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  • Paul oder ein Orakel-Debakel

    Nachdem ich heute früh mit dickem Kopf aufgewacht bin, habe ich natürlich sofort an Pulpo a la Vinagretta gedacht, das Internet ist auch schon voll von guten Rezepten. Krake Paul, der eigentlich Pablo el Pulpo heißt, der falsche Zwanziger, der uns tagelang in Sicherheit gewiegt hat, ist aber sicher längst außer Landes und liegt in einem Eimer Sangria in Palma am Strand. Der unfehlbarste unter allen Sehern, die Kassandra der letztendlich doch niemand glauben wollte, ein Orakel fatal, das sich nun wahrscheinlich fröhlich ins Exil begeben hat, um missgelaunten deutschen Touristen, die sich um ein zweites Sommermärchen betrogen fühlen, in Mallorca das Wetter voraus zu sagen.
    Ich habe mir das Elend gestern auch noch beim Spanier El Tauro auf dem Pfefferberg im Prenzelberg angesehen. Erst gab es frittierte Oktopusringe und dann rangen sich die deutschen Spieler ein Fehlpassgekurke mit tentakelähnlichen Gummibeinen ab. Die filettierten Jungstiere wurden von den spanischen Toreros brutal in die Pfanne gehauen. Man kann gar nicht genug Albariño trinken, um das dann noch runter zu kriegen. Mein kleines „Loveletter“ an die neue Kunst des Ballverpassens im deutschen Team habe ich dann noch kurz vor dem Koma geschrieben. Am Samstag ist dann nun kleines Trost-Finale in der Volksbühne, vielleicht werden die Jungs irgendwann mal Kroos und es reicht wieder fürs Endspiel.
    Zurück zu Paul, was haben sich die Hobbyzoo- und -orakelogen in Oberhausen nur dabei gedacht? Sie machen eine ganze Nation verrückt und sorgen dann nicht mal für ein vernünftiges Happy End. Und überhaupt, was ist das schon so ein Orakel? Man pilgert hin, muss wochenlang untätig rumsitzen und bekommt dann von einem volltrunkenen Medium doppeldeutige lateinische Hexameter um die Ohren gehauen, die kein Schwein richtig deuten kann. Krösus wusste ein Lied davon zu singen, als er nicht fremde Völker sondern sein eigenes zerstört hatte. Der große Alexander wollte sich mit dem Warten nicht lange aufhalten, da er ja schließlich noch die halbe Welt erobern musste und hat Pythia die Hohepriesterin des Orakels von Delphi und somit den Spruch kurzerhand an den Haaren herbeigezogen. So kommt das Ganze einem auch mittlerweile vor und vielleicht ist die neue Kuscheltaktik von Jogi Löw einfach zu lieb zu solchen Weicheiern wie Paul und etwas mehr alt bewährte Härte hätte sicher auch dem Spiel gegen Spanien gut getan.
    Übrigens hat die Seherin Kassandra einen ganzen Krieg in Troja vorhergesagt und nicht nur den Ausgang eines banalen Ballgetretes. Für das Eintreffen des Ereignisses wurde sie dann letztendlich auch noch mit Wahnsinn und Tod belohnt. Tolle Aussichten also für ein Orakel. Nun ist Paul alias Pablo ja gar kein richtiges Orakel, da er nicht sprechen kann und man ihm vergammeltes Muschelfleisch unterschieben muss, um ihm eine Reaktion zu entlocken. Wahrscheinlich ist er davon schon so benebelt, das er die Farben der Fahnen gar nicht mehr auseinander halten kann, denn Augen hat so ein Krake ja eigentlich schon. Und so ähneln Pauls seherische Fähigkeiten eher einem blinden Teiresias, der widerwillig verklausulierte Sprüche von sich gibt und selbst nicht richtig weiß, ob er eigentlich Männchen oder Weibchen ist. Teiresias und ein weiteres Orakel sind mit verantwortlich für ödipale Komplexe, schreckliche Schauspielinszenierungen und ein bevorstehendes Wiedersehen mit Peter Stein und Klaus Maria Brandauer. Vielleicht haben die spanischen Fans aber auch heimlich einen vergammelten stinkenden Bismarckhering in den Pott mit der deutschen Fahne gelegt? Wie dem auch sei, so ein richtiges Orakel will gefragt werden und mich hat ja eigentlich auch keiner vorher gefragt ob ich es überhaupt hören will, was Paul zu sagen hat. So sind diese fragwürdigen Entscheidungen Pauls, wie die Weisheiten der Sibylle, die eigentlich niemand gebeten hatte zu weissagen, die aber fast schon notorisch immer wieder doppeldeutige Rätseleien unter die Menschheit streute.
    Ich halte es da eher doch lieber mit den alten Naturvölkern, die ihre Feinde ganz oder Teile von ihnen verzehrt haben, um den Bann zu brechen und deren Kräfte und Eigenschaften auf sich über gehen zu lassen. Aber was wird man von so einem Gummipaule schon bekommen, außer einem weichen Keks womöglich noch einen flauen Magen und ein vorlautes Grummeln und orakelndes Wiedergehen in der Speiseröhre.
    Egal, genug Orakelgekrakel, jetzt führe ich erst mal meinen Kater spazieren und dann kaufe ich mir eine Pfanne.

    Pablo El Pulpo
    Orakel fatal
    sibyllische Kassandra
    Du kannst mich mal

  • Trauerschland, a love letter

    Der Wurm ist drin
    Der Ball ist´s nicht
    Es fehlte Müller
    Welch blasses Licht

    Blockade Klose
    Alle Lahm
    Ballverlust Schweini
    ¡No Pasarán!

