die gedichte, die tage, den tod

    usw.

    Wir sehen nun der Köchin Kristin gespielt von der auch filmerprobten Jule Böwe beim Kochen zu, es gibt Nieren, und bei weiteren Verrichtungen der Hausarbeit. Argwöhnisch beobachtet sie dabei das Treiben zwischen ihrem Verlobten Jean und Julie. Sie leidet und erduldet alles fast stumm und zieht sich irgendwann ins Bett zurück. Am nächsten Morgen belauscht sie die beiden durch den Fußboden, die Stimmen werden live aus zwei Tonkabinen dumpf wiedergegeben. Der leidenschaftliche Kampf der Geschlechter und Stände ist auf Blicke, kurze Wortwechsel und Symbolik reduziert. Dieses Kunstexperiment ist dermaßen bedeutungsaufgeladen, ohne jedoch wirklich Bedeutendes außer schöne Bilder die im Kino sicher ihre Wirkung zeigen würden, zu Tage zu fördern.
    „Ein wirksames Drama“ ist ein weiterer Beitrag August Strindbergs für das Programmheft überschrieben. Darin stellt er eine Kanon für dramatische Werke auf. Diese Thesen nehmen die Macher sehr ernst. Es wird mit vielen Andeutungen gearbeitet, es gibt ein Geheimnis auf dessen Auflösung man wartet, Demütigung und den überraschenden Abschluss. Die Schlussszene ist stark zusammengestrichen. Nach dem Flehen Julies, das doch Kristin mit ihnen in die Schweiz komme, fallen nur noch die Worte: „Hören Sie, Fräulein! Glauben Sie selbst daran?“ Stumm gibt sie Jean das Rasierzeug. Später wird sich Julie damit umbringen, Blut ist auf Tisch und Stuhl in der Küche zu sehen. Kristin scheint  entsetzt, oder spielt sie es nur, wir wissen jedenfalls nicht, wer dort in seinem Blute liegt.
    Katie Mitchell und den Leo Warner treiben mit dieser vollkommenen Künstlichkeit der Bilder jeglichen Naturalismus aus Strindbergs Stück aus. Wozu diese filmische Übung gut ist, bleibt ihr Geheimnis. Die Beiden hatten bereits 2008 Franz Xaver Kroetz` stummes Drama „Wunschkonzert“ in Köln als Live-Film auf die Bühne gebracht und wurden damit zum Theatertreffen eingeladen. Dies ist die Fortsetzung dieser Unternehmung aber hier zündet das Experiment nicht, da Kristin als stummes Wesen keine wirkliche Geschichte imaginieren kann. Theater als reines Kunstevent. Dieses Experiment hat den Vorteil, das es nicht beliebig wiederholbar ist, ohne irgendwann Überdruss zu erzeugen. Ich warte daher geduldig darauf, das an der Schaubühne wieder echtes Theater live auf der Bühne gespielt wird.

  • Ein Sommernachtstraum für müde Städter mit Torschlusspanik

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    Andreas Kriegenburg schickt am DT eine Cocktail-Party-Gesellschaft zur Traumdeutung in den Zauberwald von Athen.

    Nach dem jüngsten Streit um eine Hamlet-Inszenierung am Thalia Theater Hamburg, nun am Deutschen Theater Berlin der nächste Regietheaterstreich mit William Shakespeare inszeniert vom Hausregisseur Andreas Kriegenburg, der auch wieder die Bühne gestaltet hat.

    Zu Beginn stehen fünf Gestalten im Blaumann vor uns, sie haben Putzeimer und Lappen dabei. Vier Frauen und ein Mann. Sie stellen die Handwerker dar, hier sind es Fensterputzer, und warten erst mal auf die wohlverdiente Pause. Der einzige Mann der Handwerksgesellschaft hat weder Bart noch Haare auf dem Kopf, die vier Damen dagegen haben sie sogar auf den Zähnen. Markwart Müller-Elmau als Zettel geht erst mal kacken, während die Damenrunde beim Frühstück schon zu philosophieren beginnt. Es geht um Schein und Wirklichkeit, den Traum und seine Bedeutung. Dazu werden u.a. Walter Benjamin, der Verfechter des Auratischen und die Philosophin Petra Gering aus ihrem Werk „Traum und Wirklichkeit“ zitiert oder die Traumdeutung der Aborigines und natürlich Sigmund Freud diskutiert. Als Zettel endlich wiederkommt, kann mit Shakespeare begonnen werden. Die Fensterputzer machen sich auf, die Bühne beginnt sich zu drehen und gibt den Blick erst auf eine Glasfassade mit Pflanzen und dann auf einen fast kathedralenhaften Raum zwischen diesen Wänden frei.

