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  • Christoph Schlingensief – Scheitern als Chance – Der ewige Provokateur ist tot.

    „Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.“ –  Spiegel-Interview 2008

    Christoph Maria Schlingensief (* 24. Oktober 1960 in Oberhausen; † 21. August 2010 in Berlin)

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    „WOLFGANGSEE Warum sollen die fünf Millionen Arbeitslosen nicht gleichzeitig Urlaub am Wolfgangsee machen, am besten, wenn Kohl auch da ist? Und wenn die dann alle gleichzeitig ins Wasser gehen, dann steigt der Pegel – das haben wir ausrechnen lassen – um zwei Meter an. Das Wasser würde dann bis zu den Häusern am Ufer steigen, die Arbeitslosen berühren also immerhin die Häuser. Vielleicht sogar Kohl.“ – Süddeutsche Zeitung, 9. Mai 1998

    Nun hat er es doch nicht mehr geschafft, seinen Traum verwirklicht zu sehen, das Operndorf „Remdoogo“ in der Nähe von Ouagadougou in Burkina Faso. Der Tod kam plötzlich aber nicht unerwartet für ihn. Alles was er in der letzten Zeit tat, in der Kunst wie im Leben, war eine Vorbereitung darauf, auch wenn er sich nicht damit abgefunden hatte. Noch in einem seiner letzten Interviews in der NZZ hatte er gesagt: „Nein. Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte, weil ich nie wusste, wer ich einmal sein könnte, wie man glücklich wird. Das Glück ist ja so eine Nanosekunde und funktioniert manchmal glänzend, aber im Grossen und Ganzen?“ Er hat es dennoch gelebt sein Leben intensiv und in jeder Sekunde neu. Es wird uns etwas fehlen, nicht mehr staunend im Theater zu sitzen und über seinen Kosmos an Ideen zu rätseln.

    Im jetzt erschienenen Spex-Interview hat er noch mal über seine Art zu schreiben berichtet. Er schreibt am liebsten nachts allein in irgendeinem Hotel. Der Text läuft wie in einem Kino auf einer Leinwand in seinem Kopf ab. In den Anfängen hatten er, Matthias Colli und Oskar Röhler für ihre Filme ganze Dialoge aus anderen Filmen übernommen und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. „Man geht eben immer noch vom Genie aus, und daher darf nichts geschrieben werden, was nicht von einem selbst stammt. Das ist aber ein Vorwurf von gestern. (…) Ich habe nichts erlebt in meinem Leben, aber ich habe immer alles behauptet, zur Not mit den Worten anderer.“ Erlebt hat er dennoch viel, für ein so kurzes Leben und wir durften an fast allem teilhaben. Dafür Dank.

    Mein Freund, das grad ist Dichters Werk,
    dass er sein Träumen deut` und merk`.
    Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
    Wird ihm im Traume aufgetan:
    All Dichtkunst und Poeterei
    Ist nichts als Wahrtraum-Deuterei.

    Friedrich Nietzsche aus Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

    Die Premiere der Oper „METANOIA“ eine Zusammenarbeit mit Jens Joneleit (Musik) und René Pollesch (Text) ist am 3.Okt. im Schillertheater. Die Oper soll szenisch aufgeführt werden, laut Intendant Jürgen Flimm.

    „Christoph Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben. So einen wie ihn kann es nicht mehr geben. Mit einer unglaublichen Kraft hat er Menschen um sich geschart. Wie von einer umgekehrten Fliehkraft sind sie buchstäblich an ihn herangerissen worden. Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.“ – Elfriede Jelinek

    In ihrem Text Tod-krank.Doc hat Elfriede Jelinek Krankheit und Tod Christoph Schlingensiefs von März 2009 an bis jetzt (unter Aktuelles, 2010) verarbeitet.

    Weitere Stimmen zum Tod von Christoph Schlingensief aus der Presse.

    Schlingenblog

    Schlingensief-Website

    Online-Kondolenzbuch

  • Auf Holz geklopft, das Schauspiel als Naturereignis

    In der spielfreien Zeit, im Sommer naturgemäß, wenn es draußen warm ist und alles ins Freie drängt, zieht es sie auch hinaus, die Schauspielverrückten der Republik, heraus aus der Enge der Stadttheater, an den Busen der Natur. Neuhardenberg hat sich in den letzten Jahren als Spielwiese für ihre Narreteien als besonders geeignet erwiesen, erst die Volksbühne mit Martin Wuttke an der Spitze als Darsteller der Persertragödie am geschichtsträchtigen Ort des Flughafengeländes, dann mit Dostojewskis Podpolje oder Lemschen Solaristräumen und im Doppelpack mit Jonathan Meese, dem Mythen- und Heldenperformer, als Nietzsches Zarathustra, schließlich Volker Schlöndorf und Gefolge, der russisches Schauspiel wohl mal unter echten Birken zeigen wollte und damit sogar bis auf Tolstois Landgut nach Russland vorgedrungen ist. Nun also auch Theatersonderling Armin Holz, der dafür in den Kritiken zu seiner Strindbergschen Sommernachtsphantasie mal wieder als unverbesserlicher Manierist des Unnatürlichen gescholten wird. Es gibt sie aller Orten die Naturstürmer, mal klopft man sich vor Vergnügen auf die Schenkel, mal vor Schmerzen an den Kopf. Was treibt sie alle zu diesen naturalistischen Weihespielen? Der Hang ins Freie zu flüchten, ist dem Menschen wohl in die Wiege gelegt. Der ausgeprägte Pantheismus der Stürmer, Dränger oder Romantiker, die Vereinigung des lyrischen Ichs mit der göttlichen Natur, sie sogar zur Idylle verklärend, hat sich aber neuerdings umgekehrt zu einem sich eher aufzwängenden Ich, Goethes „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ falsch deutend. Dagegen ist schwer anzukommen, es sei denn man zieht es vor, die eigenen vier Wände zur Bühne seiner Phantasien zu machen, was aber dem menschlichen Drang zur ewigen Selbstdarstellung widerstrebt. Da kommt ein Vorschlag der Berliner Tourismusbranche zur rechten Zeit, diesen Trend zu stoppen und die spielfreie Zeit zu verkürzen oder sogar ganz abzuschaffen. Darüber ließe sich in Anbetracht der qualvollen Langeweile aller Theaterschaffenden und ihres schon masochistischen Triebes, sich diesen jährlichen Freilichteskapaden immer wieder auszusetzen, ernsthaft nachdenken. Auf der grünen Wiese des Schlossplatzes, liest man nun in den Zeitungen, soll sogar ein ganzes Theater aus shakespeareschen Zeiten erstehen, es fehlen dazu nur 800.000 €. Last Gras darüber wachsen, möchte man da ausrufen. Die Natur erobert sich ihr Terrain zurück. Sie ist sich selbst genug und zeigt uns immer wieder ihren eigenen naturgegebenen Hang zur Dramatik. Lust und Leid liegen im Auge des Betrachters z.B. der Fluten an Elbe, Neiße, Oder, Spree. Hier hat der Mensch auch die Regie versucht zu übernehmen und ist naturgemäß tragisch gescheitert.

    Aus alten Märchen winkt es
    von Heinrich Heine (1822)

    Aus alten Märchen winkt es
    Hervor mit weißer Hand,
    Da singt es und da klingt es
    Von einem Zauberland:

    Wo große Blumen schmachten
    Im goldnen Abendlicht,
    Und zärtlich sich betrachten
    Mit bräutlichem Gesicht; –

    Wo alle Bäume sprechen
    Und singen, wie ein Chor,
    Und laute Quellen brechen
    Wie Tanzmusik hervor; –

    Und Liebesweisen tönen,
    Wie du sie nie gehört,
    Bis wundersüßes Sehnen
    Dich wundersüß betört!

    Ach, könnt ich dorthin kommen
    Und dort mein Herz erfreun,
    Und aller Qual entnommen,
    Und frei und selig sein!

    Ach! jenes Land der Wonne,
    Das seh ich oft im Traum;
    Doch kommt die Morgensonne,
    Zerfließt’s wie eitel Schaum.

  • ROMA – La città della fontana – Teil 2

     

    Drei kurze Tage in der Ewigen Stadt

    • 2. Tag

    „„Was lange wird, wird gut – Eile mit Weile – Rom ist nicht in einem Tag gebaut – Kommst du heut nicht, kommst du morgen und noch viele hundert ähnliche Sprichwörter führt der Deutsche beständig im Munde.““       Heinrich Heine

    Heine hatte ja bekanntlich nicht viel übrig für die Romschwärmer auf Goethes Spuren. Nichts desto trotz stehen wir um 8:00 Uhr morgens wieder auf der Matte, der Tag beginnt mit einem Capuccino und einer Busfahrt zur Villa Borghese, dem großen Park im Norden Roms.

    „…„die Gärten in und um Rom zu besuchen. Mein Freund! es ist nicht zu beschreiben, wie schön die Natur in diesem Lande ist. Man gehet in schattichten Lorbeerwäldern und in Alleen von hohen Cypressen, und an Gatterwerken von Orangerien, an eine Viertelmeile weit in etlichen Villen, sonderlich in der Villa Borghese. Je mehr man Rom kennen lernet, je besser gefällt es. Ich wünschte, beständig hier bleiben zu können.““                             Johann Joachim Winckelmanns, 1756

    Das frühe Kommen hat sich gelohnt. Der Park liegt noch ruhig da, nur ein paar Jogger und frühe Touristen im ersten Sonnenlicht. Die Galleria Borghese ist unser Ziel. Sie ist im Casino der Villa Borghese untergebracht, das Gebäude wurde 14 Jahre lang aufwendig saniert und ist seit 1998 wieder eröffnet. Der helle Sandstein der Fassade leuchtet in der Morgensonne. Eintritt nur nach Voranmeldung, in einem Zeitfenster von 2 Stunden kann man die Säle des 3-geschossigen Casinos besichtigen. Erbaut wurde es zwischen 1613 und 1616 von Kardinal Scipione Borghese, der als Neffe des Papstes Pauls V. durch die Anhäufung eines unermesslichen Vermögens, auch aus dem konfiszierten Gütern römischer Patrizierfamilien, die Möglichkeit hatte, die wohl größte Kunstsammlung der Renaissance und des Barock im 16. und 17. Jh. zusammen zu tragen. Andächtig geht man durch die Säle vorbei an Berninis Barock-Skulpturen Apollo und Daphne, dem Raub der Proserpina, Äneas und Anchises und des Davids mit der Schleuder, den Mundwinkel verzerrt vor Anstrengung des Zielens. Immer wieder schweift der Blick an die reich bemalten und verzierten Decken, man kann kaum räumliche Malerei von echten Reliefs unterscheiden. Im Sala di Paolina Borghese, der Frau des Camillo Borghese, ruht die Paolina Bonaparte Borghese als siegende Venus von Antonio Canova 1805-08 auf ein Marmorkissen gebettet.

