Autor: Stefan

  • Hurry Christmas, oder ein harter Job

    Der Schlitten schlingert, hoch auf dem Bock,
    Ein Mann mit Bart sitzt, im roten Rock,
    Und peitscht das Rentier, bis das es bockt.
    Noch Hundert Kunden, die Prämie lockt.

    Er gibt ihm Zunder, sich einen Punsch,
    Im Kopf gedeiht nur der eine Wunsch:
    Ach hätt ich Flügel, nicht dieses Wrack,
    Dann wär ich sicher total auf Zack.

    Doch plötzlich polterts. Er stoppt. Oh weh!
    Ein Bub mit Schwingen liegt blass im Schnee.
    Den Kutscher dauerts, doch weiter geht
    die Hatz beflügelt, vom Wind verweht.

    Ein Fittich schmückt nun den Schlitten aus,
    und schafft die Fuhre Punkt zwölf nach Haus.
    Freudiges Lächeln, das sei der Lohn.
    Christenheit singe in höchstem Ton.

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  • Was wird hier eigentlich gespielt? – „Nackter Wahnsinn / Was ihr wollt“ und „Fanny und Alexander“ in der Regie von Sebastian Hartmann am Leipziger Centraltheater

    centraltheater-leipzig.JPG Foto: St. B.
    Was ist Kunst? Ein diffuses Licht im sozialen Raum.

    Diese Frage haben sich nicht erst in der letzten Zeit viele Leipziger Theatergänger gestellt und blieben daraufhin den Inszenierungen des Intendanten des Centraltheaters Leipzig Sebastian Hartmann lieber fern. Nun ist das auch eine zentrale Frage in Michael Frayns Komödie „Noises Off – Der nackte Wahnsinn“ in der eine komplett chaotische Provinz-Theatertruppe versucht eine Tür-auf-Tür-zu-Boulevardkomödie mit dem Titel „Nothing On – Nackte Tatsachen“ auf die Bühne zu bringen. Dieser Titel ist natürlich recht doppeldeutig und könnte neben dem wortwörtlichen Nichts-anhaben auch gerade eben gar Nichts bedeuten. Er wird hin und wieder auch mit „Spaß muss sein“ oder „Was wird hier gespielt?“ übersetzt. Nun ist Hartmann kein Provinztheatervorsteher und seine Schauspieltruppe eines der zur Zeit im wahrsten Sinne des Wortes engagiertesten Ensembles der deutschen Theaterlandschaft. Trotzdem sah er sich immer mehr in die Rolle eines Buhmann gepresst und verleiht ihr nun sozusagen in seiner neusten Inszenierung „Nackter Wahnsinn/Was ihr wollt“, frei nach Shakespeare und anderen, auch entsprechend Ausdruck.

    Das geschieht natürlich immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn, das wusste schon der Autor Frayn, Theater ist auch immer ein Spiegel der „Zerbrechlichkeit des Lebens“. Freud und Leid liegen oft dicht beieinander und erzeugen so nicht nur schöne Oberfläche, sondern mitunter auch den schmerzhaften Schnitt ins Fleisch. Sebastian Hartmann hat hierfür sogar einen eigenen Theater-Stil geprägt, der sich, in Anlehnung an die bekannte Leipziger Szene der bildenden Künste, auch noch „Leipziger Handschrift“ nennt. In seiner Inszenierung des Ingmar-Bergmann-Klassikers „Fanny und Alexander“ führte er nun sogar diese „Leipziger Handschrift“ mit dem bedeutendsten Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ Neo Rauch zusammen. Hartmann lässt auch sonst „grundsätzlich“ nichts unversucht, dem Leipziger Centraltheater tatsächlich eine unverwechselbare Handschrift zu verleihen. Trotz großer Beachtung durch die Presse, die ihm auch überregional beigemessen wurde, und bekannter Gaststars von Film und Bühne ist es Hartmann aber über drei Spielzeiten nicht geglückt, das recht spröde aber immer streitlustige Leipziger Publikum gänzlich für sich zu gewinnen.

    dsc05864.JPG Foto: St. B.
    Der Nackte Wahnsinn?
    – Japanische No-Masken im Leipziger Grassi-Museum für Angewandte Kunst