    Standard, Ecke
    Kopfball Puyol
    No, Manuel Neuer
    España Goool

    Adiós Finale
    Aus ist der Traum
    Im Tal der Tränen
    Man glaubt es kaum

    La Furia Roja
    Das sind die Stars
    Dankeschön Jogi
    Leider, das war`s

    Trostspiel am Samstag
    Bis nächstes Mal
    Viva España
    Campeón Mundial

  • Das Ende der Diven und Kollektivierung jetzt auch auf dem Rasen

    Die letzten wirklichen Diven sind raus. Seit die deutschen Rasenmäher am Samstag Nachmittag locker wie beim Tanztee die letzte Hoffnung der Argentinier um Maradona und Messi abrasiert haben, ist das Volk der theatralischen Fußballshow am Boden zerstört.
    Wie nach einer tragischen Oper von Verdi im Teatro Colón in Buenos Aires, stehen Maradona und Messi Arm in Arm auf dem Rasen in Kapstadt und können sich der Tränen nicht erwähren. Maradona ist von einem fröhlichen Falstaff zu einem tragischen Rigoletto geworden. Sein Kind, die Albiceleste liegt zerstört vor ihm. „Gott ist kein Argentinier“ weiß der indische Sunday Express. Die Hand Gottes hat sich wieder vom südamerikanischen Kontinent abgewandt. Maradona wird etwas trauern, aber dann sicher wieder auferstehen.
    Das Theatralische liegt dem Volke Argentiniens im Blut, hier zu Lande ist die Show der Gruppe De La Guarda sicher noch gut in Erinnerung und die First Lady der 40er und 50er Jahre und Schauspielerin Eva Peron ist immer noch eine Nationalheldin. Ihr widmete Andrew Lloyd Webber das Musical Evita. „Don’t cry for me Argentina“ ist nach der Niederlage im Viertelfinale wieder in aller Munde. Webber hatte durch einen Kunstgriff die vielleicht größten Persönlichkeiten Argentiniens die Filmdiva Evita und den Berufsrevolutionär Che Guevara zusammen geführt. Und auch Maradona macht da keine Ausnahme in der Liebe zu diesen Personen, hat er doch ein Tattoo von Che auf dem Unterarm. Der Trainer von Uruguay hat sich sogar einen Spruch von ihm an sein Haus in Montevideo schreiben lassen: „Auch wenn du härter wirst, darfst du nie deine Zärtlichkeit verlieren.“ Das ist von Maradona und seiner Liebe zu seinem Star Messi auch nicht zu erwarten und umgekehrt steht auch die Mannschaft weiter zu ihm, trotzdem hat Maradona bereits konstatiert „Meine Zeit ist vorüber“. Und auch die Zeit der anderen großen Fußballdiven ist abgelaufen. Die Kollektivierung auf dem Rasen greift um sich und „Wo sind all die Messis hin, wo sind sie geblieben?“ möchte man in Anlehnung an Pete Seeger singen.
    Ob man einen Christiano Ronaldo, Franck Ribéry und Kaká so schnell wieder sehen wird ist fraglich, nur Lionel Messi und Wayne Rooney sind zumindest in einem Alter, das noch eine weitere Chance zulässt. Aber auch ein deutscher Star ist von der um sich greifenden Kollektivbildung betroffen, Michael Ballack ist bereits nach Hause gefahren und obwohl er bald wieder spielen kann, wird von Philipp Lahm bereits an seinem Stuhl gesägt. Er wird die Binde des Kapitäns nicht so schnell wieder ablegen wollen. Die deutsche Mannschaft hat einen Leitwolf nicht mehr nötig, sie rennen alle nur durch einen inneren Wunsch angetrieben, allein der Kollektivierung der Fußballkunst zu dienen. „Der Star ist der Pass“ stellt die Berliner Zeitung fest und auch andere Blätter kommen nicht aus dem Schwärmen über das neue Fußball-Deutschland. Die spanische Zeitung „El Mundo“ sagt uns schon mal was die Spanier im Halbfinale erwartet: „Deutschland ist eine Bestie. Wie Obelix sammelt Deutschland die Helme der Römer und zerlegt alles, was es berührt. Zugleich weiht es eine neue Generation: Die eines wundervollen Fußballers namens Müller.“ Da Müller im Halbfinale nicht dabei ist, wird ein anderer im „fliegenden Panzer“ Platz nehmen und man wird es vielleicht nicht einmal bemerken.
    Ein wenig Respekt vor Casillas, Xavi, Villa und Co. hat man schon, „Die haben nicht nur einen Messi. Die haben mehrere Messis.“ sagt Jogi Löw. Nur wenn die auch alle Knoten in den Beinen haben wie der argentinische, dann wird wohl nicht viel mit Toren und Schweinsteiger hat auch schon das Allheilmittel: „Xavi und Iniesta, die kann man nicht Eins zu Eins bezwingen. Die muss man mit dem Kollektiv ausschalten.“ Die soziale Komponente des Fußballs zeigt endlich auch bei den Bundesligastars Früchte und man kann darauf warten, wann das erste Che-Tattoo bei Khedira, Müller oder Podolski auftaucht.
    Als eher links in ihrer politischen Einstellung werden auch die Trainer von Spanien und Uruguai eingestuft und es verwundert nicht, dass auch diese Mannschaften als geschlossene Kollektive ohne Starallüren gelten.
    Da ist es gut, das es wenigsten noch einen gibt, der im Dienste des Herren unterwegs zu sein scheint, der Bondscoach der Holländer Bert van Marwijk: „Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wir haben eine Mission: Weltmeister werden.“ Da hat aber auf jeden Fall Lukas Podolski etwas dagegen: „Es fehlen nur noch zwei Spiele und dann haben wir das Ding!“
    Na dann, auf ein neues, 4 gewinnt.

  • „Schernikau.Sehnsuchtsland“ – Eine dreiseitige Annäherung von PortFolio Inc. im Theater unterm Dach

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    Es mutet schon bizarr an, dass sich an einem Dichter die Geister zu scheiden scheinen, der nichts anderes getan hat, als seine Ansprüche, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zur Provokation, ist das tatsächlich fragwürdig oder gar abwegig und wenn ja, worin liegt denn das Provokante, Fragwürdige und Abwegige begründet?