    Bildhauerisches

    Palmström haut aus seinen Federbetten,
    sozusagen, Marmorimpressionen:
    Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.

     Aus dem Stegreif faßt er in die Daunen
    des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen,
    leuchterschwingend, seine Schöpferlaunen.

     Und im Spiel der Lichter und der Schatten
    schaut er Zeuse, Ritter und Mulatten,
    Tigerköpfe, Putten und Madonnen…

     träumt: wenn Bildner all dies wirklich schüfen,
    würden sie den Ruhm des Alters retten,
    würden Rom und Hellas übersonnen!

    Christian Morgenstern, Palmström (1910)

    An den Wänden hängen Gemälde von Raffael, Caravaggio, Tizian und Botticelli sowie eine große Auswahl von Gemälden des Norditalieners Dosso Dossi aus dem 16. Jh. Die 2 Stunden gehen schnell vorbei und wir machen uns auf den Weg den Park zu durchstreifen. Vorbei am Giardino Zoologico, in dem sich die Affeninsel, die uns Robert Musil in seiner Kurzgeschichte von 1936 so plastisch beschrieben hat, befindet.

    „„In der Villa Borghese in Rom steht ein hoher Baum ohne Zweige und Rinde. Er ist so kahl wie ein Schädel, den die Sonne und das Wasser blank geschält haben, und gelb wie ein Skelett. Er steht ohne Wurzeln aufrecht und ist tot, und wie ein Mast in den Zement einer ovalen Insel gepflanzt, die so groß ist wie ein kleiner Flussdampfer und durch einen glattbetonierten Graben vom Königreich Italien getrennt wird. Dieser Graben ist gerade so breit und an der Außenwand so tief, dass ein Affe ihn weder durchklettern noch überspringen kann. Von außen herein ginge es wohl; aber zurück geht es nicht.““

    Robert Musil aus „Die Affeninsel“

    An der Viale Belli Arte steht der Palazzo delle Belle Arti mit der Galleria Nazionale de Art Moderna. Das Museum, mit vorrangig italienischer Kunst des 19. und 20. Jh., wurde 1883 gegründet und ist hier seit 1914 untergebracht. Das Gebäude wurde zur Weltausstellung 1911 errichtet, die Fassade ist an Otto Wagners Jugendstil orientiert, enthält aber auch klassizistische und Renaissance-Motive. Der Rundgang ist durchaus lohnend, einen so umfangreichen Überblick über die italienische Kunst des 19. Jh. vom Neoklassizismus über Divisionismus zu Symbolismus und Jugendstil hat man so noch nicht bekommen. Hervorzuheben sind sicher Morelli, Segantini, Severini, Savinio und der Maler des Lichts Gaetano Previati. Weiter geht es mit Werken des Novecento aber auch Gemälde von Degas, Monet, van Gogh, Klimt, van Dongen und die bekannten Italiener Modigliani, de Chirico und Morandi sind zu sehen. Die Futuristen sind besonders durch Giacomo Balla vertreten, der Neorealismus mit Guttuso und Manzù. Einige Säle sind der Nachkriegsmoderne, Pop und Land Art mit Lucio Fontana, Mimmo Paladino, Francesco Clemente, Jannis Kounellis, Jackson Pollock, Cy Towbly und nicht zu letzt Andy Warhol gewidmet. Nach weiteren 2 Stunden Kunstgenuss erklimme ich nun den Monte Pincio, um endlich dann den für alles entlohnenden Blick über die Stadt zu haben.

    „“Die ganze Stadt tat sich vor mir auf, eine endlose Folge von Dächern, Terrassen, Fenstern und Kuppeln, eine lichte Weite aus luftigem Grau, zart leuchtendem Gelb, goldenen Rosatönen und altersmürbem Putz, der im Schatten leicht violett schimmerte. Alles erschien klar und fern, umgeben von fast dinghafter, getönter Luft, in der Myriaden staubfeiner goldener Teilchen zu schwirren schienen. Am äußersten linken Rand schloß, blau in der Entfernung, die Kuppel des Petersdoms die Häuserlandschaft ab; …““

    Carlo Levi, aus dem Roman „Die Uhr

    Hier kann man sich nun entscheiden, ob man den Abstieg in Richtung Piazza del Popolo nimmt oder in Richtung Piazza di Spagna geht, ich wähle letzteres. Der Weg führt vorbei an der Villa Medici, die hoch am Wege hinter blühenden Sträuchern aufragt, in Richtung der Kirche Trinita die Monti mit einem ägyptischen Obelisken davor. Von hier aus windet sich die Spanische Treppe mit ihren mal konkaven, mal konvexen Stufen zur Piazza die Spagna herunter. An ihrem Rande befinden sich die Casa de Chirico und das Keats-Shelley-Museum mit Handschriften des Rom-Begeisterten Lord Byron.
    Auch Robert Musil wohnte hier im Hotel Lavigne bei der Spanischen Treppe „… mit gläsernen Lüstern, Spiegeln in Glasrahmungen udgl. In dieser schiefen, verwackelten, zahnlückigen Stadt, verrückten Stadt, die manchmal wieder so gerade, mit viel zu vielen Fenstern dasteht.“ schrieb er in seinen Tagebüchern liebevoll über Rom.
    Auf der Piazza an der Fontana della Barraccia, sie hat die Form eines Schiffes und ist mal von einem anderen Bernini, nämlich dem Vater Pietro, spielen Kinder. Ein Italiener mit Trillerpfeife mimt den Bademeister und ruft die Kids zur Ordnung. Baden leider verboten, nicht mal die müden Füße darf man sich kühlen. Wie mag es hier noch zu Zeiten der Blumenkinder gewesen sein, wenn selbst Ernst Jünger 1968 schwärmte:
    „“Ich kam über die Spanische Treppe, dem Treffpunkt von Gammlern und Hippies aus aller Welt. Einer posierte im violetten Rock und silbernen Schuhen, mit blonden Haaren, die bis auf die Schultern fielen, einen Admiralshut über dem geschminkten Gesicht. Ein Hauch von Haschisch in der Luft.““
    Heute posieren nur ein paar ziemlich normal aussehende Touristen in Shorts. Man sitzt brav auf den Stufen der Treppe und beobachtet das gemächliche nachmittägliche Treiben. Und so trolle ich mich bald in Richtung Piazza Barberini, um den Heimweg an zu treten.
    An der Piazza della Republica mit seiner Fontana delle Naiadi in der Mitte, erschaffen zwischen 1885 und 1901 von Guerrieri Rutelli, steht auf den Ruinen der Diokletian-Thermen die Kirche Santa Maria degli Angeli, ein Alterswerk von Micheangelo aus dem Jahre 1563 mit ihren wunderschönen kreuzförmig angeordneten Schiffen und Mosaikfenstern. Im hinteren Bereich der ehemaligen Thermen befindet sich das Museo Nationale Romano, das ich für heute auslasse und mich lieber noch zum Besuch des Forum Romanum entschließe.

    So lang‘ das Coliseum steht, steht Rom;
    Fällt dieß, so fällt auch Rom, fällt Rom – die Welt!
    Zur Sachsenzeit ward einst bei diesem Dom,
    Zur Zeit, die alt zu nennen uns gefällt,
    Von Pilgern unsres Lands der Satz gestellt!
    Doch stehn noch alle drei zu dieser Frist,
    Rom, Roma’s ew’ge Trümmer und die Welt,
    Die noch dieselbe weite Höhle ist
    Für Diebe oder – was Ihr sonst zu nennen wißt!

    Lord Byron aus „Ritter Harolds Pilgerfahrt“ 1812-1818

    Direkt an der Metrostation Colosseo, erheben sich die Reste des großen antiken Theaters von Rom, 72 n.Chr. erbaut von Kaiser Vespasian um die Römer nach den Eskapaden des Nero mit Brot und Spielen zu zerstreuen. Anlässlich der Tausendjahrfeier Roms sollen dort 247 n.Chr. 2000 Gladiatoren gegeneinander angetreten sein. Nun ist das Kolosseum eine große Ruine und der Wind der Geschichte fegt durch die Bögen der Ränge.

    Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule,
    Dort, wo der Adler einst in Gold gestrotzt,
    Hält eine Fledermaus Vigilien,
    Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms
    Im Winde flattern ließen, wogen nun
    Riedgras und Disteln, und wo der Monarch
    Auf goldnem Thron wollüstig träge saß –
    Da schlüpfen nun, vom Monde schwach beleuchtet,
    Eidechsen hurtig in ihr Marmorheim.

    Edgar Allan Poe, aus Das Kolosseum, 1891

    Vorbei am Arco die Costantino aus dem 4. Jh. geht es zum Eingang des Forum Romanum. Die Sonne steht nun schon tief und es bleiben wieder mal nur knapp 2 Stunden zur Besichtung der antiken Trümmer. Das scharfe Licht, das die alten Gemäuer und Zypressenbäume in fantastischen Farben erstrahlen lässt, entschädigt aber für alle Mühen.

    „In mildem Glanze strahlest du, Rom. Auf Purpurkissen,
    in gold´ne Schleier eingehüllt, still liegst du da.“

    Gabriele d´Annunzio (1863-1938)

    Das Forum war seit ca. 500 v.Chr. das politische Zentrum der Stadt Rom. Man läuft die Via Sacra entlang, an Tempelruinen vorbei, wie einst die großen Triumphzüge in Richtung Monte Capitolino. Da ertönt schon die Pfeife der Forumswärter und wir müssen das Gelände über eine steile Treppe zum Kapitolsplatz verlassen. Die Gebäude des Platzes sind von Michelangelo gestaltet, in der Mitte steht das Reiterstandbild des Kaisers Marc Aurel. Hier wurde Julius Cäsar von Brutus gemeuchelt.