    Nicht ganz überraschend kam dann auch zu Beginn der neuen Spielzeit seine Ankündigung, die Intendanz über das Jahr 2013 hin nicht mehr zu verlängern. Er verlässt vor allem wegen ständiger Unterfinanzierung des Hauses und wegen der fehlenden Rückendeckung der Leipziger Kulturpolitik die Stadt. Eine neue Wirkungsstätte hat er noch nicht angegeben. Sicher wird er an anderer Stelle seine Aktivitäten fortsetzen, ob nun in Berlin oder anderswo, einer wie Hartmann hat sich der Kunst mit Haut und Haar verschrieben. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er nun neben Bergmanns Künstlerfilm „Fanny und Alexander“ auch Shakespeares Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“ ausgewählt hat, werden doch darin einerseits die Auswirkungen der Einschränkung der Kreativität eines fantasiebegabten Jungens beschrieben und anderseits auch die ungefesselte Spiellust, der ständige Rollenwechsel und schließlich die, wenn auch nur kurzzeitige, Befreiung von jeglicher Konvention gefeiert.

    Diese entfesselte Spiellust darzustellen, ist was Sebastian Hartmann immer wieder in seinen Inszenierungen umtreibt. Und so heißt der Untertitel der neuen Inszenierung, die im November Premiere hatte, dann auch: „Ich will nicht dass mir jemand sagt welche Rolle ich zu spielen habe!“. Dazu gibt es in der Lose Blätter Sammlung No. 5 des Centraltheaters einen einführenden Text vom „Hausphilosophen“ Guillaume Paoli. Ein kleiner Exkurs in die philosophische Betrachtung des ICHs, der eigenen Identität nach dem Orange-Zwiebel-Prinzip. Persona, die antike Maske, stellt unsere äußere Schale dar, mit der wir uns an der Außenwelt reiben können. Sie ist immer mehr mit dem Individuum (dem Unteilbaren), das wir darstellen verschmolzen. Daher tritt nun die Frage in den Vordergrund, ob da noch jemand hinter der Maske bzw. Schale ist oder ob das ICH nur die Summe aus lauter Masken darstellt. Der Mensch lebt nun in der Vorstellung, als Zeichen der totalen Authentizität die Maske abzustreifen und sein wahres ICH zu zeigen, sieht aber hinter der Maske immer wieder nur enttäuscht eine weitere, oder nur mit einer Maske sind wir tatsächlich in der Lage unser Innerstes auszudrücken.

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    Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt (Szene)
    © David Baltzer/bildbuehne.de

    Shakespeare hat mit „Was ihr wollt“ das Stück zu dieser schier unlösbaren Situation geschrieben. Er beschreibt mit dem Hintergrund der „Twelfth Night“, als Abschluss der zwölf Rauhnächte und Beginn der Karnevalszeit mit ihren Maskenspielen, die Verwirrung durch Identitäts- und Geschlechterwechsel. Dazu passend verknüpft Hartmann die Komödie Frayns als doppeldeutiges Spiel des Theaters auf dem Theater. Rollenzuschreibungen sind nicht mehr eindeutig, die Grenzen zum realen Leben verwischen und zeigen so am besten das tägliche Dilemma des Künstlers auf der Suche nach möglichst authentischer Darstellung oder karikiert zumindest diese Bemühungen. Auch Renè Pollesch sind mit „Schmeiß dein Ego weg!“ und  „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“ bereits einige Beiträge zu diesem Thema an der Berliner Volksbühne gelungen.