    Provokant und abwegig wirkt der bürgerlichen Gesellschaft immer das, was sie nicht versteht und was sich nicht einordnen lässt. Fragwürdig kann dagegen alles sein. Da wird einer als letzter Kommunist betitelt, als schillernde Figur, weil er etwas tat, was sich so wohl selten einer getraut hatte, aber vielen Westlinken immer als eine Option möglich schien. Er geht in die DDR, zu einer Zeit, als die Bewohner dieses Versuchs eines Gegenentwurfs zur bürgerlichen Gesellschaft sich bereits auf den Weg in die andere Alternative aufgemacht hatten und „Keine Experimente“ mehr am lebenden Individuum forderten. Die Frage des Warum steht noch immer im Raum und was er sich davon erwartet hat bzw. was er zu ändern versuchte, wo doch eigentlich kaum noch etwas zu reformieren war.

    Elfriede Jelinek sagte 1989 über Ronald M. Schernikau: „Eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.“ Sie kann es sich eben auch nicht schlüssig erklären, wie man zu so gefestigten Überzeugungen gelangen kann. Dieses Zitat stammt nicht aus dem Stück, ist aber in der Biografie von Matthias Frings Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald. M. Schernikau nachzulesen.

    Eine Erklärung gibt auch die Theatergruppe PortFolio Inc. in Schernikau.Sehnsuchtsland im Theater unterm Dach nicht, sie belässt es bewusst bei einem Annährungsversuch an den Schriftsteller Schernikau, um seine Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand zu stellen, auf Relevanz in der heutigen Zeit zu testen. Gemäß der Maxime von Ronald M. Schernikau: „Alles was verstanden werden soll, muss dreimal gesagt werden.“ verkörpern in diesem als biografische Doku-Fiction angekündigtem Stück drei Schauspieler die drei Seiten und Ansprüche Schernikaus: „schreiben schwulsein kommunistsein, glaube liebe hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst.“

    Wie bei einem Leichenschmaus treffen sich die drei, Stefan Artz, Thomas Georgiades und Michael F. Stoerzer, Trauer und Kuchen steht auf dem Tisch, ein Bild von Schernikau mit Trauerflor daneben. Es entwickelt sich nach und nach ein Disput über die Form der Schernikauschen Texte, autobiografisch oder nicht, Novelle, Blankvers etc. und ob Schwulsein im Kommunismus schon enthalten ist oder immer erst noch mitgedacht werden müsse. Die Genderfrage wird anhand eines Für-und-Wider-Spiels mit Punkten diskutiert. Die Akteure zeigen die drei Seiten eines widersprüchlichen Menschen, stehen im Streit miteinander, testen aus was in der Figur Schernikaus an Gehalt vorhanden ist.

    Gleich seinem Stil der literarischen Collage wird aus dem hochgestellten Tisch eine Zettelwand, an der das Leben Schernikaus aus Zitaten und Dokumenten wiederersteht. Die einzelnen Stationen entwickeln sich nacheinander im Spiel, wie die Veröffentlichung seiner Kleinstadtnovelle, einer Coming-Out-Geschichte als Antwort auf pseudoliberale Lehrer, weitere Erscheinungen im Selbstverlag, weil den Lektoren selbst beim Rotbuchverlag seine Texte zu abgehoben erscheinen und schließlich die scheinbare Unvereinbarkeit von Pop mit politischem Anspruch, am Beispiel eines Songs über Ronald Reagen für Marianne Rosenberg, Amerika wird auch von allen als schrille Parodie vorgetragen.

    Schließlich die Geschichte der Mutter, die wohl prägendste Bezugsperson für Schernikau, der einige längere Szenen gewidmet sind, wie die Flucht aus Liebe mit ihm als 6-Jährigen im Kofferraum in den Westen. Sie lässt sich in ihrer Überzeugung ebenso wenig verbiegen, wie später Schernikau als er im Land seiner Sehnsucht angekommen ist und in Leipzig Literatur studieren kann. Hier entseht die tage in l. und der Wunsch ganz in die DDR überzusiedeln, gestärkt durch den Zuspruch seines Vorbilds Peter Hacks. In Leipzig wird er argwöhnisch von den anderen Studenten beäugt, er ist ihnen mit seinen ehrlichen Überzeugungen nicht geheuer. Er sagte darüber: „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.“

    Er passt sich auch im Osten nicht an, er verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. Dieses Nomadisieren zwischen den Systemen hat der Journalist und Schriftsteller Helmut Höge in einem Beitrag für seinen taz-blog 2009 beschrieben, als ein gelegentliches Gefühl von Sehnsucht von Migranten nach der Heimat, nach Rückkehr in ein Land, in das man nicht zurückkehren darf oder kann. Und genauso haben viele Westlinke nach der Wende empfunden. „Mit der DDR verschwand das Land ihrer Kindheit, mithin ihre Heimat.“ sagt Höge und meint damit nicht nur eine geistige sondern durchaus eine real existierende.

    Das Stück im Theater unterm Dach schließt mit Zitaten aus Schernikaus Rede auf dem Schriftsteller-Kongress der DDR 1990, und da steht nicht nur der Spruch von der Konterrevolution im Vordergrund, sondern auch: „Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinander zusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?“

    Ich weiß nicht, wie der Umgang mit Schernikau in Leipzig stattgefunden hat. Aus den Berichten auf nachtkritik.de, kann man zumindest erfahren, dass es unabhängig von der Qualität, sicher eine ähnliche Herangehensweise war und etwas weniger gewollte Provokation, sondern etwas mehr Unaufgeregtheit weiter bringt, wie in Berlin auch geschehen. Es wurde in leichter, spielerischer Weise ein junger widersprüchlicher Mensch mit echten Utopien vorgestellt, der nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hat, und es sind somit Fragen aufgeworfen, die durchaus des Nachdenkens wert sind.

    Den Leipzigern bleibt, diesen Unterschied festzustellen, im September im LOFFT und dann wohl wieder ab Oktober in Berlin.