    Mehrere Menschen in Blumenkleidern und weißen Anzügen bewegen sich fast traumhaft zu Madrigalen. Aus ihnen schälen sich erst langsam die Darsteller der zwei bekannten Athener Paare. Die Anfangszene an Athens Hof ist gestrichen, von der bevorstehenden Hochzeit von Herzog Theseus und Hippolyta der Königin der Amazonen wird nur berichtet. Die Anklage des Egeus, Vater der Hermia findet nicht statt. Es beginnt sofort mit der Flucht der Hermia und ihres Geliebten Lysander in den Wald, die Verschmähten Helena und Demetrius folgen ihnen. In den Szenenwechseln putzen die Handwerker die Glasfenster und stellen wieder philosophische Betrachtungen an, das hat durchaus seinen Witz und ist nicht nur ein schmaler Running Gag.

    Die Bewohner des Elfenreiches tragen alle Kopfputz aus Moos, Rinde, Strauchwerk und was der Wald sonst so hergibt. Es entstehen immer wieder merkwürdig phantastisch anmutende Choreografien bevor die eigentliche Handlung weiter geht. Der Puck des Daniel Hoevel ist ein Beau mit Spazierstock, ebenso wie sein Herr Oberon gespielt von Ole Lagerpusch, sie sind ersichtlich jünger als die Athener Paare, dargestellt von Bernd Moss, Natali Seelig, Jörg Pose, und Judith Hofmann. Das ist das Prinzip von Andras Kriegenburg, er stellt sie als gestresste Städter mit Torschlusspanik dar. Jörg Poses Demetrius ist der Partylangweiler schlechthin, er spricht seinen Text eher beiläufig daher.

    Diese Gesellschaft wird nun von den übersättigten Partysprengern Puck und Oberon auf die übliche Weise durcheinandergewürfelt nur so zum Zeitvertreib. Der Text ist stark zusammengestrichen und auf die Szenen im Wald beschränkt. Die verwendete Übersetzung stammt von Frank Günther, der Shakespeare bereits in den 70er Jahren übersetzt hat. Andreas Kriegenburg setzt zur Unterstützung seiner Traumdeutung immer wieder ein ganzes Ensemble von Waldgeistern ein, die über die Bühne tänzeln und selbst Puck wächst ein Strauch aus dem Kragen, blind mit dem Zauberkraut umherirrend verwechselt er die Athener. Die konsequente Entschleunigung des Stücks öffnet das Auge für das Unterbewußte, endlich werden die Figuren nicht mehr durch den Wald gehetzt, sie sind eher Getriebene ihrer inneren Sehnsüchte.

    Auf dem Höhepunkt der Verwirrung taumeln die verdrehten Paare zwischen lauter umherlaufenden Menschen mit Handys am Ohr umher, hatten wir das nicht erst vor kurzem, bevor sie erschöpft in einem Knäuel zusammenfallen. Das Konzept der Metropolenbewohner auf der Suche nach der Liebe zwischen Verlangen und Unfähigkeit ihre Lust ausleben zu können, trägt leider nicht den ganzen Abend und so besinnt sich Kriegenburg wieder auf die Geschichte der Handwerker, die für die dringend notwendig Abwechslung sorgen müssen. Ihr Probe ist mit einer der Höhepunkte des Abends. Zettel/Pyramus mit Starallüren, eine vor trockenem Humor strotzende Margit Bendokat als Flaut/Thisbe, Barbara Heynen als genervter Regisseur Squenz, Barbara Schnitzler als Schnauz im wahrsten Sinne und Almut Zilcher als Schnock auf der Suche nach seinen Cojones fürs echte Löwengebrüll. Eine herrliche Parodie auf den Theaterbetrieb. Gut gebrüllt, Löwe.

    Puck zaubert nun Zettel den Eselskopf und die Handwerker zerstreuen sich maulend im Wald. Titania, Olivia Gräser als laszive traumwandlerische Verführerin, empfängt ihn in ihrer Bondage-Schaukel. Zettel wird umgarnt und verwöhnt bis Oberon den Zauber von ihnen nimmt. Allein steht Zettel nun auf der Bühne, als Einziger der zufrieden seinen Traum ausgelebt hat, genüsslich malt er ihn uns aus. Für alle anderen bleibt es wie immer ein Albtraum der Gefühle, der sich zum Schluss erst wieder durch die ordnende Hand des Zufalls richten wird. Analyse und Selbsterkenntnis fallen aus. Zum Schluss kann man noch genüsslich dem Schauspiel der Handwerker von Pyramos und Thisbe beiwohnen, einer schönen Parabel über Schein und Sein, Maske und Verstellung.

    Für Jürgen Goschs sehr physischen gut vierstündigen Sommernachttraum vor nicht all zu langer Zeit gab es noch Zugaberufe, hier ist der Beifall eher recht brav für eine doch durchaus gelungene Shakespeareinterpretation, die auch ruhig noch etwas kürzer hätte ausfallen können.

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