    Sebastian Hartmann bleibt erstaunlich nah an Frayns Rahmenhandlung und beginnt mit einem laut bunten Finalauftritt der gesamten Truppe in grotesker Kostümierung, viel Konfetti und riesigen Luftballons. Manuel Harder als Regisseur sitzt an einem Pult im Zuschauerraum, neben ihm Thomas Lawinky in einem Gastauftritt als der Autor des Stücks. Nach der Unterbrechung der laufenden Generalprobe durch den Regisseur, der alle in rüdem Ton abkanzelt, wird eine Kritik- und Selbstkritikrunde mit allen Schauspielern einberufen. Der Autor bekommt noch einmal die Chance seine Intensionen zu erklären, was in einer Farce endet, bei der ihm erst einmal das Mikrofon geöffnet werden muss und dann alle nacheinander den Tisch verlassen. Lawinky referiert im unsicheren Vortragston über Sinn und Unsinn des Stücks, über Schuldramaturgie und den Unterschied von dramatischen zu epischen Texten etc., etc. Das Thema der Verwechslungskomödie wird noch mal mit den Gedanken Paolis kurzgeschlossen. Krönung ist eine Replik auf „Uli Khuon“ und seine Aussagen über das Stadttheater als sozialen Raum. Hier steht Hartmann im Zwiespalt zu seinem ästhetischen Anspruch. „Also wir machen Kunst / das steht fest…“ und „WENN DIE FRAGEN AUFHÖREN / FÄNGT DIE KUNST AN“. Das ist natürlich nur „grundsätzlich“ so zu sehen, wie die strickende Souffleuse Frau Ostruznjak (herrlicher Zungenbrecher) Lawinky verbessert, und gelingt eben nicht immer.

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    Idealbild versus klassische, anatomisch korrekte Porportionen. „Die große Odaliske“ von Jean Auguste Dominique Ingres, ein ästhetischer Akt der künstlerischen Freiheit als nackter Hintergrund.

    Und das kann man nun ca. 3 ½ Stunden lang auf der Bühne bewundern. Verständnislose Mimen, die an ihrer Rolle hängen sie aber gar nicht erst begreifen, gegen ein aufoktroyiertes System der Regie. Der soziale Riss verläuft nicht nur am Bühnenrand zum Publikum, sondern geht mitten durchs Ensemble. Da vermengen die Schauspieler Rolle und Persönliches, gehen auf den Egotrip oder sehen sich ohnmächtig den Vorstellungen des Regisseurs ausgeliefert. Ein verrückter Physiker als Experte (Artemis Chalkidou) begehrt auf und verwandelt sich schließlich in verschiedene Kunstfiguren der griechischen Antike. Die zu spät gekommene Schauspielerin Heike Stumpf (Birgit Unterweger) versucht auf Teufel komm raus ihr Vorsprechen durchzuziehen und wird darüber schließlich irre. Ein Narr tanzt aus der Reihe (Edgar Eckert), ein Inder (Hagen Oechel) macht einen Stuhlslapstick, eine Schauspielerin (Susanne Böwe) bringt per Telefon ihr Kind ins Bett und ein überforderter Inspizient (Mathias Hummitzsch) versucht alle irgendwie bei der Stange zu halten. Dazu gibt es das Übliche der Boulevardkomödie mit falschen Türen, Abgängen ins Nichts und einem Teller Sardinen als Hommage an Frayns „Nackten Wahnsinn“. Ein bisschen Shakespeare wird natürlich auch noch gespielt. In einer Probe des unbedingten Regiewillens sind Manolo Bertling und Sarah Franke in einem Meer aus Kleid verwoben und als Viola / Cesario / Malvolio / Olivia oder umgekehrt zu erleben, undurchsichtig dahinter gespiegelt durch den Narren.

    Krönung ist natürlich die Szene in der Maximilian Brauer als Jesus mit dem Esel Manfred auf der Bühne erscheint, um den Regisseur, der nun Gott selbst ist, in Frage zu stellen. Er will den Vertrag aufkündigen, nicht mehr das Opferlamm Gottes sein. Dass ihm diese Befreiung aus seiner angestammten Rolle nicht gelingt, ist vorprogrammiert und wie an durchsichten Fäden gezogen bewegt er sich über die Bühne, wühlt im frischen Eselskot, reißt sich die Kleider vom Leib und zerrt an seinem Geschlecht. Teufel (Hagen Oechel) und Herrgott einigen sich darauf, dass einer ohne den anderen keine Daseinberechtigung hat. Nun stürzen noch die vom Wahn befallenen Heike Stumpf und Cordelia Wege als Entführungsopfer Natascha Kampusch auf die Bühne und werden vom Teufel mit Blut besudelt. Eine Orgie des entfesselten Wahnsinns entspinnt sich, musikalisch begleitet durch den schon im „Zauberberg“ aufspielenden Gitaristen Steve Binetti, ein Chor sorgt für klassische Untermalung. Das sich das Ganze zum Ende hin fast in ein demokratisches Happy End auflöst und Zuschauer und Schauspieler im Sit-in über das Stück entscheiden sollen, täuscht nicht über die Ironie Hartmanns hinweg, hier nicht allein nur sich auf die Schippe genommen zu haben, sondern die Leipziger Verhältnisse mitmeint, gegen die er letztendlich trotz seines aufopferungsvollen Ensembles nicht ankommen konnte. Hier ist ihm noch mal ein großes Aufbegehren dagegen gelungen.