    „Cäsar entblößte sein Haupt und hatte sich selbst nicht zu grüßen;
    Kann ich weniger thun, jetzt, da sein Schatten hier weilt?“

    Friedrich Hebbel, Auf dem Capitol (1845)

    Über die Stufen der Cordonata verlassen wir den historischen Ort.

    „Was kann vermieden werden,
    Das sich zum Ziel die mächt’gen Götter setzten?
    Ich gehe dennoch aus, denn diese Zeichen,
    So gut wie Cäsarn, gelten sie der Welt.“

    William Shakespeare aus „Julius Cäsar”

    Unten erstreckt sich die Piazza Venezia mit dem Altar des Vaterlandes, einem monumentalen Nationaldenkmal für die italienische Staatsgründungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jh. Gegenüber liegt der Palazzo Venezia einst Regierungssitz Mussolinis. Wer von hier aus noch zum Circus Maximus will, kann das getrost auslassen, es lohnt nicht. Am Ort an dem einst Ben Hur in seinem Streitwagen um die Kurven jagte, joggen nun die Römer durchs Gras und feiern junge Leute Grillpartys. Vertrieben von den Mückenschwärmen ziehen wir lieber wieder im Trastevere nach einem guten Essen mit Vino della Casa noch etwas um die Häuser.

    Wenn das Schaukelbrett die sieben Hügel
    nach oben entführt, gleitet es auch,
    von uns beschwert und umschlungen,
    ins finstere Wasser,

    taucht in den Flußschlamm, bis in unsrem Schoß
    die Fische sich sammeln.
    Ist die Reihe an uns,
    stoßen wir ab.

    Es sinken die Hügel,
    wir steigen und teilen
    jeden Fisch mit der Nacht.

    Keiner springt ab.
    So gewiß ist’s, daß nur die Liebe
    und einer den andern erhöht.

    Ingeborg Bachmann, Römisches Nachtbild, 1956

    Fortsetzung folgt

  • Der autonome Kritiker, eine aussterbende Spezies

    Herr Stadelmaier hat ein Buch geschrieben, was nicht weiter verwunderlich ist, tut er dies doch ständig, schreiben nämlich über das Theater, als Kritiker wie er behauptet. Er sitzt tagein tagaus im Parkett, Reihe 6, Mitte. Der typische Parkettbewohner, der es liebt sein zweites Wohnzimmer, mit den Bommeln am Vorhang vor dem Fenster, das man Bühne nennt und wo sich für ihn das Leben abspielt. Und so schreibt er, schauend in oder wenn man will aus diesem Fenster, alles was er so sieht auf seinen Spiralblock. Gleich einem Blockwart, beflissen die Mitbewohner beobachtend, beim Müll raus tragen oder argwöhnisch, wenn wieder jemand seine innige Ruhe stören will. Er ertappt sie alle, das alte Kind, den Tendenzhuber, den Taktiker und Politiker, jeden der sich an seinem weit geöffneten Fenster versucht vorbei zu drücken und hält ihnen seine blumige Gardinenpredigt, mindestens das ist sicher. Manchmal nur, wenn die gute alte Theatersonne auf sein Antlitz scheint, kommt er ins Schwärmen und samtig schnurrend blinzelt er ins Licht, meint Schatten vergangener Tage vorüberhuschen zu sehen und rekelt sich wohlig in Erinnerungen. Aber wenn sich dann wieder die Wolken vor die Sonne schieben und der Theaterdonner grollt, sieht er neidisch über die Straße zur anderen Seite hin, wo er ebenfalls Blockwarte vermutet, die ihm seine Arbeit streitig machen könnten. Nur des Nachts muss er es verlassen, sein geliebtes großes Wohnzimmerfenster und ziehen in seine dunkele Wohnung im Parterre. Und was steht dort geschrieben am Klingelbrett, nicht „Der Weltgeist“ oder „Der Papst“ oder gar „Gott“. Nein, nur ein armer bürgerlicher Name. Einsam aber frei steht er dann nachts im Hinterhof und schreit den Mond an, ihm sein Leid klagend über diese verkommene Welt, gleich dem Protagonisten aus Dea Lohers Berliner Geschichte, seine „Theatergeschichte“ verkündend.

    Zum Vorwort von Gerhard Stadelmaiers Buch „Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte“ abgedruckt in der FAZ vom 07.08.10 in Bilder und Zeiten

    Der Kritiker und sein Theater

    Ode an den Spiralblock

  • ROMA – La città della fontana

    Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
    er voll der Marmorschale Rund,
    die, sich verschleiernd, überfließt
    in einer zweiten Schale Grund.
    Die zweite gibt, sie wird zu reich,
    der dritten wallend ihre Flut,
    und jede nimmt und gibt zugleich
    und strömt und ruht …

    Conrad Ferdinand Meyer, „Römische Brunnen“

    Drei kurzweilige Tage in der Ewigen Stadt

    • Ankunft mit Hindernissen

    „„Ja ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!““

    Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Rom, 1. November 1786

    Turbulenzen über den Wolken, wir werden etwas unsanft aus der Lektüre der Morgenpresse gerüttelt. Scheiß Billigflieger, aber immerhin stürzt man mit der FAZ in der Hand und dem letzten Veriss von Gerhard Stadelmaier in den Gedanken aus den Wolken, welch ein Trost. Nachdem wir dann doch noch glücklich auf dem Leonardo da Vinci Airport gelandet sind und die Sonne wieder lacht, folgt die nächste Ernüchterung, Mittagspause am Gepäckband, der Italienurlauber braucht hier Geduld oder für 3 Tage eigentlich nur leichtes Handgepäck, das sollte man wissen und einplanen. Nach dem Erwerb eine Romcard für 25 €Euro, geht es zur S-Bahn Richtung Rom, die ist im Preis leider nicht mit inbegriffen und kostet noch mal 14 €Euro. Nun aber flinke Füße und schon sitzt man im Zug in Richtung City, Nonstop zur Endstation Roma Termini. Nonstop – No End, wir zuckeln so geschlagenen 45 min. für 30 km durch die Peripherie der ewigen Stadt. Ankunft Termini am letzten Gleis und wieder per pedes apostolorum zur Haupthalle. Wolfgang Koeppen schrieb schon in seinem Roman „Tod in Rom“ 1954 über die Stazione Termini: „“Es ist der schönste Bahnhof der Welt, aus Stahl, Beton und Glas und matt schimmerndem Aluminium, … und … so darf sich der moderne Reisende in der auffallend russfreien, so eigenartige belebenden Luft dieses wahrhaften Weltbahnhofs, auf leichtem Metallstuhl auf der Terrasse des Bahnsteig-Cafés den ersten Espresso trinkend, der, unvergleichlich jedem anderen Kaffee, für das Abenteuer Rom stärkt, staunend und stolz seines In-Rom-Seins bewusst werden.““ Nun das scheint lange her, Dampflokomotiven gibt es nicht mehr und alles andere erinnert auch eher an einen Bahnhof einer modernen Metropole mit hastenden Menschen und Einkaufsgalerien auf allen Ebenen, wäre da nicht diese archaische Architektur mit ihrem geschwungenen Betondach, das detailbesessen mit kleinsten Mosaikfliesen bekleidet ist. Rom liegt uns nun zu Füßen und so geht es auch weiter, zum Glück nur in die nächste Seitengasse.

    „“Rom ist eine horizontale Stadt aus Wasser und Erde, hingebreitet, und darum eine ideale Plattform für die Phantasie.““        Federico Fellini

    Die Hotelwahl war ein Glücksgriff, „Hotel Luce“ in der Via Magenta 34, ein kleines aber feines Haus in den Straßen hinter dem Hauptbahnhof, zwischen einigen Läden, Cafes und Restaurants sehr günstig gelegen. Für einen Kurztrip genau die richtige Adresse, besonders für junge Leute, die auch reichlich in den Kneipen der Gegend rumhängen und in ihre Labtops hämmern. Saubere Zimmer mit Dusche und WC und was im Sommer von Vorteil ist, einer Klimaanlage. Der Service und das kleine Frühstücksbuffet sind in Ordnung, die junge Dame am Empfang hat wertvolle Tipps für den Romaufenthalt und erklärt sehr geduldig in gutem Englisch. Das scheint wohl das besagte „Licht“ zu sein, was dem Haus mit seinen gedrungenen Zimmerchen eigentlich sonst etwas fehlen würde.

    • 1. Tag, Rom per Pedes

    Sei´s! Muss ich zum letzten Male
    Schöpfen aus dem Trevi-Strom,
    doch die randgefüllt Schale
    Weih´ ich dir, geliebtes Rom.

    Adolph Friedrich Graf von Schack (1815-1894)

    2 Stationen mit der Metrolinie A zur Piazza Barbarini, im Vorbeigehen noch staunend über den Triton des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini, steht man ein paar Seitengassen weiter schon vor dem ersten Wunder Roms der „Fontana di Trevi“. Man muss sich seinen Platz erobern in den Menschenmassen, die den Platz davor bevölkern, um die ganze spätbarocke Pracht genießen zu können. Im Jahre 1640 begann ebenfalls Bernini diesen Brunnen zu gestalten. Unter klassizistischen Säulen mit der Figur des Oceanus winden sich auf mehreren Steinterrassen, zwei geflügelte Pferde bändigende Tritone. Das hier in Fellinis Film „La dolce vita“ einst Anita Egbert gebadet hat, scheint heute ganz unwirklich, da man vor lauter Leuten kaum an den Rand des Beckens gelangt und so holt man sich auch ganz passend lieber ein Eis und schlendert weiter. Nachts ist es hier übrigens nicht viel anders, vielleicht ist man in den ersten Morgenstunden allein am Brunnen, gestört dann eventuell nur noch durch die fleißigen Müllmänner Roms.

    Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
    Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
    Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden.
    Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
    – Also sang Zarathustra.