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  • Bereit zum Tanz auf dem Vulkan

    Pünktlich zum Beginn des Tanz- und Folkfestes im schönen Rudolstadt in Thüringen, das dieses Jahr zum 20. Mal stattfindet und in dem natürlich der Tanz immer ganz groß geschrieben ist, möchte auch ich etwas zu diesem schönen Thema berichten. Der Schwerpunkt des Festivals liegt diesmal auf dem Stepptanz, eine wie bei allen Tänzen üblich sehr beinlastige Unternehmung, wobei wir wieder beim Thema dieser Tage der Fußball-WM in Südafrika sind. Leider hat in Zeiten der Vuvuzela der monotone Klang das rhythmische Trommeln und Tanzen der Fangruppen so gut wie verdrängt und auch die vielleicht besten Tänzer der Fußballnation Brasilien müssen ihre Samba wieder in Rio de Janeiro tanzen, da sie über holländische Holzpantinen gestolpert sind. Auch in einer letzen kämpferischen Capoeira konnten sie nicht das des Tanzes unkundige europäische Bollwerk überwinden und mussten dezimiert die Trommeln einpacken. Die zweite südamerikanische Tanzbewegung, die Celeste aus Uruguay, konnte mit einem kraftvollen Candombe das letzte afrikanischen Tanzensemble aus Ghana, das fast mit seinem kriegerischen Agbekor wie der sichere Sieger aussah, noch im alles entscheidenden Penalty wegtrommeln.
    Nun dürften viele der Festival-Teilnehmer in Rudolstadt mit halber Freude dabei sein, da auch sicher ihr Herz bei der ein oder anderen Fußballtanzeinlage hängen dürfte und vor allem gibt es morgen noch zwei Begegnungen mit stark tänzerisch geprägten Nationen. Am Abend müssen die Spanier sich zwischen feurigem Bolero, dem steigerungsfähigen Fandango oder dem entfesselten Flamenco entscheiden um die El Pajaro Campana aus Paraguay vom Rasen zu tanzen. Die vierte Tanztruppe aus Südamerika kann das Tempo mit einer Galopera durchaus noch anziehen. Vorher treffen sich noch zum nachmittäglichen Tanztee die Tango begeisterten Argentinier und die eher als Tanzmuffel bekannten Deutschen.
    Wir sind Dank der Medien wieder bestens auf den nächsten Klassiker eingestimmt, noch zusätzlich befeuert durch die eher geistlosen und Spaß tötenden Mentalitätsprobleme Bastian Schweinsteigers. Da gilt es doch dringend Nachhilfe in Rhythmus und Feingefühl zu nehmen. Im Vorfeld ist viel über Gemeinsamkeiten und noch mehr über Rivalitäten gesprochen und geschrieben worden. Auf der einen Seite Tangofieber und das in Deutschland erfundene Bandoneon, auf der anderen Tumulte im Olympiastadion zu Berlin bei der WM 2006. Wie vor jeder Klassiker-Neuauflage fragt man sich auf der Theaterbühne wie auf dem Fußballfeld, wie man sich das nun diesmal vorzustellen hat. Werkgetreue Wiederauflage oder moderne Dekonstruktion. Nur der Fußball, wie das Rad werden auch diesmal nicht neu erfunden werden, nur kann man sicher mehr aus der Erde graben, als einen Faustkeil oder einen platt getretenen Ball. Man könnte zumindest die Illusion erstehen lassen, das auch die deutschen Spieler vielleicht doch ganz virtuose Tänzer sind. Dabei von Hilfe wäre das choreografische Können eines Experten in modernem Tanz. Ich denke da z.B. an Wanda Golonka, die in der Berliner Volksbühne bereits versucht hat Räume zu erkunden, obwohl sich diese nicht zwingend geöffnet haben. Eine zweite Möglichkeit wäre, wenn Jogi Löw in Mühlheim anruft, nur der Nachlass von Pina Bausch befindet sich, wie wir nun wissen, in den Händen von Rene Pollesch und Fabian Hinrichs, die damit versuchen einen perfekten Tag auferstehen zu lassen. Es wird also eng für die deutsche Tanzel(e)v.
    Nun muss wohl doch Jogi Löw allein den Rhythmus und wer wen zum Tanz auffordert vorgeben. Einen Schritt weiter ist da bereits der Couch der Argentinier Maradona, der bereits mit Fidel in Kuba Cohiba rauchend eine flotte Rumba getanzt hat und mit Emir Kustirica bei den Filmarbeiten zu „Maradona by Kusturica“ sicher nach einigen Slivovic die heißesten Zigeunertänze ausprobiert hat. Die Absolution des Papstes braucht die Hand Gottes auch nicht mehr, um gegen jeden Höllentanz gefeit zu sein, da hilft es auch nicht das Benedikt XVI. für Deutschland beten will.
    Was werden nun also die Deutschen und die Argentinier auf dem Rasen aufführen? Nun der Tango ist sicher etwas zu überstrapaziert und man kann sich sicher Podolski und Klose auch schwerlich grazil über den Rasen schreitend vorstellen, besser aber bei einer Tritsch-Tratsch-Polka in der Art, links tanzt der Poldi, recht tanzt der Müller und in der Mitte Kloses Zusammenstuss, äh -schluss und dann hoffentlich auch Schuss. Özil wird sich hoffentlich nicht wie bei einem türkischen Derwischtanz im Kreis drehen, sondern eher elegant wie beim Walzer. Dabei ist sicher egal ob links oder rechts drehend, Hauptsache in den freien Raum nach vorn. Was aber kann die Abwehr darbieten? Walzer, Tango, Dreher oder Galopp scheinen eher ungeeignet zu sein, einen Messi ins Abseits zu tanzen. Was ist aber der deutscheste und dazu südlichste aller Tänze hinter dem Weißwurstäquator, natürlich der zumindest Philipp Lahm sehr geläufige Schuhplattler. Leider darf man beim Fußball nicht die Hände zu Hilfe nehmen und so wird es für reichlich Verwirrung sorgen, wenn Tanzführer Lahm und seine Buam Mertesacker, Friedrich und Boateng anstatt sich wie Rumpelstilzchen Maradona aufzuführen, eher wie die Donkosaken, mit vor der Brust verschränkten Armen, den Argentiniern entgegenhopsen. Aber hoffentlich treten die deutschen Jungs nicht mit einer Ententanzpolonaise nach Blankenese vom Rasen ab.
    Die Argentinier werden sich sicher als besondere Strategie den eher unbekannten Tanz der Argentinischen Landbevölkerung die lustig leichte Chacarera einfallen lassen oder als Überfalltaktik die aus dem Karneval in Buenos Aires stammende Murga, eine gruppenbetonte Art des argentinischen Straßentanzes, bei der sich Lukas Podolski als alter Kölner durchaus wohl fühlen könnte. Vielleicht kommt aber auch die schnellere Variante des Tangos der abgedrehte und verrückte Valse Crusado beim Umtänzeln der deutschen Volkstanzgruppe zum Einsatz.
    Was auch immer den Argentiniern in die Beine fährt, Bastian Schweinsteiger sollte sich mental darauf einstellen, um nach dem Spiel auch mal ein flottes Tänzchen mit seiner Lieblingsfreundin Angela Merkel aufs Parkett legen zu können. Ob es ein Veitstanz oder doch eher ein deutscher Trauermarsch wird, das liegt wie bei allen anderen Tänzern sicher auch an der eigenen Mentalität, sich nie all zu sicher zu sein, nicht auf die eigenen oder andere Füße zu treten und einen gewohnt sicheren Alleintänzer wie Lionel Messi nicht zu unterschätzen.
    Vielleicht treffen sich auch alle noch vor dem Spiel zu einer Milonga der Gefühle und versuchen ihre Rivalitäten zu vergessen.