    dsc03874.JPG Foto: St. B.
    Das Centraltheater Leipzig

    Das gelingt Hartmann bei seiner Adaption von Ingmar Bergmanns Film-Klassikers „Fanny und Alexander“ nur bedingt. Schon im „Zauberberg“ hatte er Thomas Manns symbolbeladenen Roman nicht einfach nur bebildert, sondern ließ alles eher wie eine große Improvisation aussehen. Auch jetzt gibt er seinen Schauspielern viel Platz für Slapstick und aus der Rolle springen. Die Handlung zerfasert dabei immer wieder zwischen Weihnachtstafel, Lotterbett und kühler Strenge des Bischofshauses. Erzählerische Passagen von Linda Pöppel und Manolo Bertling, die auch erwachsene Pendants der Kinder Fanny und Alexander (Yusuf El Baz und Lydia Makrides) darstellen, unterbrechen dabei das Spiel und stellen am Anfang die Handlung nebst der im Theatersaal aufgereihten Personen vor. Es fällt schwer hier einige der Darsteller hervorzuheben, vielleicht Cordelia Wege als kühle Schönheit Emilie Ekdahl, Artemis Chalkidou in einer Doppelrolle als verwirrte Henrietta Vergerus und düstere Haushälterin Justina, oder Peter René Lüdicke als lebenslustiger Onkel Carl Gustav Ekdahl, der zwischen Slapstick, frivolen Witzen und Bettszenen hin- und herhüpft und sein Gegenpart der redegewandte aber eiskalte Bischof Edvard Vergerus, der von Ingolf Müller-Beck ebenso gespielt wird. Beide waren schon im „Zauberberg“ als Settembrini und Naphta in ein buchstäbliches Kochduell verwickelt.

    Es entwickelt sich in Folge eine schier hemmungslose Performance über das Theater und Schauspielerdasein, für die Bergmanns Drehbuch nur den Hintergrund zu bilden scheint. Bei Hartmann geht es wie immer um mehr, um die Daseinberechtigung und Wahrnehmung der Kunst an sich, wie auch um die Existenz des Künstlers zwischen Traum- und ihn umgebender realer Welt. Die Geschichte des fantasiebegabten Jungen Alexander, ein künstlerisches Lebensfazit Bergmanns, zwischen der ihn behütenden Theaterfamilie und der prinzipienstrengen und alle Kreativität abtötenden Welt des Stiefvaters Bischof Vergerus, kann man bei Hartmann durchaus auch als ein Fazit seiner Leipziger Intendanz lesen. Hartmann stellt den Kontrast der freien Theaterfamilie zum engen Haus des Bischoffs in den Vordergrund. Alle weiteren Stationen des Films durchläuft Alexander nur peripher, der unkundige Zuschauer ist somit etwas ratlos dem Treiben auf der Bühne ausgesetzt. Das Bild „Die Lage von Neo Rauch, das dann in der zweiten Hälfte der Vorstellung am Bühnenhintergrund erscheint, verstärkt dieses etwas hilflose Gefühl der Verrätselung nur um so mehr. Wie die mystische Symbolik des Leipziger Malers, der sich Erklärungen zu seiner Kunst stets entzieht, lässt sich auch Hartmanns Inszenierungsstil auf nichts Genaues festlegen.