    Friedrich Nietzsche

    Vorbei an der Säule des Marc Aurel, einer endlosen Aneinanderreihung der Schlachten gegen die Germanen, überquert man die Piazza Colonna, hier residiert übrigens im Palazzo Chigi Silvio Berlusconi, aber außer ein paar Carabinieri ist niemand zu sehen. In Italien sind auch Parlamentsferien und so ist auch vor dem Palazzo Montecitorio, dem italienischen Parlament, gähnende Leere. Erst an der Piazza della Rotonda ändert sich das schlagartig, hier steht wieder ein schöner Barockbrunnen, um den sich die Menschen scharen und wechselnd den Straßenmusikanten und Tenören lauschen oder ins Pantheon strömen. 27 v. Chr. wurde der römische Tempel von Marcus Agrippa unter Kaiser Augustus den Planetengötter geweiht. In dem faszinierenden Firmament der Kuppel, deren Form seit 125 n. Chr. besteht, befindet sich eine runde Öffnung, die das Sonnenlicht ins Innere leitet. Die besonders ausgewogene architektonische Form des Pantheon zeugt von einer hohen bautechnischen Kunstfertigkeit. Heute ist hier die Grabeskirche der italienischen Könige und in einer Nische befindet sich der Sarkophag des Renaissancemalers Raffael.

    Erhaben, einfach, ernst, voll Würdigkeit,
    Du aller Heil’gen, aller Gitter Schrein,
    Von Zeus bis Christ! Dich hat die Hand der Zeit
    Verschont, verschönt! Wie ruhig blickst Du drein!
    Zinnen und Reiche, alles wankt, bricht ein.
    Durch Dornen rennt der Mensch dem Grabe zu;
    Du Sitz der Kunst, der Andacht, stehst allein?
    Der Zeit und den Tyrannen trotzest Du,
    Roms Stolz, o Pantheon, in unbewegter Ruh‘!

    Lord Byron aus „Ritter Harolds Pilgerfahrt“, 1812-1818

    Hinter dem Pantheon auf der Piazza della Minerva steht der berühmte Marmorelefant von Bernini mit dem ägyptischen Obelisken auf dem Rücken. An der Piazza Navona befindet man sich dann endlich so zu sagen in der guten Barock-Stube Roms. Der Platz, der auf der Grundfläche eines alten Stadions des Kaisers Domitian erbaut ist, bietet unter der Fontana dei Fiumi, natürlich von Bernini, Spiel und Spaß für alle, die sich an Straßenmusikern, Portraitmalern und Performern aller Art nicht satt sehen können. In den Cafes um den Platz sitzen jene die gesehenen werden wollen und deren Geld auch locker sitzt, da hier gepfeffert für die gute Sicht gezahlt wird. Auf den Geldbeutel sollte auch so acht gegeben werden, denn hier finden einen bestimmt die meisten der wohl unzähligen Taschendiebe Roms. Aber es bleibt ruhig und es lohnt sich wahrscheinlich heute eher den Touristen Kinkerlitzchen anzudrehen, als mühsam nach Handtaschen Ausschau zu halten. Vielleicht machen aber auch die Borseggiatore mal Ferien, nur in der überfüllten Metros und Bussen sollte man etwas vorsichtiger sein, sonst wird man doch noch Opfer eines viel besungenen Klischees.

    „Überall Sportstätten, Springbrunnen, Marmorhallen, Tempel, Werkstätten, Schulen … anmutige Schauspiele aller Art und festliche Wettspiele ohne Zahl.“

    Aelius Aristides, Lobrede über Rom, 156 n. Chr.

    Wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich über den ebenfalls gut gefüllten Campo de` Fiori mit dem Denkmal Giordano Brunos in die Seitengassen auf machen und sich in eine der vielen kleinen Trattorien setzen, um zu speisen oder auch nur ein Glas Wein oder Bier trinken. Am Abend ist auf jeden Fall für die Nachtschwärmer die Gegend am anderen Ufer des Tiber in der Nähe der Tiberinsel zu empfehlen, noch vor Jahren ein Geheimtipp hat auch hier nun die Gentrifizierung eingesetzt. Bars, Restaurants und Läden rund um die Viale di Trastevere laden zum endlosen Treiben für Unermüdliche ein.

    „Anderer Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon überdrängt und überfüllt. (…) Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen.“

    Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Rom 5. November 1786

    Und genau mit diesen Eindrücken endet für uns der erste Tag in Rom, fußlahm wieder angekommen im Hotel.

    Fortsetzung folgt

  • Drei Schwengel für Carli – Rolf Hochhuths Inselkomödie im Theater am Schiffbauerdamm (BE)

    Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato als Musical-Version von Florian Fries

    Er wolle mit Entsetzen Scherz treiben, weil sonst keiner hingeht, erklärt Rolf Hochhut in der Berliner Presse, die ihn nun wieder wie jeden Sommer als willfährigen Nachrichtenlieferant ausgemacht hat. Das ist erst mal nicht verkehrt, mit der derb erotischen Komödie „Lysistrata“ des Aristophanes als Vorbild für seine „Inselkomödie“ ließe sich da durchaus etwas machen. Auch Brecht hat mit seiner Dreigroschenoper und diesem Format zum transportieren von politischen Aussagen Erfolge gefeiert, hier am Theater am Schiffbauerdamm, lange bevor dann nach dem Krieg daraus das Berliner Ensemble wurde.
    Leider hat sich Hochhuth für seine Musical-Version die falschen Leute für das falsche Haus ausgesucht. Der junge Komponist Florian Fries orientiert sich zwar auch etwas an Kurt Weill, mit seiner operettenhaft seichten Musik liefert er aber nur ein billiges Paul Lincke Plagiat ab. Das funktioniert sicher gut am Kudamm, dort befindet sich auch das richtige Publikum, nur ist das sicher nicht der Adressat, den sich Rolf Hochhuth vorgestellt hat, wenn er auch Solidaritätsadressen an die Kudammbühnen im Programmheft abgibt. Der erst 4 Wochen vor der Premiere eingewechselte Regisseur Heiko Stang bürstet das Stück kräftig auf Klamauk, es wird ordentlich kopuliert und die Damen schwingen die Hüften und Hinterteile vor den Nasen der dämlich geilen Herren mit Dauererektion. Ein Pope kann sich nur mit einem Kreuz der eigenen Geilheit und der ausgestellten Weiblichkeit erwehren. Darauf werden die Frauen leider auch reduziert, von List und Klugheit, außer bei der Abgeordneten Lysistrate aus Athen, kaum eine Spur.
    Die Kostüme unterstützen das Konzept, aufreizen bis der Letzte kapiert hat, worum es geht. Wo hat man eigentlich auf einer griechischen Insel schon mal Frauen den halben Tag im Seidenmorgenmantel rumlaufen gesehen oder mit hochhackigen Stiefeln. Die politische Aussage, das die NATO den Russen auf den Pelz rückt und das Elend von Kriegen nur immer wieder auf das Volk zurückfällt, geht dabei völlig unter. Es wird gepost wie bei Drei Engel für Charlie und in großen Weinbottichen im Kreis gestampft. Kanonen dräuen am Bühnenhorizont. Ein korrupter Politiker darf sich mit seinem ergaunerten Geld freikaufen und hat einen schlüpfrig erotischen Bunny-Hasentraum. Die Songtexte sind ziemlich platt und nur mäßig komisch. In einem poppigen Tänzchen entlarven sich die Soldaten als nichts könnende Idioten und 4 Beine in Betten sind besser als Schlaftabletten. Zum Finale dieser Sommeroperette gibt es dann noch ordentlich Flitter und tam tam, alles findet sich zum guten Ende. So einfach ist die Welt des Rolf Hochhuth.
    Im Programmheft kommen alte Männer wie Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour und Michael Gorbatschow zu Wort, die uns warnen wollen. Der Umgang mit alten Männern ist Hochhuth immer sehr gut bekommen, sagt er und hat auch noch einen besonderen Coup auf Lager, indem er den 106-jährigen Entertainer Johannes Heesters auf die Bühne setzt. Der darf dann einige Zeilen rezitieren, erst über die Liebe und die Frauen und dann nach der Pause ein Anti-Kriegsgedicht aus dem 19. Jh. vom flämischen Poeten Gentil Theodoor Antheunis, das er schon 2008 in seiner Geburtsstadt Amersfoort vorgetragen hat. Amersfoort war im 2. Weltkrieg bekannt als Internierungslager der SS, „Traurige Zeiten“, welch späte Einsicht des alten Heesters.
    Was von dem Sommertheater um das Stück und Rolf Hochhuth übrig bleiben wird, sind leider nur wieder leere Drohungen in Richtung Senat um die Kündigung des BE, und Gerüchte zu Claus Peymanns Eintritt in die Ilse-Holzapfel-Stiftung. Was für ein Gespann. Peymann wäre dann BE-Chef für immer und müsste das ganze Jahr über Hochhuth-Stücke inszenieren. Aber Rolf Hochhuth wird wohl so weiter machen wie ehedem und sich Jahr für Jahr und Stück für Stück etwas mehr demontieren.

  • Wasser(Musik) für alle!

    Die lange Trockenheit in Berlin hat ein Ende, seit gestern hat das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein Einsehen und die jährlichen Wasserspiele mit Musik eröffnet. Die Donau fließt nun direkt an der Spree und das Wochenende der Balkan-Beats wurde von niemand anderem eröffnet als den „Gypsy Queens and Kings“ mit der „Mahala Raï Banda“ und der legendären Esma Redzepova aus Mazedonien. Vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam wurde eine Unwetterwarnung herausgegeben, daher fand das Konzert nicht auf der Dachterrasse des Hauses statt, die schon in früheren Jahren einige heiße Konzerte gesehen hatte, sondern in der Ausstellungshalle. Draußen von Unwetter keine Spur, dagegen in der proppevollen Halle entwickelte sich bei tropischer Hitze ein Feuerwerk der Superlative. Zusätzlich eingeheizt von den Klängen spanischer Gypsy-Music bis zu den satten Brasssounds des Balkans und leidenschaftlichen bulgarischen Tänzerinnen, stand bald die ganze Halle im Schweiß. Kein Wasser noch nirgends. Erst spät am Abend hatte der Himmel ein Einsehen und öffnete die Schleusen. Wasser von oben für alle schweißgebadeten Tänzer war die Belohnung.

    Das Donau-Wochenende geht noch bis Sonntag weiter mit Musik von zeitkratzer aus Österreich und Deutschland, KAL aus Serbien, Kálmán Balogh & The Gipsy Cimbalom Band und Erik Sumo Band feat. Erzsi Kiss aus Ungarn. Begleitet werden alle Konzerte von Filmen über den Fluss Donau wie „Schwarze Katze, weisser Kater“ von Emir Kusturica, „Delta“ von Kornél Mundruczó und „Donau, Dunaj, Duna, Dunav, Dunarea“ Goran Rebic mit Otto Sander und Robert Stadlober, ein fantastisches Boatmovie für eine Leiche und andere merkwürdige Zeitgenossen, das die Kilometer der Donau von Wien bis ins Delta vermisst.