    „Milonga sentimental”

    Manns genug, um Dich sehr zu lieben,
    Manns genug, um Dir alles Gute zu wünschen,
    Manns genug, um Beleidigungen zu vergessen,
    weil ich Dir schon verziehen habe.

    Na, ob da der verklemmte Olli Kahn mitsingen würde.

    Nun noch mal viele Grüße nach Rudolstadt, wo den Tänzern sicher Schnurz Piep egal ist, wer in der nächsten Woche im Halbfinale steht, oder vielleicht doch nicht. Man wird es sehen.

  • Ein falsches Wembley-Tor oder Der wahre Klassiker

    Der Klassiker ist gelaufen, aber nicht klassisch wie erwartet, außer vielleicht das Deutschland gewonnen hat. Klassisch wäre gewesen, kraftbetonter Fußball, Kick and Rush, Standardsituationen und -tore oder vielleicht sogar ein Elfmeterschießen. Da ist jetzt sogar der schöne Text des Dramatikers und Lyrikers Albert Ostermaiers in der Welt über die WM als Lügenmärchen für Deutschland nicht mehr wahr und Jogis Einwechslungen sind schon lange nicht mehr so unverständlich wie ein Gedicht von Ostermaier.
    Die unerwartete Klassik des England-Spiels bestand in einer wieder erfrischend aufspielenden deutschen Mannschaft mit zwei wunderbar herausgespielten frühen Toren und der plötzlichen kurzen Gegenwehr der Engländer mit Anschlusstor und der Tragik des Frank Lampard, der den Ball in der 38. Minute an die Latte knallte und alle ihn auch deutlich hinter der Linie sahen, zumindest in der Wiederholung der Torkamera. Von einem neuen oder Anti-Wembley-Tor wurde sofort gesprochen und der Videobeweis eingefordert. Vielleicht würde das aber gerade solche Klassiker verschwinden lassen, wenn alles nur noch unfehlbar sicher wäre. Nun könnte man noch den uruguayische Schiedsrichter Jorge Larrionda und seinen Assistenten Mauricio Espinosa als die schwarzen Engel der Gerechtigkeit bezeichnen, ganz wie in den Kontrakten des Kaufmann von Elfriede Jelinek, die nicht für die Gerechtigkeit sorgen können und sich gelangweilt und ignorant abwenden von einer unerschütterlichen Tatsache. Aber es hülfe leider nichts, die Entscheidung des Schiris ist unumstößlich und auch durch einen Antrag auf nachträgliche Anerkennung des Tores an den Petitionsausschuss im Bundestag nicht mehr zu ändern. „Das ist die Ironie der Geschichte“, sagt da nur lapidar Franz Beckenbauer, „Shame on You“ war die Reaktion von David Beckham auf Larrionda nach dem Abpfiff und Englands Coach Fabio Capello konstatierte: „Wir haben Fehler gemacht, aber der Schiedsrichter hat den größten Fehler gemacht.“ An diesen Knick in der Optik des Schiedsrichters wird man sich erinnern noch nach Jahren und nicht an das überragende Konterspiel der Löw-Jungen in der zweiten Halbzeit, das den letztendlich gerechten Einzug ins Viertelfinale gebracht hatte.
    Und der Fehlleistungen nicht genug, gab es im anderen Achtelfinale noch ein Abseitstor der Argentinier, die aber dennoch souverän ins Viertelfinale einzogen. Apropos abseits, nun haben wir alle doch noch was dazu gelernt, das nicht mal Delling und Netzer sofort erkannt hatten, beim Abstoß vom Tor gibt es kein Abseits, übrigens auch nicht bei Ecke und direktem Freistoß.
    Es ist nun Halbzeit bei der WM, die Vorrunde ist gelaufen und die Viertelfinals sind heute Abend komplett. Der Klassiker gab es auch in der Vorrunde genug, ständige interne Querelen bedeuteten das Aus für Frankreich, der immer währende Catenaccio das für die Italiener, die leider vergaßen vorher das Tor zu schießen. Griechenland ist nun entgültig so alt wie Otto Rehagel immer schon war und fährt verdient nach Hause. Von den vielen guten amerikanischen Mannschaften haben sich nur die südamerikanischen in der ersten K O-Runde durchgesetzt.
    Was zeichnet denn nun dieses „We call it a Klassiker“ aus, um wieder mit Franz Beckenbauer zu Kalauern? In der Literatur und im Theater wissen wir es nicht erst seit dem Kanon von Marcel Reich-Ranicki. Es sind Goethe, Schiller und Co., erst Stürmer und Dränger und dann im Alter zumindest bei Goethe klopft die Restauration an die Tür. Es ist der ewige Kampf um eine bestimmte Bedeutungshoheit, sei es um ein Tor, die richtige Aufstellung oder um eine Theaterregie. Zur Zeit kämpft Nis-Momme Stockmann um die Bedeutung des Autors und die Kanonisierung der Dramatik einen klassischen Kampf. Man muss bedingungslos und immer wieder darüber streiten können, das ist der klassische Klassiker. Aber ist es auch der wahre?
    Klassiker sind ohne Frage auch unser aller Kommentatorenpaar Delling und Netzer, nur hat ihnen mittlerweile unverhofft ein anderes Pärchen fast den Rang abgelaufen. Nach einem klassischen Fehlstart haben sich KMH und Olli Kahn zu einem ebenso gut auf einander abgestimmten Duo entwickelt und machen mit Sicherheit die besseren Witze, da sich das Konzept Delling ärgert und Netzer tut bemüht beleidigt abgenutzt hat. Mal ganz abgesehen von der Expertenfähigkeit eines Günter Netzer gegenüber Oliver Kahn, in Sachen Steifheit nehmen sie sich nach wie vor nichts, außer das Kahn sich zumindest um Lockerheit bemüht. Und wohin KMH und Olli nach Hause gehen, das wüssten wir dann doch gerne auch noch.
    Es gibt übrigens noch zwei echte lebende Klassiker, einen bei der WM der Großen und einen der die kleinen auf diese WM vorbereitet. Die Rede ist von Maradona, dem Trainer der Argentinier, der den Fußball wie kein anderen mit Höhen und Tiefen nun auch auf der Bank auslebt und der andere, da sei noch mal Arkadij Zarthäuser für den Tipp gedankt, ist der Juniorentrainer des DFB, das „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch, der ungefähr die Hälfte von Jogis Jungs mal unter seinen Fittichen hatte. Der lange als Auslaufmodell gehandelte Ex-Stürmer hat aus den talentierten Nachwuchskickern Aogo, Badstuber, Boateng, Khedira, Marin, Neuer, und nicht zu letzt Özil einen U21 Europameister 2009 gemacht. „Wenn du in die ganzen Gesichter guckst, dann siehst du das Leben“, sagte Hrubesch in einem Interview 2009 . „Es macht einfach Sinn, mit den Jungen zu leben.“ Der sich selbst als Spätzünder bezeichnende Hrubesch hat begriffen, was eine frühe Förderung für die Jungen bedeuten kann und Jögi Löw, einst selbst U21-Spieler, weiß das auch und kann nun davon profitieren. Hrubesch ist so ein wahrer Klassiker, der nicht nur von Bonmots lebt wie Kaiser Franz und Günter Netzer oder mit Stilblüten auffällt wie Uwe Seeler. Er hängt nicht mit seinen Gedanken im Gestern, sondern steht mit beiden Beinen im Hier und Jetzt. Das hat dann auch wirklich Klasse.
    Das Zeug zum Klassiker zu werden, hat nicht erst seit dem England-Spiel nun auch der Wunderknabe im Mittelfeld Thomas Müller und das nicht nur wegen seines Namens. Er ist von der 2. Mannschaft der Bayern direkt zur Nationalmannschaft gestoßen. Ein weiterer Beweis für gelungene Talentförderung. Kleines dickes Müller ist jetzt groß und schlank aber ebenso torgefährlich wie der so vom damaligen Trainer Zlatko Cajkovski bezeichnete ehemalige Bayernstürmer und Nationalspieler Gerd Müller. Bleibt zu hoffen, das sich alle unsere jungen Spieler diese Frische durch das ganze Turnier bewahren können und nicht anfangen die eigenen Taten in den Himmel zu heben oder aber auch irgendwann zu tragischen Klassikern werden, wie England und heute die Portugiesen, die wieder im entscheidenden Spiel gegen Spanien keine Tore geschossen haben und vorher in einem Spiel gegen Nordkorea genügen für das ganz Turnier zusammen.
    Also dann bis Samstag, Argentinien und die Hand Gottes warten. Noch so ein Klassiker.