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    Fanny und Alexander (Szene) © R.Arnold/Centraltheater

    Der Kampf Alexanders und der Hass gegen den Bischoff kommen selten wirklich explizit zum Ausdruck. Lediglich die bedrohliche Ansprache von Vergerus an Alexander über Wahrheit und Lüge wird hier enervierend lang ausgewalzt. Das dadurch erschütterte Weltbild des Jungen und das gestörte Gleichgewicht der Wahrnehmung seiner Umwelt, – wobei sogar der Bühnenboden symbolisch zu wackeln beginnt – stellt sich für ihn nur durch Traumsequenzen wieder her, in die ihn Isak Jacobi (Wolfgang Mario Bauer) und Ismael (Linda Pöppel) immer wieder entführen. Diese Szenen verpuffen hier allerdings im Ungefähren. Zum Schluss sitzt die Familie wieder am großen Tisch und alles wirkt wie zu Beginn der Vorstellung glücklich vereint. Letztendlich ist das aber auch nur eine trügerische Vision, die durch Manola Bertlings vergeblichen Versuchen im Sensenmannkostüm ins Bild von Neo Rauch zu springen, symbolisiert wird. Vielleicht symbolisiert die Szene aber auch die abgegrenzte Welt der Kunst, in die nichts Fremdes, auch der Tod nicht, Eingang erhält.

    Das Ganze ist wieder ein an Regieeinfällen reiches Theaterhappening, aber man bleibt alles in allem nach gut 2 ½ pausenlosen Stunden doch etwas unbefriedigt zurück. Der Funke der das Hartmannensemble durchzuckt, will nicht recht überspringen. Die Inszenierung hat etwas sentimental Sehnsuchtsvolles einerseits und etwas wild Ausuferndes anderseits. Hartmann zelebriert wieder den entfesselten unbedingten Kunstwillen, in der Hoffnung die kollektiven Räusche der Bühne auf das Publikum übertragen zu können. Etwas, was eben selten gelingen will, ihm aber einzig erstrebenswertes Ziel bleiben wird. Für Spekulationen um Hartmanns Zukunft scheint es momentan noch zu früh zu sein. Ob er tatsächlich 2013 nach Berlin wechseln wird, zwei Möglichkeiten gäbe es ja dann u.U., scheint momentan eher unrealistisch. Das dann freie Maxim Gorki Theater, dürfte zu klein für seine Ambitionen sein und bei der ähnlich dem Centralthetaer chronisch unterfinanzierten Bühne käme er nur vom Regen in die Traufe. Das Frank Castorf den Intendantenstuhl der Volksbühne freigibt und sich nach seinem krönenden Bayreuthgastspiel aus dem aufreibenden Repertoirgeschäft des Stadttheaters zurückzieht, kann sich in Berlin auch niemand wirklich vorstellen. Aber Hartmann braucht ein festes begeisterungsfähiges Ensemble, eine Theaterfamilie ähnlich der Ekdahls, um seine Visionen von Theater fortsetzen zu können. Im März 2012 wird Sebastian Hartmann erst einmal in Koproduktion mit Maxim Gorki Theater in Berlin Falladas „Trinker“ inszenieren, auch wieder eine exzessive Figur die aus den bürgerlichen Konventionen auszubrechen versucht.

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  • Cesária Évora ist tot – Die große Stimme der Kapverden ist verstummt.

    Cesária Évora (27. August 1941 – 17. Dezember 2011)

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     Die „barfüßige Diva“ ist tot. (Tagesspiegel, 17.12.2011)

  • Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble und Lensing/Hein in den Sophiensaelen

    „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow scheint mal wieder das Stück der Stunde zu sein. Die dekadenten Besitzer einer Schrottimmobilie, mit nur noch rein ideellem Wert, stellen sich als dem realen Markt nicht mehr gewachsen heraus und verlieren ihren hoch verschuldeten Grund und Boden samt enzyklopädischem Kirschgarten an einen neureichen Emporkömmling, dessen Eltern sie früher nicht einmal in die Küche vorgelassen hatten. Tschechow sezierte ziemlich genau einen Querschnitt durch die russischen Landbevölkerung um die Jahrhundertwende und beschrieb den Niedergang des alten Landadels und die Geburt der neuen Schicht des aufstrebenden Kleinbürgertums. Heute geht es der Mittelschicht immer mehr an den Kragen, der monetäre Hintergrund ist dabei größtenteils gleichgeblieben. Und auch am Leben auf Pump hat sich seither nicht viel geändert.