    Bis zum 07.08.10 werden von der Wassermusik jeweils Freitag bis Sonntag noch der Amazonas und der Nil beschippert. Highlights sind dann u.a. Manu Lafer aus Brasilien und retroViSOR aus Kolumbien sowie Rasha (Sudan/Spanien) und Mohamed Mounir aus Ägypten. Zum Finale gibt es dann am 13.08.10 ein Wüsten-Special mit Omar Souleyman aus Syrien. Hoffentlich sind wir bis dahin nicht wieder ausgetrocknet, für reichlich Getränke, dann hoffentlich wieder auf der luftigen Dachterrasse, ist jedenfalls gesorgt.

    Da die Donau nun auch an der Spree fließt, sei noch auf weiteres Ereignis der Region hingewiesen. Wenn die Donauwelle in Cottbus, das ja bekanntermaßen auch an der Spree liegt, angekommen ist, findet dort im Glad-House vom 13.08.10 bis 14.08.10 eine Polkanale statt. Bei den „Polka Beats Cottbus“ werden die EINSTÜRZENDEN HEUSCHOBER (D), JINDRICH STAIDEL COMBO (D), DA BLECHHAUF’N (A), POLKAHOLIX (D), BUDZILLUS (D), POLCALYPSO ORCHESTRA (DK) und RZEPCZYNO (PL) erwartet. Verbunden mit einer Radtour durchs Saure Gurkenland über Spree- oder Gurkenradweg in den schönen Spreewald, kann man sich danach bei fetten Polka Beats im legendären Glad-House entspannen.

    Viel Spaß dabei, ich verabschiede mich bis auf weiteres zu einem Besuch eines anderen berühmten Fluss auf Europas Stiefel und werde demnächst davon berichten.

  • Die deutsche Schauspielkunst im Sommerloch oder ein Rauschen im Blätterwald

    In der warmen Jahreszeit, wenn sich die Mehrzahl der Städter aufs Land oder in den Urlaub aufgemacht haben, die Theater geschlossen sind und man nur in noch in einigen unermüdlichen Open-Air-Hochburgen theatralischen Spaß geboten bekommt, dann kommt es vor, das sich einige nun nutzlos gewordenen Kritiker, Regisseure oder andere Vertreter der hohen Kunst des Schauspiels über selbiges ins Grübeln verfallen. Die ersten Ergüsse dieses zwanghaften Denkeskapaden sind nun in den Wochenendausgaben der großen Blätter unserer Theaterrepublik zu bestaunen und müde muss man konstatieren, wozu dieser zusätzlich vergossenen Schweiß, ist das alles doch auch ohne dieses zusätzliche Rauschen im Blätterwald kaum noch zu ertragen. Für frischen Wind bei dieser Hitze sorgt das Ganze ohnehin nicht.

    Nachdem ich einigermaßen abgekühlt aus dem Weißen See wieder aufgetaucht bin und die Frische noch in mir nachhallt, sitze ich hier und denke wieder über dieses Phänomen nach. Das deutsche Schauspiel scheint irgendwie allen wie das Ungeheuer aus dem Loch Ness vorzukommen, jeder spricht darüber, alle glauben es zu kennen, nur keiner weiß, wie es wirklich aussieht. Es taucht immer mal wieder aus Sommerloch auf und es werden uns schemenhafte Bilder davon gezeigt.

    Nessi, nicht das Schauspiel, lebt im schönen Schottland nahe Inverness, das sicher auch bekannt ist als möglicher Standort der Burg Dunsinane, welche in grauer Vorzeiten schottische Königsgeschlechter beheimatete. Der Dichter William Shakespeare hat über einen von ihnen ein blutrünstiges Schauspiel geschrieben, indem zwar keine Ungeheuer, dafür aber 3 Hexen, jede Menge Geister, laufende Wälder und ein Mann, den keine Frau gebar vorkommen. Das Stück heißt Macbeth und war vor noch nicht all zu langer Zeit ein großer Streitpunkt, wegen einer Inszenierung, welche einige der oben geschilderten Phänomene so gegenwärtig machte, das man meinen mochte, man wäre mitten unter ihnen und schaue nicht nur in schmerzverzerrte Gesichter. Das hatte einigen Zuschauern gehörig den Magen verdreht und eine sogenannte Ekeldebatte heraufbeschworen. Der Regisseur dieser Lehrstunde des deutschen Schauspielertheaters, Jürgen Gosch, ist mit seinen Inszenierungen unvergessen, in der Darstellung von vielfältigsten Charakteren auf der Bühne, dort konnte man ihn leben sehen, den Schauspieler, wie er Peter Kümmel wohl vorschwebt. Goschs Figuren waren immer sehr präsent, schon allein durch ihre ständige Anwesenheit auf der Bühne. Was diese Figuren nun so gegenwärtig macht, ist die Begeisterung, die Gosch in den Schauspielern entfachen konnte aber auch gerade das bewusste Vergehen von Zeit, das Gosch hier wie kein anderer sichtbar machte. Diese Vergänglichkeit ist in seinen Tschechowinszenierungen besonders deutlich. Aber selbst dieser Ausnahmeregisseur fällt Kümmel in seiner Generalabrechnung mit der dramatischen Schauspielkunst in der Zeit nicht ein, sein Text ist leider fast ausnahmslos negativ. Kein Beispiel wie es sein könnte, außer Schiller, Goethe und Platonischen Augenblicken. Einst war es mal und nun will er, das es wieder ist. Oh wie traurig ist doch die Gewissheit, nie wieder einen solchen Macduff erleben zu können, oder vielleicht steht er ja doch schon vor den Toren Dunsinanes, nur niemand erhört sein nie enden wollendes Klopfen, oder taucht er etwa irgendwann auf, wie der Wald von Birnam. Jürgen Gosch war und ist tatsächlich immer noch eine Ausnahme im deutschsprachigen Theater.

    Nina Hoss, die für Kümmel wohl der Inbegriff des durchtönten Körpers ist, der sich jeden Abend neu begegnet, ist auch nur ein Star der vom Beifall lebt und ihn auch stetig einfordern wird. Das sagt doch nichts über die tatsächlichen Motivationen für das Theaterspielen aus. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Wer diese Art von pseudogegenwärtigem Heucheln von Gefühlen mag, kann ins BE gehen oder muss zwangsläufig in der Vergangenheit weiter leben. Mich interessiert nur, warum eine Figur etwas macht, nicht wie sie es macht. Dazu bedarf es einer Erläuterung oder des eigenen Mitdenkens. Das kann man wie Elfriede Jelinek durch eine von Kümmel so genannte Textfläche erreichen. Dennoch braucht man zum Transportieren dieser Texte aber immer noch einen Schauspieler und der wird jetzt nicht einfach nur zur Projektionsfläche einer Nachahmung wie der Mime, sondern er ist der Projektor selbst, der in uns das Bild erzeugt, ähnlich wie im Roman. Dabei ist es völlig unbedeutend, ob er von Vergangenem oder Gegenwärtigem erzählt, er bleibt trotzdem weiter als Figur präsent.

    „Wir werden alle Augenblicke unseres Lebens wiedererlangen und sie kombinieren, wie es uns gefällt. Gott und unsere Freunde und Shakespeare werden unsere Mitarbeiter sein.“ Dieser Satz vom surrealistischen argentinischen Dichter Jorge Luis Borges dürfte Stadelmaier und Kümmel ein Graus sein. In seiner Bibliothek von Babel gibt es ein Buch, das eine unendliche nicht fassbare Anzahl von Seiten hat. „Das Sandbuch“ versinnbildlicht das Rätsel des Seins, die unendliche Zeit und die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft. Ein schier unendliche Fülle an Ideen und Geschichten entspringen diesem Quell der Seiten, vor allem auch für die Bühne, möchte man meinen und es ist wie Borges noch sagt: „Alle Menschen, die eine Zeile von Shakespeare wiederholen, sind William Shakespeare“.

    Das der Roman und der Film seit langem ins Theater Einzug gehalten haben, ist nicht neu und so ist auch der vor Peter Kümmels Zeitartikel von Gerhard Stadelmaier recht uninspiriert geschriebene Artikel in der FAZ eigentlich auch nicht mehr als eine Randspalte wert. Man spürt förmlich, wenn man seine sonstigen Texte kennt, das krampfhafte Suchen nach einem Aufhänger, mal wieder ordentlich Gift verspritzen zu können. Leider gelingt es ihm nicht und so wendet er sich auch schnell vom Romanthema ab und den Gegenwartsautoren zu. Aber auch dort wird er nicht fündig, der Text bleibt blass und man liest Sachen, die man schon lange weiß oder die nur wieder seinen alt bekannten Geschmack unterstreichen. Leider kein Botho Strauß nirgends, wie langweilig wird diese Theatersaison werden. Das in diesem Jahr außer einigen Romanen, die mittlerweile selbst Bühnenklassiker geworden sind, vor allem viele Uraufführungen von jungen Dramatikern die Bühnen stürmen, wird ihn wahrscheinlich eher beunruhigen, als die x-te Variation von Der Besuch der alten Dame oder Homo Faber. Die kennt er, da weiß er sich zu verhalten. Zur Gegenwart hat er längst den Bezug verloren und so wird sich seine bildgewaltige Veriss-Maschinerie schwerer anwerfen lassen bei einem eher sparsamen Text Stockmanns oder einem fabulierenden Schimmelpfennig, obwohl der ja nun fast schon in den Fußstapfen von Botho Strauß steht. Das sich z.B. Nicolas Stemann mit Goethes ganzem Faust beschäftig, Armin Petras nicht nur Romane adaptiert, sondern auch die Hermannsschlacht von Kleist mit der von Grabbe vergleicht, Michael Thalheimer sich Die Weber von Hauptmann vornimmt und Andreas Kriegenburg sich an Shakespeares Sommernachtstraum versucht, scheint ihn nicht zu interessieren. Das sind Leute, die in seinen Vorstellungen von Theater nicht vorkommen und so muss man sich auch keine Sorgen um Herrn Stadelmaier machen, er ist aus dem heutigen Theater schon lange verschwunden und das ganz ohne Staubwolke.