  • Das Anliegen des Autors oder der „Teufel Signifikant“

    zur Rede Nis-Momme Stockmanns bei der Theaterbiennale in Wiesbaden 2010

     

    Der Zaunlattenabreißer Nis Momme Stockmann gibt keine Ruhe und das ist wohl auch gut so. Es geht ihm um den Behuf des Autors. „Erste Priorität hat immer, muss immer haben: Zweifeln, Anliegen transportieren, anstiften zum Zweifeln.“ Das autorielle Anliegen Jelineks sind ihre Anliegen. Das ist erst mal eine merkwürdige Aussage, denn welche Anliegen wären das denn genau? Die Relevanz des Autors ergibt sich doch nicht nur aus seinem Anliegen, sondern auch aus der Form wie er mit gewissen Anliegen umgeht, denn lesbar sollte das Ganze schon sein, sonst wird der Text beliebig. Neues wagen, das Prinzipielle aus der Dramatik vertreiben und „Häresie bringen“, das sind die Anliegen Stockmanns. Genügt das? Es ist zumindest ein hehrer Anspruch. Was das so genannte Anliegen des Autors ist, sollte er aber natürlich immer noch selbst bestimmen und da hat Stockmann recht. „Die Seele der Arbeit muss das Anliegen sein.“ sagt er, und wer das nicht ernst nimmt, hat damit seine Seele verkauft an den schnellen Erfolg.

    „Welchen Autor braucht das Theater dann? Das kann nur das Theater und in erster Linie das Publikum beantwortet. Und das Publikum kann sich auch nicht auf seinen passiven Status berufen. Es muss nach seinen Autoren schreien. Es muss einen von Ihnen zum Autor erklären!“ Dagegen stehen dann wieder die Aussagen der im Theaterbetrieb stehenden und den Zuschauer für unmündig haltenden Profis. Siehe Klarnamendebatte etc. Das Namenlose Publikum hat nach wie vor keine Stimme und wird sie auch so leicht nicht bekommen. Rene Pollesch weist ja auch daraufhin, das wir als Zuschauer nicht mehr teilhaben können, ironisch gesagt „betrogen ums interaktive Theater“. „Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Theater ist nicht beendet, wenn wir den Zuschauerraum verlassen haben, es muss weiter gehen, sonst geht wie im Verblendungszusammenhang der Schauspieler mit dem Partner nach Hause und wir sitzen interpassiv da und schauen nur noch bei der Liebe zu.