    In Berlin gab es in diesem Jahr für Tschechowliebhaber bereits mehrmals die Gelegenheit den „Kirschgarten“ mit mehr oder minder Geschick auf dem Theater abgeholzt zu bekommen. Bereits beim Theatertreffen im Mai lieferte Karin Henkel in einer Kölner Inszenierung eine recht lahme Zirkusvorstellung ab. Dauermüde Clowns in einer Manege der Langeweile. Nur Lina Beckmann als Warja sorgte noch für etwas Stimmung, was sie dem Fernsehkommissar auf Theaterurlaub Charli Hübner als Neukapitalist Lopachin aber stückbedingt auch nicht näher brachte. Keine neuen Erkenntnisse konnten vermittelt werden, für die Lebensweisheiten des Dieners Firs kein Platz mehr, die Schlussszene gestrichen. Mit abgespecktem Personal und gerade mal zwei Stunden Spieldauer, war das im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen.

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    Tschechow am BE. Foto: St. B.

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  • Kleist und kein Ende – In Berlin gibt es nun ein doppeltes „Käthchen von Heilbronn“

    Jan Bosse am Gorki und Andreas Kriegenburg am DT versuchen sich auf recht unterschiedliche Weise am großen historischen Ritterschauspiel

    „Ich sagte, daß, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
    Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.“

    Heinrich von Kleist aus „Über das Marionettentheater“ (1810)

    „Tanzen ist Träumen mit den Füßen“ marionette_clara-diercks_pixeliode.jpg
    Foto: Clara Diercks / pixelio.de

    Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ ist Ausdruck seines ästhetischen Empfindens der darstellenden Kunst wie auch seiner Skepsis über das zeitgenössische Theater seiner Zeit. Es zeigt Kleists Zerrissenheit der Seele, genauso wie seine Zweifel an der realen Welt, in welcher der aus dem Paradies vertriebene Mensch durch seine Gravitation an den Boden gefesselt bleiben muss. Was Wunder also, dass sich zwei Regisseure in Berlin nun u.a. mit Hilfe von Puppen einem als unspielbar geltenden Werk Kleists nähern, dem so wundersam hirnspinnstigen, großen historischen Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“. Goethe, wird kolportiert, hatte das ihm überlassene Manuskript nach der Lektüre mit den Worten: „Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Die verfluchte Unnatur!“ in das lodernde Feuer des Ofen geworfen. Er weigerte sich das Stück aufzuführen, „… wenn es auch ganz Weimar verlangt.“ 

    Was für eine Ironie, ist doch das Feuer neben dem Wasser ein entscheidendes Element in Kleists Dichtung über die geradezu unterwürfige Liebe des einfachen Mädchens Katharina Friedeborn zum Ritter Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Erst muss es buchstäblich durchs Feuer gehen und dann auch noch einen reißenden Fluss überqueren. Dabei steht ihr ein echter Schutzengel zur Seite, „ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.“ Soviel Pathos kennt man nur noch aus der Oper, wie z.B. aus Mozarts „Zauberflöte“ oder den Werken Richard Wagners, der auch in Tränen ausbrach, beim Lesen von Kleists Drama. Man glaubte damals, eine Parodie auf die romantischen Ritterschauspiele der Zeit vor sich zu haben, musste aber feststellen, dass es Kleist, den lang ersehnten Erfolg vor Augen, durchaus ernst damit wahr. Ihm gelang hier ein Anschlag auf die aufgeklärte Welt seiner Zeit, mit Hilfe der romantischen Schilderung eines Traums von der bedingungslosen Liebe.