    Leider ähnlich langweilig, wie Stadelmaiers Vorabrechnung der kommenden Theatersaison ist das Interview in der FAS mit Luc Bondy. Vertikales und horizontales Denken oder das Bondy an Schlaflosigkeit leidet, weil ihm erst nachts immer so zum Nachdenken ist und ob Liebe, Sex oder Schlaftabletten helfen, bitte wen interessiert das? Bondy ist Hedonist und zugleich Masochist, sagt er, Essen und Trinken sind seine Leidenschaft. Na wenn es für ihn sonst nichts mehr gibt, als ständig über den Tod nach zu denken. Krebs oder eine jede andere schwere Krankheit werfen einen zweifelsohne aus der Bahn, aber vielleicht sollte er sich ein Beispiel an Christof Schlingensief nehmen und sich und uns nicht mit vergeblichen Psychoanalysen quälen. Wenn Bondy sich jetzt in der Oper wieder gefunden hat, ist das doch wunderbar, scheint bei Schlingensief ja ähnlich zu sein. Warum dann aber wieder der übliche Schlag nach den jungen Regisseuren? Danach ist er doch gar nicht gefragt worden. Er erfindet ein Bild der heutigen Theaterlandschaft als vergängliches Naturphänomen wie den isländischen Vulkanausbruch, toll. Bin ich da froh, das Vulkane nur schlummern und immer mal wieder ausbrechen können, ganz unabhängig vom Wetter. Zumindest hat sich dann mal was bewegt und die Leute kommen vielleicht zum Nachdenken. Aber ihm ist wahrscheinlich der Mensch zum Denken eh zu träge und daher kommt dann dieser Schmerz an der Welt und die Einsamkeit. Auf seine Schreibversuche kann man also sehr gespannt sein und in Vorzimmern von irgendwelchen Intendanten muss er damit ganz bestimmt nicht „antichambrieren“.

    Dagegen nimmt sich das Interview, das die NZZ mit Christof Schlingensief geführt hat, wohltuend selbstreflektiv aus. Endlich mal kein ödes Sommer-Gedöns. Wenigstens einer macht sich noch ehrlich Gedanken zum Dilemma an den Deutschen Bühnen, ohne alles besser wissen zu wollen. Übrigens sagt Schlingensief nicht das früher alles besser war, in diesem negativen Kontext wie Peter Kümmel. Er blickt dankbar an seine Beginn als Theaterregisseur Anfang der 90er Jahre an der Berliner Volksbühne zurück, einem Glücksmoment in seinem Schaffen. Seitdem ist das Theater für ihn im besten Fall „…vor allem ein Forschungslabor, in dem die unterschiedlichsten Gedanken aufeinanderprallen und explodieren dürfen“, ganz ohne den Blick auf Zuschauerzahlen und den auf Konsens zielenden Programmmix der meisten Intendanten, dem der Mut zur Radikalität fehlt. Das was anderen so abgeht, hier findet man es, die Fähigkeit sich selbst richtig einschätzen zu können und das ganz ohne Kompromisse auch gegen sich selbst: „Glückseligkeit heißt, frei zu sein – auch so frei zu sein, sich selbst in Frage zu stellen. Aber das kriegt kaum einer hin, weil es schwer ist, ganz allein und für sich selbst eine Entscheidung zu treffen und zu sagen: «Ich bin nicht der, der ich sein wollte. Wie kam es dazu?»“ Schlingensief lebt wirklich im Augenblick, in dieser „Nanosekunde des Glücks“.

    Eine besonders schlechte Angewohnheit von Politikern ist es, im Sommerloch über Geld zu reden, während sie sich wahrscheinlich gerade einen Luxusurlaub gönnen oder nach neuen Posten Ausschau halten. Das trifft in diesem Jahr wohl auch auf den Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum zu, der mal wieder notorisch die Kürzung der Subventionen für die Theater fordert. Er begründet das in einem Interview mit der Berliner Zeitung damit, das eh nur Leute mit besseren Einkommen ins Theater gehen und man die ja nicht auch noch subventionieren müsse. Er fordert im Gegensatz dazu mehr bürgerliches Engagement, da hat Berlin im Gegensatz zur Mäzenatentenkultur in Hamburg und Bremen wohl eine Menge nach zu holen. Potenzial sieht er vorhanden, nur identifizieren sich die Berliner zu wenig mit ihrer Stadt. Selbst hat er mit einem Großhandel für Tiefkühlfische ein Vermögen gemacht und könnte eigentlich gleich mit gutem Beispiel voran gehen. Also Kultur nur für Reiche, der Hungerkünstler am Tropf der Mäzene und das Volk kann sich mit Campingstuhl und Thermoskanne zum Public Viewing auf den Bebelplatz setzen. So stellt sich der König der Tiefkühlfische wohl das neue Berlin vor. Eine Stadt die gerade durch ihr kulturelle Vielfalt und das gute Preis-Leistungsverhältnis überhaupt erst Touristen anlockt und gerade bei jungen Leuten was die Subkultur und Off-Szene betrifft, ganz groß im Trend liegt. All das will Herr Nussbaum kaputt sparen. In der Komischen Oper gibt es z.B. schon Ticketaufpreise für Leute die freiwillig mehr bezahlen wollen. Die können das auch tun, nur kann denjenigen die sich die Tickets vom Munde absparen, nicht die Möglichkeit genommen werden, am kulturellen Leben dieser Stadt teil zu nehmen. Was hat den Hamburg nun von seinen Millionären, außer einer baufälligen Kunsthalle und eines überteuerten Philharmonie-Neubaus? Die Preise in den Museen und Theatern in München und Hamburg sind tatsächlich um einiges höher, jedoch bezweifele ich, dass die Institutionen dort von der sogenannten Mäzenaten- und Unternehmerkultur tatsächlich etwas haben. Die Kulturvielfalt in Hamburg, der Stadt der Millionäre, ist nicht gerade Top und München ist so elitär und teuer, das sich das bald kaum noch ein Normalsterblicher leisten kann. Warum geht denn ein bekannter Künstler wie Daniel Richter aus Hamburg nach Berlin, bestimmt nicht weil die Kulturpolitik in Hamburg so toll ist und ihm Geld vorne und hinten rein gestopft wird. Nun ist es mit der Berliner Kulturpolitik ja bekanntermaßen auch nicht gerade weit her, aber der Kultursenator, der wohl immer noch Klaus Wowereit heißt, wäre gut beraten seinen Finanzsenator ins Sommerloch zurück zu pfeifen. Berlin ist um seine Finanzsenatoren nicht zu beneiden. Woran das wohl liegen mag? Bestimmt an der Verschwendungssucht der Berliner Millionäre, die keinen Groschen mehr für die Kultur übrig haben und den vielen Hartz-IV-Empfängern, die sich lieber um Großbildfernseher in den Media-Märkten prügeln.

    Berlin hat bei weitem nicht so ein hohes Pro-Kopf-Einkommen wie München oder Hamburg. Die Zugezogenen mit den guten Jobs geben da für mich auch nicht der Ausschlag, sondern die Normalverdiener, die weder Anspruch auf Unterstützung noch genügend Kohle für die Kultur haben. In München und Hamburg sieht man die kaum noch im Theater, in Wien auf den Stehplätzen, soll das in Berlin auch so werden? Die Theater ein elitären Club der Besserverdienenden, die sich dann über Rene Pollesch amüsieren, das konterkariert ja alles, was Theater heutzutage noch bedeuten könnte. Der Amüsierbetrieb ist auch in Berlin schon auf dem Vormarsch, man muss sich dann über Unterschichten keine Sorgen mehr machen, die kommen dann nicht mehr vor, nicht mal mehr hinter Glas.

    Ein weiterer Beleg für die Saure Gurkenzeit ist, dass Leute, die es sonst kaum in die Regionlazeitung schaffen, plötzlich in der großen Welt erscheinen. So auch der zwar durchaus bekannte Intendant der Senftenberger Neuen Bühne Sewan Latchinian, der nun wiederum die zu geringe Subventionen für Provinztheater feststellt. Er will sich aber gar nicht beklagen, Not mache eben auch erfinderisch und mit weniger Geld müsse es dann ja auch gehen, nur grenzt das nicht mehr nur an Selbstausbeutung, das ist Selbstausbeutung, konstatiert er ernüchtert. Ein Patentmodel hat er natürlich auch bei der Hand, die Not zu lindern, keine regionalen Kooperationen kleiner Theater, sondern die Großen gehen Patenschaften mit den Kleinen ein. Da werden die sich aber bedanken, während Leipzig sich noch Stars aus Berlin leisten kann, werden die aber bestimmt nicht für`n Appel und`n Ei nach Senftenberg gehen. Der Gedanke von Sewan Latchinian ist zwar gar nicht so übel und auf jeden Fall nachdenkenswert, nur kann das nicht von oben verordnet werden, sondern muss aus den Theatern selber kommen. Koproduktionen sind ein erster Schritt, das auch wird schon so gelebt. Partnerschaften von großen Theatern mit Provinzbühnen wären durchaus begrüßenswert, wenn das keine Einbahnstraße bleibt. Vielleicht kommen die Großen dann auch mal aus ihrer Lethargie und Nabelschau raus.

    Ein weiteres Interview gibt Nikolaus Bachler in der Welt aus der Sicht der Champions-League-Intendanten der Staatsoper München, die sich international behaupten kann, im Gegensatz zu Berlin, Hamburg und Köln, die sich seiner Meinung nach wohl im Abstieg in die Regionallige befinden. Sparen ist unsexy und besonders in der Krise muss investiert werden. Da sind dann die großen Stars gefragt und „Ein Spitzensänger kostet kein Geld, der bringt welches“. Zu Bachler muss man wirklich nicht mehr viel sagen, der sollte mal lieber vor der eigenen Tür kehren. Er kann es sich ja offenbar leisten, die Stardirigenten wie die Hemden zu wechseln. Sparen ist also unsexy in München, na ja, die neue temporäre Oper auf dem Marstallplatz sieht dann ja auch ganz geil aus, aber wer geht denn da rein, wenn der Schlingensief mit seiner Oper erst mal weiter gezogen ist. Da der Bau ja transportabel ist, kann er jetzt den Zuschauern hinterher ziehen, oder dem Autohersteller und Mitfinanzier als Werbefläche dienen.

