Drei kurze Tage in der Ewigen Stadt
„Was lange wird, wird gut – Eile mit Weile – Rom ist nicht in einem Tag gebaut – Kommst du heut nicht, kommst du morgen und noch viele hundert ähnliche Sprichwörter führt der Deutsche beständig im Munde.“ Heinrich Heine
Heine hatte ja bekanntlich nicht viel übrig für die Romschwärmer auf Goethes Spuren. Nichts desto trotz stehen wir um 8:00 Uhr morgens wieder auf der Matte, der Tag beginnt mit einem Capuccino und einer Busfahrt zur Villa Borghese, dem großen Park im Norden Roms.
„…die Gärten in und um Rom zu besuchen. Mein Freund! es ist nicht zu beschreiben, wie schön die Natur in diesem Lande ist. Man gehet in schattichten Lorbeerwäldern und in Alleen von hohen Cypressen, und an Gatterwerken von Orangerien, an eine Viertelmeile weit in etlichen Villen, sonderlich in der Villa Borghese. Je mehr man Rom kennen lernet, je besser gefällt es. Ich wünschte, beständig hier bleiben zu können.“ Johann Joachim Winckelmanns, 1756
Das frühe Kommen hat sich gelohnt. Der Park liegt noch ruhig da, nur ein paar Jogger und frühe Touristen im ersten Sonnenlicht. Die Galleria Borghese ist unser Ziel. Sie ist im Casino der Villa Borghese untergebracht, das Gebäude wurde 14 Jahre lang aufwendig saniert und ist seit 1998 wieder eröffnet. Der helle Sandstein der Fassade leuchtet in der Morgensonne. Eintritt nur nach Voranmeldung, in einem Zeitfenster von 2 Stunden kann man die Säle des 3-geschossigen Casinos besichtigen. Erbaut wurde es zwischen 1613 und 1616 von Kardinal Scipione Borghese, der als Neffe des Papstes Pauls V. durch die Anhäufung eines unermesslichen Vermögens, auch aus dem konfiszierten Gütern römischer Patrizierfamilien, die Möglichkeit hatte, die wohl größte Kunstsammlung der Renaissance und des Barock im 16. und 17. Jh. zusammen zu tragen. Andächtig geht man durch die Säle vorbei an Berninis Barock-Skulpturen Apollo und Daphne, dem Raub der Proserpina, Äneas und Anchises und des Davids mit der Schleuder, den Mundwinkel verzerrt vor Anstrengung des Zielens. Immer wieder schweift der Blick an die reich bemalten und verzierten Decken, man kann kaum räumliche Malerei von echten Reliefs unterscheiden. Im Sala di Paolina Borghese, der Frau des Camillo Borghese, ruht die Paolina Bonaparte Borghese als siegende Venus von Antonio Canova 1805-08 auf ein Marmorkissen gebettet.
Bildhauerisches
Palmström haut aus seinen Federbetten,
sozusagen, Marmorimpressionen:
Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.
Aus dem Stegreif faßt er in die Daunen
des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen,
leuchterschwingend, seine Schöpferlaunen.
Und im Spiel der Lichter und der Schatten
schaut er Zeuse, Ritter und Mulatten,
Tigerköpfe, Putten und Madonnen…
träumt: wenn Bildner all dies wirklich schüfen,
würden sie den Ruhm des Alters retten,
würden Rom und Hellas übersonnen!
Christian Morgenstern, Palmström (1910)
An den Wänden hängen Gemälde von Raffael, Caravaggio, Tizian und Botticelli sowie eine große Auswahl von Gemälden des Norditalieners Dosso Dossi aus dem 16. Jh. Die 2 Stunden gehen schnell vorbei und wir machen uns auf den Weg den Park zu durchstreifen. Vorbei am Giardino Zoologico, in dem sich die Affeninsel, die uns Robert Musil in seiner Kurzgeschichte von 1936 so plastisch beschrieben hat, befindet.