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  • Wer bin ich und wenn ja wie viele? Jan Bosse und dreimal Amphitryon – Von der Gebrechlichkeit der Welt. Armin Petras und She She Pop experimentieren mit Kleists Novellen – Eine Nachbetrachtung zum Kleistfestival im Maxim Gorki Theater. Teil 3

    Kleists Kantkrise und die Tragikkomödie des „Aphitryon“

    „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün ­ und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint.“
    Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801

    Die meisten Werke Heinrich von Kleists entstanden infolge der Verarbeitung seiner sogenannten Kantkrise. Kleist war nach dem Studium von Kants „Kritik der Urteilskraft“ in eine existentielle Krise gestürzt, die einerseits dadurch begründet war, dass nach Kant der Verstand, den Kleist so hoch schätzte, nicht in der Lage sei, die Wahrheit und somit die Welt zu erkennen und anderseits darin, dass alles Streben nach, „Liebe, Ruhm, Glück usw.“ sinnlos wird, „…wo alles unweigerlich mit dem Tode endigt!“ Kleists Fazit: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.“ Dass er dennoch in den 10 ihm noch verbleibenden Jahren 8 Dramen, 8 Erzählungen sowie zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und theoretische Schriften verfasst hat, zeugt immerhin von einer unglaublichen Willens- und Schaffenskraft. Kleist konnte sich immer wieder entsprechend disziplinieren, wenn auch seine eigentlichen Lebensziele und Unternehmungen fast ausnahmslos scheiterten.

    „Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles was ich unternehme, zugrunde geht, wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter den Füßen entzieht.“
    Heinrich von Kleist an seine Schwägerin Marie von Kleist vom 17. Sept. 1811.

    kleist_berlin_2011-5.JPG alter Kleist-Grabstein

    Nach der schon besprochenen Tragödie „Die Familie Schroffenstein“ ist der „Amphitryon“ wohl das Stück, welches die Identitätskrise Kleists und seine Zweifel an der Erkennbarkeit der Wahrheit am besten ausdrückt. Das Lustspiel des französischen Komödiendichters Molière über den Gott Jupiter, der mit der Alkmene in Gestalt ihres Gemahls Amphitryon eine Liebesnacht verbringt und die Protagonisten damit in eine existentielle Glaubenskrise stürzt, hatte Kleist in der französischen Gefangenschaft zu seiner Version einer Tragikomödie inspiriert. Das Stück bekam einige gute Rezensionen, nur Goethe hatte wie immer etwas daran auszusetzen und wollte lieber Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in Weimar aufführen. Goethe bekam das Manuskript von Kleists Verleger Adam Müller zugesandt, der in dessen Abwesenheit für das Stück trommelte, und analysierte das Lustspiel genau. Er schrieb am 14.07.1807 an F. W. Riemer: „Das Ende aber ist klatrig. Der wahre Amphitryon muß es sich gefallen lassen, dass Zeus diese Ehre angetan hat. Sonst ist die Situation der Alkmene peinlich und die des Amphitryon zuletzt grausam.“ Und an Adam Müller: „… es ist allenfalls nur ein wunderlich Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.“ Für Goethe war das Stück, „jenes merkwürdige poetische Produkt“, nur als Einwickelpapier für Geld gut, dass er dem Verleger Frommann nach Jena schickte. Dort wurde das Exemplar aber, neben anderen Werken Kleists, zur Abendunterhaltung von Frommann selbst vorgetragen.

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  • Die Schriftstellerin Christa Wolf ist gestorben.

    „Je näher uns jemand steht, umso schwieriger scheint es zu sein, Abschließendes über ihn zu sagen…“ Christa Wolf (aus Kindheitsmuster, Suhrkamp Verlag, 1976)

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    Christa Wolf (* 18. März 1929 in Landsberg; † 1. Dezember 2011 in Berlin) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0313-302 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA

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    Mein siebenundzwanzigster September

    Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens.