    Das ist der Unterschied von der Provinz zu München, da sieht selbst Berlin im Vergleich ziemlich alt aus, wie es scheint. Nach Nußbaumscher Milchmädchenrechnung wird es wohl  bald keine 3 Opern mehr geben und das ist wohl auch sein Ziel. Da hilft dann auch der jüngste Welt-Interview-Kanditat, der frisch engagierte Wundertäter Jürgen Flimm nicht mehr, trotz großer Pläne und wie es schein mit viel Elan direkt aus den Fängen des politischen Klüngels der Salzburger Festpiele an die Staatsoper unter den Linden geeilt. Ob er nach der ersten Saison sich mit dem Berliner Klüngel anfreunden kann, oder doch vom Regen in Traufe gekommen ist, wird er selbst erfahren müssen. Zumindest hat er sich seinen Sinn für das Kindliche bewahrt und vergleicht die Kunst dann auch mit einem Kind, das nicht unterm Tisch hervor kommen will, „…und sagt, das geht nicht, ich bin im Bergwerk. So simpel ist das. Das Kind weiß genau, welche wunderbare Kraft die Fiktion hat, dass es sich mit einer Fiktion von der Welt entfernen kann. Das macht Theater immer. Die Kunst hat die größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte hervorgebracht.“ Wer klärt uns nun auf, wenn die Kunst des Jürgen Flimm sich von der Welt entfernt, zumindest will er kämpfen für den Platz der Künste. „Nichts ist selbstverständlich.“ Willkommen in Berlin, Jürgen Flimm.

    Ob im Herbst an Latchinians Vorschlag oder an die vielen anderen Versuche Saure Gurken an den Mann zu bringen, überhaupt noch jemand denken wird, ist sehr fraglich, man wird sich höchstens an die eine oder andere nette Provinzposse erinnern und milde schmunzeln. Nichts desto Trotz, auf weitere Meldungen aus dem Sommerloch darf gehofft werden.

    So genug Geunke, ich werfe mich nun wieder in den kühlen Weißen See und gehe danach Saure Gurken aus dem Spreewald kaufen.

    LINK-LISTE zum Nachlesen

  • Drama am Kap der Guten Hoffnung, ein blaublütiger Krake and A Summer Tale without Ending

    Während die deutsche Mannschaft nach einem Ende gut, Alles gut mit Sieg im kleinen Finale schon über den Wolken des afrikanischen Kontinents Richtung Heimat-Schland schwebte, entspann sich in Johannesburg ein Schauspiel, in dem anfänglich nicht so eindeutig klar war, worum es den übriggebliebenen Finalisten eigentlich ging. Das Ganze entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Drama in mindestens 3 Akten und Epilog, mit allem was dazu gehört und es wäre durchaus nicht abwegig, die Schlachterei von Soccer City in Anlehnung an die Seeschlacht bei Gibraltar aus dem Jahre 1607, als Drama am Kap der Guten Hoffnung zu bezeichnen, allerdings mit umgekehrtem Ausgang. Man konnte sich wahlweise einfühlen oder unbeteiligt die Kommentare der Kriegsberichterstatter Marcel Reif (Sky) oder Bêla Rêthi (ZDF) verfolgen. Es hat sich im Einzelnen wie folgt zugetragen:

    Exposition:
    Einlauf der Protagonisten in den Handlungsraum, Aufteilung in zwei Lager, die Nederlands Elftal auch Oranje genannt gegen La Furia Roja auch La Selección española genannt und deren Vorstellung. Ein Erzähler berichtet über Charaktere der Beteiligten und die Vorgeschichte. Die nun folgende Handlung wird lang und breit ausgemalt. Objekt der Begierde ist ein goldener Pokal. Mittels einer runden Kugel wird ein eckiger Lattenverschlag anvisiert. Ein Unparteiischer aus England wacht über die Einhaltung der Kampfregeln.

    1. Akt:
    Der Konflikt entwickelt sich. Zuerst wird eine Menge Holz gehackt, zum Aufbau der Schiffe. Wer die größten Bäume gefällt hat, bekommt vom Unparteiischen Sir Howard gelbe Karten zur Belohnung. Hier tun sich mit ausdauernder Kraft besonders die Niederländer hervor. Wozu die Schiffe dienen sollen, weiß noch keiner der Beteiligten so richtig, erst mal ordentlich bauen, dann weitersehen. Nachdem genug Holz gehackt ist, hätten zumindest die Niederländer die rote Siegkarte, die zum sofortiger Verlassen des Kriegsschauplatzes und vorzeitigem Duschen berechtigt, mehr als verdient.

    2. Akt:
    Prinzipiell gleicher Handlungsverlauf, nur in umgekehrte Richtung. Beide Verbände brassen hart vor dem Wind, können aber zwingende Einschussmöglichkeiten nicht wahrnehmen. Die Tagelagen wirken immer zerfledderter und die Schiffe bekommen mit der Zeit ordentlich Schlagseite. Es wird wieder Holz gehackt, um gelbe Karten einzuheimsen. Eine Entscheidung für eine der Seiten ist nach Ablauf der für gewöhnlich vorgesehen Dauer nicht in Sicht.

    3. Akt:
    Sir Howard beschließt die Weiterführung der Kampfhandlung bis zum bitteren Ende. Nachdem einige ausgebrannte Segler durch neue ausgetauscht wurden, entbrennt endlich ein Kampf auf Augenhöhe. Die Fahrt geht hin und her, von Lattenverschlag zu Lattenverschlag. Der spanischen Armada gelingt es dabei die Koggen der Niederländer mehr und mehr abzuhängen. Der Versuch von Leichtmatrose Heitinga einen besonders großen Baum zu fällen, kann das Ruder nicht mehr rumreißen. Da nur er zum Duschen darf, müssen die restlichen Niederländer nach und nach die Segel streichen. Der vernichtende Schlag gelingt endlich Admiral Iniesta. Mit einem gezielten Schuss aus nächster Nähe in den Lattenverschlag von Stekelenburg, wird die Niederländische Orlogflotte so gut wie versenkt. Sir Howard hat auch längst den Überblick verloren, einige seiner Entscheidungen sind vor allem für die Oranje nicht mehr ganz nachvollziehbar. Er vergibt nun sogar Karten für gut gemeinte Ratschläge von Seiten des Maat van Bommel. Letztendlich erklärt er den niederländischen Schiffbruch für besiegelt und beendet die Katastrophe.

    Prolog mit Überreichung der Siegtrophäe an die La Furia Roja, Spalier durch die gekrönten Häupter und die am Boden zerstörte Oranje. Wie immer liegen tiefe Trauer und überwältigende Freude dicht beieinander. Siegesfeuerwerk und großer Jubel. ENDE.

    Leider kann ich nur den Handlungsverlauf schildern und muss eine genaue Dialogwiedergabe schuldig bleiben, da über 120 min. den Rahmen hier sprengen würden.
    Ein Statement des Admirals Iniesta nach dem Sieg sagt da alles „sin palabras – ohne Worte“.

    Karthasis: keine. In 4 Jahren beginnt das ganze Drama von vorn.

    Nachtrag:

    Krake Paul aus Oberhausen wird für die richtige Vorhersage des Sieges von König Juan Carlos von Spanien geadelt und heißt nun Pablo el Pulpo la Furia del Roja und wird zum Konteradmiral ehrenhalber ernannt. Was ist dagegen schon das Bundesverdienstkreuz?

    Einige Zeit werden wir noch an den Lippen der Nachkommentatoren hängen und aufgeregt in der Hitze vor uns hin ölen, bis wir endgültig mit sämtlichen Vuvuzelas im Sommerloch verschwinden dürfen. Nur womit verbringen wir die restlichen 696 Tage bis zur nächsten Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Ein kalter Entzug ist zu befürchten und bis zur WM 2014 in Brasilien ist es mindestens eine gefühlte Ewigkeit.

    Eine Idee gäbe es da schon. Man kann sich die Zeit natürlich mit der Günter Netzer CD-Collection verkürzen, die der nun in den wohl verdienten Ruhestand gestellte Kommentator, von seinem langjährigen Stichwortgeber Gerd Delling sichtlich gerührt am Samstag entgegennahm. Günter Netzer kann tatsächlich lachen und ist auf einmal richtig komisch. Plötzliche Altersweisheit oder die totale Erleichterung, wir werden es beim Hören seiner gesammelten Werke I bis X von „Was ich nicht verstanden habe“, über „Was ich immer noch nicht verstanden habe“, bis „Was ich nie verstehen werde“ erfahren. Das Leiden hat eine Ende „Ich habe genug geredet“, er kann nun endlich wieder die „Feiermaus“ mit Kaiser Franz geben. Ob je wieder ein Ex-Fußballer den von Beckenbauer so genannten Gebrüder-Grimm-Preis bekommt, hängt nun von Olli, Mehmet und Co. ab und einem erneuten Summer Tale without Ending.

  • Es war einmal? Zum Artikel von Peter Kümmel in der Zeit vom 08.07.2010

    Das Sommerloch hat sich aufgetan und Stadelmaier, Bondy, Stein und nun also auch Peter Kümmel rufen da hinein oder Kümmel wahrscheinlich eher heraus, aus einer Höhle nämlich, in der wir alle festsitzen und auf blasse Schatten schauen, die wir für das Leben halten. Platons Höhlengleichnis hätte hier zur Untermauerung seiner These des gesichtslosen, austauschbaren Protagonisten gerade noch gefehlt. Dabei hat er sogar noch einige stärkere Gleichnisse für das seiner Meinung nach vorherrschende Bild des Schauspielers gefunden. Nicht nur Callcenter-Mitarbeiter bevölkern die deutschsprachigen Bühnen, nein, ganze Krankenhaus-Personagen, die wir als „alt, verwirrt oder aufgeregt“ Eingelieferter nicht mehr wiedererkennen würden. Der Zuschauer in der Zwangsjacke der Theater? Man muss Angst bekommen, ob dieser Monstren, Mumien, Mutationen der „reflexiven Impotenz“. Der heutige Schauspieler, wie er sich in Programmheften zeigt, wirkt ausdruckslos und leer mit seinem nackten Gesicht, wie ein Wasserturmfoto von Bernd und Hilla Becher, weiß Kümmel zu berichten.