„In der Villa Borghese in Rom steht ein hoher Baum ohne Zweige und Rinde. Er ist so kahl wie ein Schädel, den die Sonne und das Wasser blank geschält haben, und gelb wie ein Skelett. Er steht ohne Wurzeln aufrecht und ist tot, und wie ein Mast in den Zement einer ovalen Insel gepflanzt, die so groß ist wie ein kleiner Flussdampfer und durch einen glattbetonierten Graben vom Königreich Italien getrennt wird. Dieser Graben ist gerade so breit und an der Außenwand so tief, dass ein Affe ihn weder durchklettern noch überspringen kann. Von außen herein ginge es wohl; aber zurück geht es nicht.“
Robert Musil aus Die Affeninsel
An der Viale Belli Arte steht der Palazzo delle Belle Arti mit der Galleria Nazionale de Art Moderna. Das Museum, mit vorrangig italienischer Kunst des 19. und 20. Jh., wurde 1883 gegründet und ist hier seit 1914 untergebracht. Das Gebäude wurde zur Weltausstellung 1911 errichtet, die Fassade ist an Otto Wagners Jugendstil orientiert, enthält aber auch klassizistische und Renaissance-Motive. Der Rundgang ist durchaus lohnend, einen so umfangreichen Überblick über die italienische Kunst des 19. Jh. vom Neoklassizismus über Divisionismus zu Symbolismus und Jugendstil hat man so noch nicht bekommen. Hervorzuheben sind sicher Morelli, Segantini, Severini, Savinio und der Maler des Lichts Gaetano Previati. Weiter geht es mit Werken des Novecento aber auch Gemälde von Degas, Monet, van Gogh, Klimt, van Dongen und die bekannten Italiener Modigliani, de Chirico und Morandi sind zu sehen. Die Futuristen sind besonders durch Giacomo Balla vertreten, der Neorealismus mit Guttuso und Manzù. Einige Säle sind der Nachkriegsmoderne, Pop und Land Art mit Lucio Fontana, Mimmo Paladino, Francesco Clemente, Jannis Kounellis, Jackson Pollock, Cy Towbly und nicht zu letzt Andy Warhol gewidmet. Nach weiteren 2 Stunden Kunstgenuss erklimme ich nun den Monte Pincio, um endlich dann den für alles entlohnenden Blick über die Stadt zu haben.
“Die ganze Stadt tat sich vor mir auf, eine endlose Folge von Dächern, Terrassen, Fenstern und Kuppeln, eine lichte Weite aus luftigem Grau, zart leuchtendem Gelb, goldenen Rosatönen und altersmürbem Putz, der im Schatten leicht violett schimmerte. Alles erschien klar und fern, umgeben von fast dinghafter, getönter Luft, in der Myriaden staubfeiner goldener Teilchen zu schwirren schienen. Am äußersten linken Rand schloß, blau in der Entfernung, die Kuppel des Petersdoms die Häuserlandschaft ab; …“
Carlo Levi, aus dem Roman Die Uhr
Hier kann man sich nun entscheiden, ob man den Abstieg in Richtung Piazza del Popolo nimmt oder in Richtung Piazza di Spagna geht, ich wähle letzteres. Der Weg führt vorbei an der Villa Medici, die hoch am Wege hinter blühenden Sträuchern aufragt, in Richtung der Kirche Trinita die Monti mit einem ägyptischen Obelisken davor. Von hier aus windet sich die Spanische Treppe mit ihren mal konkaven, mal konvexen Stufen zur Piazza die Spagna herunter. An ihrem Rande befinden sich die Casa de Chirico und das Keats-Shelley-Museum mit Handschriften des Rom-Begeisterten Lord Byron.
Auch Robert Musil wohnte hier im Hotel Lavigne bei der Spanischen Treppe … mit gläsernen Lüstern, Spiegeln in Glasrahmungen udgl. In dieser schiefen, verwackelten, zahnlückigen Stadt, verrückten Stadt, die manchmal wieder so gerade, mit viel zu vielen Fenstern dasteht. schrieb er in seinen Tagebüchern liebevoll über Rom.
Auf der Piazza an der Fontana della Barraccia, sie hat die Form eines Schiffes und ist mal von einem anderen Bernini, nämlich dem Vater Pietro, spielen Kinder. Ein Italiener mit Trillerpfeife mimt den Bademeister und ruft die Kids zur Ordnung. Baden leider verboten, nicht mal die müden Füße darf man sich kühlen. Wie mag es hier noch zu Zeiten der Blumenkinder gewesen sein, wenn selbst Ernst Jünger 1968 schwärmte:
“Ich kam über die Spanische Treppe, dem Treffpunkt von Gammlern und Hippies aus aller Welt. Einer posierte im violetten Rock und silbernen Schuhen, mit blonden Haaren, die bis auf die Schultern fielen, einen Admiralshut über dem geschminkten Gesicht. Ein Hauch von Haschisch in der Luft.“
Heute posieren nur ein paar ziemlich normal aussehende Touristen in Shorts. Man sitzt brav auf den Stufen der Treppe und beobachtet das gemächliche nachmittägliche Treiben. Und so trolle ich mich bald in Richtung Piazza Barberini, um den Heimweg an zu treten.
An der Piazza della Republica mit seiner Fontana delle Naiadi in der Mitte, erschaffen zwischen 1885 und 1901 von Guerrieri Rutelli, steht auf den Ruinen der Diokletian-Thermen die Kirche Santa Maria degli Angeli, ein Alterswerk von Micheangelo aus dem Jahre 1563 mit ihren wunderschönen kreuzförmig angeordneten Schiffen und Mosaikfenstern. Im hinteren Bereich der ehemaligen Thermen befindet sich das Museo Nationale Romano, das ich für heute auslasse und mich lieber noch zum Besuch des Forum Romanum entschließe.