    „Das widerlichste Kind des Marktes in der Kunst ist der Teufel Signifikant“, sagt Stockmann. Gib mir ein Zeichen. Wartet man da nicht immer bei einem neuen Autor oder Stück darauf? Nur wenn nichts signifikant ist, was hat dann noch eine Bedeutung? Ist Bedeutsamkeit wichtig? Es geht Stockmann nicht um Antworten sondern um die Fragen, aber auch diese können ein Signifikant sein. Nur, wenn schon nicht mal die richtigen Fragen aufgeworfen werden, wozu geht man dann noch ins Theater und das geht einem ja nicht nur bei der Gegenwartsdramatik so.

    „Wann haben sie sich zum letzten Mal wirklich umgestürzt gefühlt nach dem sie ein Theater verlassen haben?“ Da hat sicher jeder mal so ein Erlebnis gehabt, nur diese sind selten und nicht ständig reproduzierbar. Das Bemühen darum, ist das Ziel von Stockmann und daran muss man ihn jetzt mehr denn je messen. Nur kann man nicht jeden Autor sofort nach einem diagnostizierten Misserfolg fallen lassen, denn das bringt dann nämlich erst den für den Markt schreibenden Autor hervor.

    „Ich möchte niemanden etwas geben. Ich möchte den Menschen eher etwas wegnehmen – die scheiß Souveränität im Umgang mit der Welt.“ Das ist richtig, aber irgendwas muss einem eine Geschichte auch geben. Also die Naivität und Neugier dem Zuschauer zurück geben, das wäre schon ein erstrebenswertes Ziel eines Autors.

    Der Vergleich Stockmanns des Autors mit Prometheus ist zwar etwas hochtrabend aber nicht abwegig. Prometheus hat den Menschen das Feuer wiedergebracht, also die Kultur, den Umgang, sprich die Deutung überlässt er ihnen aber selbst. Auch verkörpert Prometheus nach Goethe den Trotz des schöpferischen Genies gegen das vorherrschende System, er verkörpert das Prinzip des idealistischen Kampfes und ist so der These Stockmanns sehr nahe. Der Autor der Zukunft als entfesselter Prometheus, befreit aus dem Konnotationsgefängnis der Theater, eine interessante Sichtweise.

    Die Rede ist auf www.nachtkritik.de nachzulesen.

  • Geschafft, oder das Glück eines Serben

    Geschafft, die Nerven wie der Einzug ins Achtelfinale. Mezut Özil macht es Lukas Podolski nicht nach und trifft beim zweiten Versuch. Das war knapp und Ghana hat auch mitgeholfen. Sie haben das Serbienspiel nachgemacht, nur das sie diesmal diejenigen waren, denen das Glück anscheinend fehlte. Trotzdem sind beide weiter und Ghana hat vielleicht sogar das bessere Los gezogen. Mit ihnen ist doch noch ein glücklicher Serbe im Rennen und Afrika kann weiter den großen Traum vom Titel träumen. Da vergessen auch schon mal Gerhard Delling und Günter Netzer kurz ihren Dauerstreit, ihnen ist ein riesiger Stein vom Herzen geplumst. Vielleicht geht Netzer nun auch wirklich noch am Sonntag in Südafrika zum Friseur. Oder doch erst wenn Deutschland Weltmeister wird?

    Erstmal gibt es jedoch den Klassiker, für den angeblich die WM geschaffen wurde, laut englischen Fans und man sollte sich in der deutschen Mannschaft schon mal nach guten Elfmeterschützen umsehen. Bei England scheint zumindest der Knoten geplatzt zu sein, auch wenn gerade mal ein Tor zum weiterkommen gereicht hat. Wayne Rooney ist schon ganz scharf aufs Deutschlandrauswerfen, nur das er dafür auch das Tor treffen müsste. Die Statistik spricht ebenfalls mal wieder gegen England und den Spruch von Gary Lineker kennen ja auch alle.

    Vielleicht ist das aber alles sowieso umsonst, da im Viertelfinale eh die Hand Gottes wartet. Maradona ist mit seinen Argentiniern durchmarschiert und gibt Otto Rehagel zum Abschied Küsschen. Im Anschluss regt aber gerade er, der große Fußball-Schauspielregisseur, sich über das fehlende Fairplay, den Ball und auch noch über den Schiedsrichter auf. Ja, der Schiedsrichter ist wohl mal wieder das schwarze Schaf der WM. Kartenspieler, Sheriffs etc., Ottmar Hitzfeld der Trainer der Schweizer will sie sogar lieber am Strand pfeifen sehen. Da können sich seine Jungs ja auch vielleicht bald ausruhen.

    Mit den Griechen müssen auch die Franzosen als erster Favorit vorzeitig nach Hause. Sie haben für mehr Aufsehen auf dem Trainingsplatz als auf dem WM-Rasen gesorgt. Ob noch ein weiterer Großer gehen muss, wird sich bald zeigen. Eins ist aber sicher, die südamerikanischen Mannschaften bestimmen das Geschehen und ein Finale Argentinien gegen Brasilien wird immer wahrscheinlicher oder hat da Ronaldo noch was dagegen zu setzen? Wuwu Sellers Leser wissen mehr.

  • Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau von Botho Strauß im Residenztheater München

    Eine Uraufführung inszeniert von Dieter Dorn

    „Eine Überraschungs- und Unvorhersehbarkeitsdramaturgie, die die Leichtigkeit ihrer Fügungen noch einmal extra betont, in dem sie die beiden Titelworte in jeder Szene wie auf einem Suchbild im Text versteckt.“ Wenn es nicht im Programmheft stehen würde, wir müssten dumm sterben. Leicht soll sich alles fügen, aber warum dafür 9 Frauen sich einer Altherrenphantasie beugen müssen, verstehe wer will.