    Was hat Herrn Kümmel das Theater nur so vergellt? Es ist das Übliche, wir kennen es schon aus den Warnungen von Gerhard Stadelmaier vor der bevorstehenden „episch verseuchten“ Theatersaison. Er hat den Schauspieler ausgemacht, als einen, der „…keine Figur mehr spielt, die Idee der Figur an sich ist out.“ „Fünf oder zehn Schauspieler verwalten gemeinsam ein Stück, einen Text, zu Neudeutsch eine Textfläche.“ Das Doku-Theater von Rimini Protokoll und die Jelinek-Inszenierung „Die Kontrakte des Kaufmanns“ von Nicolas Stemann dienen ihm dafür als anschaulich schlechtes Beispiel.

    Kümmel nimmt sich einen von Goethe und Schiller verfassten Aufsatz von 1797 “Über epische und dramatische Dichtung” zur Grundlage, mit der These, das der Epiker die Begebenheit als vollkommen vergangen vorträgt und der Dramatiker sie als vollkommen gegenwärtig darstellt, um im Moment das genaue Gegenteil festzustellen. „Das aktuelle deutsche Theater widerlegt diesen Befund“, so Kümmel, „übt sich darin, eine Begebenheit auf der Bühne als nicht vollkommen gegenwärtig darzustellen, sondern sozusagen als halb vergangen.“ Das stelle nun eigentlich das Postulat, Theater habe eine Begebenheit als „vollkommen gegenwärtig“ darzustellen, außer Kraft. Das würde bedeuten, das im Moment so ziemlich alle Inszenierung nur von bereits Vergangenem berichten würden. Woher hat er diese hanebüchene These? Theater würde so eigentlich eine reine Illusion des Moments verkaufen, der uns dann vollkommen gegenwärtig erscheinen soll.

    Goethe und Schiller ging es hier in erster Linie darum, die Grenzen der Gattungen Epos und Tragödie aufzuzeigen. Dazu listen sie erst einmal auch die Gemeinsamkeiten auf. Die Einheit und Entfaltung der Handlung sowie den rein menschlichen, persönlichen Gegenstand der Handlung. Dazu dienen ihnen als Beispiele die Elias als epische Dichtung und die attischen Tragödien. Sie stellen sich dann vor, wie ein Rhapsode und ein Mime die jeweilige Gattung vor Publikum vortragen würde. Der Epiker eben als vollkommenen vergangen und der Dramatiker als vollkommen gegenwärtig, da der Mime eben unmittelbar präsent ist und durch Mimesis bestimmte Gefühle ausdrückt. Selbst Goethe stellte damals schon in einem Brief an Schiller eine Vermischung der Genres fest. Er klagt aber eher über das sich „…zur Darstellung des vollkommen Gegenwärtigen“ Hindrängende in den Romanen der damaligen Zeit. Beispiele sind dafür die Briefromane und da hat er ja an dieser Tendenz mit seinem Werther selbst mitgewirkt. Im Umkehrschluss versucht er dann mit seinem Aufsatz zu verhindern, dass solcher Art Romane auf die Bühne kommen. Sein Werther eignet sich aber meiner Meinung nach vortrefflich dafür. Zum Beispiel Jan Bosses Inszenierung am Gorki, komisch schon wieder das Gorki, das episch verseuchte Theater also nach Stadelmaier. Schiller leuchtet durchaus ein was Goethe will, er relativiert das aber auch wieder etwas, indem er an Goethe zurück schreibt: „Die Dichtkunst, als solche, macht alles sinnlich gegenwärtig, und so nöthigt sie auch den epischen Dichter, das Geschehene zu vergegenwärtigen, nur daß der Charakter des Vergangenseyns nicht verwischt werden darf. Die Dichtkunst, als solche, macht alles Gegenwärtige vergangen und entfernt alles Nahe (durch Idealität), und so nöthigt sie den Dramatiker, die individuell auf uns eindringende Wirklichkeit von uns entfernt zu halten und dem Gemüth eine poetische Freyheit gegen den Stoff zu verschaffen.“ Beide haben, mit ihrem Postulat die Genres zu trennen, lediglich versucht eine Idealisierung vor zu nehmen. Das ist aber wie den Augenblick in einer Fotografie einzufangen, ein Paradox. Man kann nun feststellen, wenn man will, ob Goethe und Schiller das in ihren Werken geglückt ist. Der Vollständigkeit halber sei noch auf Schillers „Über die tragische Kunst und Über das Pathetische“ (1792) hingewiesen. Das würde zum Vorwurf passen, den Kümmel gegen Rimini Protokoll vorbringt, ein Theater ohne Figuren (Daimler-Benz Hauptversammlung) zu sein und die historische Wahrheit der poetischen vorzieht. Letztendlich werden sich die Genres trotzdem weiter vermischen und auch Herr Kümmel wird den Roman nicht von der Bühne verdrängen können.

    Kümmel redet immer zu von Gegenwart, steckt aber selber tief in der Vergangenheit. Früher war bekanntlich immer alles besser. Der Schauspieler schlüpfte noch stellvertretend für uns in die „vielen Arten des Menschseins“. Den Versuch, den Zuschauer aus seiner Passivität heraus zu holen, scheint Kümmel nicht zu kennen. Für ihn setzte Max Reinhardt 1905 Meilensteine mit seinem Berliner „Sommernachtstraum“. Reinhardt als der moderne Regisseur, der mit hoher Kunst und einer speziellen Schöpferkraft für „das Anfüllen von wartendem Raum“ gesorgt hat. Die Bühne heute ist Kümmel wie „…ein mächtiges Innen, das ein komplementäres Außen gar nicht mehr braucht: ein Endlager.“ „…ein sich entleerender, seine Insassen verdauender, ausscheidender Raum.“ Ein einziger Verdauungsapparat also, Buch oben rein, eigener Regisseursaft dazu, unten kommt der Extrakt raus. Wenn das wirklich so einfach wäre. Ich glaube, Kümmel verwechselt da die Ausscheidung mit dem eigentlichen Nährstoff, der vom Regisseur aus dem Buch gesaugt wird und im anschließenden Verdauungsprozess, nachdem der nicht benötigte Teil wieder ausgeschieden wurde, als Extrakt die Bühne füllt. Hier wäre das Reflektierte, das dem Regisseur und dem Schauspielensemble so wichtig erscheint, das es dem Zuschauer gezeigt werden muss. Beispielhaft dafür vielleicht Kriegenburgs „Prozess“ in München oder Bachmanns „Zauberberg“ und „Ödipus auf Kuba“ eine Homo-Faber-Version von Arnim Petras am Gorki-Theater in Berlin. Und ganz nebenbei stehen da auch Schauspieler aus Fleisch und Blut auf der Bühne, die genug Können und Willen haben, für diese „Wiederbegegnung“ mit sich selbst. Dass das Vorhaben nicht immer gelingt, ist das Risiko, das z.B. Frank Castorf immer wieder eingeht, der „große Schmerz“ zu scheitern und nicht der „kleine Schmerz“ ein fertiges Bühnenwerk zu nehmen und es vom Blatt zu inszenieren.

    Für Kümmel liegt die Rettung der Schauspielkunst im Augenblick. „Dieses unfassbare Wesen, der Augenblick, liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe als in keiner Zeit seiend.“ sagte Platon. Der Augenblick ist aber trügerisch, er stellt auch nur eine Illusion dar, wenn man ihn festhalten will. Nehmen wir Fausts Vision „Zum Augenblicke dürft ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdetagen nicht in Äonen untergehn. Im Vorgefühl von solchem hohen Glück, genieߑ ich jetzt den höchsten Augenblick.“ Ein Augenblick ist nicht klar definierbar, er ist ein ästhetisch ganz unterschiedlich fassbarer Moment im Leben eines Menschen und wird leider immer sofort zur Vergangenheit. Natürlich kann man versuchen das darzustellen. Wie man in den Zeitebenen eines Romans springen kann, geht das natürlich auch in einem Theaterstück, Faust oder Per Gynt zum Beispiel. Man muss den Augenblick mit einem Inhalt füllen und so wird er gegenwärtig. Das Abbild eines Augenblicks ist eine temporäre Illusion wie eine Fotografie. Der platonische Augenblick ist abstrakt und nicht per se gegenwärtig. „Die Zeit ist das bewegte Bild der Ewigkeit.“ Mit Platon hat sich Kümmel auch eher einen schauspielfeindlich eingestellten Fürsprecher zu Hilfe genommen, gerade was das Drama betrifft. Platon wollte den Schein vom Sein trennen. Nietzsche bezeichnete Platons nahezu epische Dialogdichtung sogar als langweilig. Soweit will ich gar nicht gehen, Platons Gastmahl ist sicher große Dichtung mit einem tiefen philosophischen Kern.

    Peter Kümmel versucht sich aus dem Aufsatz von Goethe und Schiller ein neues Postulat zu basteln. Dazu führt er noch Platons Augenblick ein. Einen so hoch philosophischen Begriff, an dem sich nicht nur Platon im Parmenides, sondern auch Kierkegaard, Heidecker, Foucault und andere Philosophen versucht haben. Der Augenblick als Ausgangspunkt des Verstehens ja, aber als die absolute Darstellung des Gegenwärtigen, das ist auch nur eine Idealisierung, ein rhetorischer Kunstgriff. Letztendlich ist Kümmels Essay ein schön geschriebener polemischer Seitenhieb nicht nur an den Schauspieler an sich, sondern an den Regisseur, der den Darsteller so teilnahmslos vergangen aussehen lässt. Es bleibt aber alles eine unbewiesene Grundsatzthese. Kümmel meint wohl eher das Dramatische Theater des Aristoteles, in dem der Schauspieler eine Figur darstellt, die ihn durchdringt und die dann widerhallt, die Emotionen in uns erzeugt. Das ist aber das typische Einfühlungstheater, wie langweilig. Ein Wesen das nur in Platons Augenblick lebt, ist zwar zeitlos, die Zeit steht still, wirkt aber auch statisch, wie ein von Peter Stein auf einen Stuhl gefesselter am Bühnenboden festgenagelter Klaus Maria Brandauer als blinder Ödipus, es verfehlt das Gegenwärtige, in einem Zwischenreich festsitzend, ist toter Raum.

    Herr Kümmel, kommen Sie aus der Höhle raus, legen Sie sich in einer mondlosen Nacht auf den Rücken und schauen Sie in den Sternenhimmel, erkennend, das ein Augenblick unendlich sein kann und eben nicht alles in einer Figur darstellbar ist.

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    überarbeitet am 21.07.10