So lang‘ das Coliseum steht, steht Rom;
Fällt dieß, so fällt auch Rom, fällt Rom – die Welt!
Zur Sachsenzeit ward einst bei diesem Dom,
Zur Zeit, die alt zu nennen uns gefällt,
Von Pilgern unsres Lands der Satz gestellt!
Doch stehn noch alle drei zu dieser Frist,
Rom, Roma’s ew’ge Trümmer und die Welt,
Die noch dieselbe weite Höhle ist
Für Diebe oder – was Ihr sonst zu nennen wißt!
Lord Byron aus Ritter Harolds Pilgerfahrt 1812-1818
Direkt an der Metrostation Colosseo, erheben sich die Reste des großen antiken Theaters von Rom, 72 n.Chr. erbaut von Kaiser Vespasian um die Römer nach den Eskapaden des Nero mit Brot und Spielen zu zerstreuen. Anlässlich der Tausendjahrfeier Roms sollen dort 247 n.Chr. 2000 Gladiatoren gegeneinander angetreten sein. Nun ist das Kolosseum eine große Ruine und der Wind der Geschichte fegt durch die Bögen der Ränge.
Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule,
Dort, wo der Adler einst in Gold gestrotzt,
Hält eine Fledermaus Vigilien,
Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms
Im Winde flattern ließen, wogen nun
Riedgras und Disteln, und wo der Monarch
Auf goldnem Thron wollüstig träge saß
Da schlüpfen nun, vom Monde schwach beleuchtet,
Eidechsen hurtig in ihr Marmorheim.
Edgar Allan Poe, aus Das Kolosseum, 1891
Vorbei am Arco die Costantino aus dem 4. Jh. geht es zum Eingang des Forum Romanum. Die Sonne steht nun schon tief und es bleiben wieder mal nur knapp 2 Stunden zur Besichtung der antiken Trümmer. Das scharfe Licht, das die alten Gemäuer und Zypressenbäume in fantastischen Farben erstrahlen lässt, entschädigt aber für alle Mühen.
In mildem Glanze strahlest du, Rom. Auf Purpurkissen,
in gold´ne Schleier eingehüllt, still liegst du da.
Gabriele d´Annunzio (1863-1938)
Das Forum war seit ca. 500 v.Chr. das politische Zentrum der Stadt Rom. Man läuft die Via Sacra entlang, an Tempelruinen vorbei, wie einst die großen Triumphzüge in Richtung Monte Capitolino. Da ertönt schon die Pfeife der Forumswärter und wir müssen das Gelände über eine steile Treppe zum Kapitolsplatz verlassen. Die Gebäude des Platzes sind von Michelangelo gestaltet, in der Mitte steht das Reiterstandbild des Kaisers Marc Aurel. Hier wurde Julius Cäsar von Brutus gemeuchelt.
Cäsar entblößte sein Haupt und hatte sich selbst nicht zu grüßen;
Kann ich weniger thun, jetzt, da sein Schatten hier weilt?
Friedrich Hebbel, Auf dem Capitol (1845)
Über die Stufen der Cordonata verlassen wir den historischen Ort.
Was kann vermieden werden,
Das sich zum Ziel die mächt’gen Götter setzten?
Ich gehe dennoch aus, denn diese Zeichen,
So gut wie Cäsarn, gelten sie der Welt.
William Shakespeare aus Julius Cäsar
Unten erstreckt sich die Piazza Venezia mit dem Altar des Vaterlandes, einem monumentalen Nationaldenkmal für die italienische Staatsgründungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jh. Gegenüber liegt der Palazzo Venezia einst Regierungssitz Mussolinis. Wer von hier aus noch zum Circus Maximus will, kann das getrost auslassen, es lohnt nicht. Am Ort an dem einst Ben Hur in seinem Streitwagen um die Kurven jagte, joggen nun die Römer durchs Gras und feiern junge Leute Grillpartys. Vertrieben von den Mückenschwärmen ziehen wir lieber wieder im Trastevere nach einem guten Essen mit Vino della Casa noch etwas um die Häuser.
Wenn das Schaukelbrett die sieben Hügel
nach oben entführt, gleitet es auch,
von uns beschwert und umschlungen,
ins finstere Wasser,
taucht in den Flußschlamm, bis in unsrem Schoß
die Fische sich sammeln.
Ist die Reihe an uns,
stoßen wir ab.
Es sinken die Hügel,
wir steigen und teilen
jeden Fisch mit der Nacht.
Keiner springt ab.
So gewiß ists, daß nur die Liebe
und einer den andern erhöht.
Ingeborg Bachmann, Römisches Nachtbild, 1956
Fortsetzung folgt