    Das Stück beginnt banal im Supermarkt, eine unbedarfte Hausfrau gewinnt und verliert, ehe sie es begriffen hat, einen Verehren an ihre Schwester. „Mit ihr hätten Sie leichtes Spiel gehabt.“ Sie ist halt die Ängstliche. Und so geht der Reigen der Peinlichkeiten weiter, über die schöne Träge, die erst von einem Hamletgeist gesagt bekommen muss, das sie doch lieber den interessanten Gast nehmen soll, bevor sie Opfer eines schlaffen Greislein wird. Die Kreative muss erkennen, als sie der Teamleiter nicht mag, dass sie lieber auf den umständlicher Briefeschreiber hätte setzen sollen. Jens Harzer ist einziger Lichtblick als Hamletgeist und Umständlicher. Was nicht heißen soll, dass sich die Damen nicht gut schlagen, sie werden aber wie schon gesagt, nur als Schablonen für eine merkwürdige männlich gesehene Lebensphilosophie verbraucht. Die nächsten Stationen heißen Frühlingsopfer, eine völlig nebulöse Männerrunde will einer Angetrunkenen mal nicht an die Wäsche, sondern altkluge Ratschläge erteilen. Die Zungenfertige erliegt aus lauter Neugier einem windigen Typen, der sogar vorgibt, sie nur wegen des Geldes zu nehmen. Dies passiert auf glattem Grund, schlüpfrig wie der Text dazu.

    Danach ist Pause und man hätte nichts versäumt, wenn man gegangen wäre, denn nun geht es steil bergab, nicht nur über die Bühnentreppe, sondern auch mit Sprachwitz und dem Intellekt der dargestellten Frauen. Nun sind sie in den Fängen der Männer angekommen, es geht nur noch um Geld und den Erhalt des Status Quo. Das ist langweilig und uninteressant, Tiefpunkt ist die Szene der Ungehörigen, die einen Vortrag eines Mörders ständig unterbricht und sich dann mit dem schon aussortierten Alten verbündet. Das haben die Frauen nicht verdient, Botho Strauß entsorgt ca. 40 Jahre Emanzipationsversuche der Frau in den Bühnenabgrund. Zum Schluss darf auch noch Dieter Dorn als braver langjähriger Umsetzer der Straußschen Texte zeigen, was er für ein Frauenbild hat. Er steckt Cornelia Froboess in einen roten Kasten mit rotem Ballett-Tütü. Als spätes Mädchen darf sie 8 Bände Memoiren von verpassten Chancen und einem schönen Lachen vortragen. Danach ist es finster und vorbei. Leichtes Spiel, sauber.

    Es bleibt zu hoffen, das Martin Kušej den Staub des Botho Strauß aus diesem Haus fegen wird.

  • „Liebe und Geld“ von Dennis Kelly, Thalia Theater Hamburg

    Eine Inszenierung von Stephan Kimmig zu Gast im Deutschen Theater Berlin

    Eine Liebesgeschichte vom Ende zum Anfang hin zu erzählen ist nicht neu, im französischen Kinofilm 5×2 von François Ozon spielen Valeria Bruni Tedeschi und Stéphane Freiss ein Paar, dessen Geschichte rückwärts von der Scheidung, Krise über Kind, Hochzeit bis zur Begegnung beider erzählt wird. Die Episoden werden auch wie in der Inszenierung von Stephan Kimmig mit Musik von einander getrennt. Bei Kelly schafft es das Paar allerdings nicht zum Kind und die Scheidung fällt wegen frühzeitigem Tod der Frau aus, an der ihr Mann tatkräftig mithilft, indem er ihr zu ihrem Selbstmordversuch mit Schlaftabletten noch Wodka einflößt. Das ganze wird als Email-Roman mit seiner Geliebten im Detail ausgemalt. Schuld für die erkaltete Liebe ist das liebe Geld, das Jess mit vollen Händen rauswirft, weil sie an Kaufsucht leidet und David lieber ein neues Auto hätte. Die Möglichkeiten an Geld zu kommen sind schlecht, es müssen zusätzliche Jobs her. Als ihm das Gehalt als Lagerarbeiter anstatt Vertriebsmanager zu gering ist, bekommt David von seiner Chefin und Ex-Frau den Rat, lieber Blowjobs zu machen und die Fotos davon zu verkaufen.

    Flankiert wird die Story des Paars von weiteren durch Geld und Liebe getriebenen Gestalten, die Grabsteine auf Jess Beerdigung schänden, um mal wieder den Kick zu kriegen, die glauben bei einer Story über Photosynthese ginge es nur um Kohle, weil das Zeug mit den Pflanzen ja so langweilig ist, oder sie sind einfach nur geil und kommen zu dem ergreifenden Schluss, dass das Leben Scheiße ist und man auch noch alt dabei wird. Wie oft soll einem so was eigentlich noch als große Dramatik verkauft werden? Hier die Spannung zu halten, die sonst nie aufgekommen wäre, gelingt Dennis Kelly tatsächlich nur damit, das man auf ein dickes Ende wartet. Zu banal und unwirklich sind die Figuren aus seinem Stück. Der Text soll hart und dreckig klingen, ist aber eher peinlich und unfreiwillig komisch.

    Bei Stephan Kimmigs Inszenierung fragt man sich irgendwann, was ihn tatsächlich an den Figuren interessiert und warum Susanne Wolff als tote Jess ständig durch das Hamsterhäuschen turnen muss und auf dem Dach der Dinge harrt, die da kommen werden. Kimmig verbrennt hier gute Schauspieler für eine Brüllszene mit Mikroport, damit auch in der letzten Reihe alle mitkriegen, wie Scheiße es denen auf der Bühne geht, obwohl die Kiste fast mitten im Zuschauerraum steht.

    Das dicke Ende zum Schluss ereilt uns dann endlich auch mit der Hochzeit und Jess darf rotweinselig einen Vortrag über Schwerkraft, das Universum und den Fisch (ach nein, das war von einem anderen Briten und wirklich witzig) halten und kommt, wer hätte das gedacht, zu der Erkenntnis, dass das ja alles gar nicht wichtig ist und nur die Liebe zählt. In der anschließenden Suche nach dem Glück treten dann erst die blöden Probleme mit dem Geld auf. Das ist biedere Küchenpsychologie und man versteht nachträglich wirklich nicht, was die Auswahljury zum Theatertreffen bewogen, hat dieses Stück samt uninspirierter Inszenierung einzuladen. Wahrscheinlich hat gerade noch ein Stück zum Thema Geld und der universellen Lösung Liebe gefehlt. Unglaublich, aber scheinbar wahr.