    Christa Wolf, „Ein Tag im Jahr – 1960-2000“, Luchterhand Literaturverlag, 2003

    Der schönste 27. September

    Ich habe keine Zeitung gelesen.
    Ich habe keiner Frau nachgesehn.
    Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
    Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
    Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
    Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
    und mit keinem über neue Zeiten.
    Ich habe nicht über mich nachgedacht.
    Ich habe keine Zeile geschrieben.
    Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

    Thomas Brasch „Der schönste 27. September“, Suhrkamp Verlag, 1983

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    Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eignen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtetet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst zu hassen.
    Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden. Das zu belachen ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.
    (…)
    Fern hören sie Stimmen. Sie rufen nach Kleist. Die Kutsche nach Mainz soll abfahren. Die Günderode bedeutet ihm, sich zu entfernen. Sie verabschieden sich durch eine Handbewegung.
    Jetzt wird es dunkel. Auf dem Fluß der letzte Schein.
    Einfach weitergehn, denken sie.
    Wir wissen, was kommt.

    aus „Kein Ort. Nirgends“, Aufbau-Verlag, 1979

    Liebe

    O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
    In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
    In Stummheit Sprache,
    Schüchtern bei Tage,
    Siegend mit zaghaftem Bangen.

    Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
    Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
    Genießend schmachten,
    Nie satt betrachten
    Leben im Traum und doppelt Leben.

    Karoline von Günderrode (178o-1806)

    „Einstens lebt ich süßes Leben“ – Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Herausgegeben von Christa Wolf, Insel Verlag, 2006

    Foto: St. B. dsc04009.JPG

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    Es war ja klar: Allen, die überlebten, würden die neuen Herren ihr Gesetz diktieren. Die Erde war nicht groß genug, ihnen zu entgehn. Du, Aineias, hattest keine Wahl: Ein paar hundert Leute musstest du dem Tod entreißen. Du warst ihr Anführer. Bald, sehr bald, wirst du ein Held sein müssen.
    Ja! hast du gerufen. Und? An deinen Augen sah ich, du hattest mich begriffen. Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben.

    aus „Kassandra“, Luchterhand Literaturverlag, 1983

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    Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtrücken, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt. Was meiner Stadt zugrund liegt und woran sie zugrunde geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.

    Juni-Juli 1979/November 1989

    aus „Was bleibt“ Luchterhand Literarturverlag, 1990

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    Antwortversuche
    Ich habe sie noch nicht als DIE ANDEREN gesehen
    Ich traute meinen eigenen Gefühlen nicht
    Ich glaubte ihnen Auskunft schuldig zu sein
    Beklommen glaubte ich DER SACHE so zu nützen
    Ich wusste mir nicht zu helfen
    Ich hatte Angst

    *

    Drei Tage sind vorbei im Traum heut nacht
    Rasender Fall durch Schichten
    Von immer dichterer Konsistenz
    Luft Wasser Morast Schutt Geröll
    Steckenzubleiben droht ich zu ersticken
    Dann plötzlich unter mir Gestein
    Und diese Stimme
    Du stehst auf festem Grund
    Weinen im Traum ist erlaubt

    Santa Monica 26.3.1993

    aus „Auf dem Weg nach Tabou – Texte 1990-1994“, Kiepenheuer & Witsch, 1994

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    Wir sprechen einen Namen aus und treten, da die Wände durchlässig sind, in ihre Zeit ein, erwünschte Bewegung, ohne zu zögern erwidert sie aus der Zeittiefe heraus unseren Blick. Kindsmörderin? Zum ersten mal dieser Zweifel. Ein spöttisches Achselzucken, ein Wegwenden, sie braucht unsere Zweifel nicht mehr…
    …Ich, Medea, verfluche euch.
    Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.

    aus „Medea Stimmen“, Luchterhand Literaturverlag, 1996

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    dsc04003.JPG Foto: St. B.

    „Das Bild, das ich in dieser Minute aus meinem Dachfenster sehe, möchte ich in der Minute meines Todes sehn: Der Himmel, der die Landschaft beherrscht, blau grundiert. Kumuluswolken. Wolkenstreifen darüber, in einer anderen Höhenschicht. Der tiefe Horizont, unterbrochen von Baumwipfeln … Die unendlich vielen Nuancen von Grün … Beherrschend ist aber der Kirschbaum mitten auf der Wiese, ich kenne keinen wie ihn. Er blüht über und über trotz der bitteren Kälte der letzten Wochen. … Unbeschreiblich das sanfte, heitere Licht. – “

    aus „Nuancen von Grün“ – Ausgewählte Texte zu Landschaft und Natur, Aufbau Verlag 2002 (ursprünglich in „Voraussetzungen einer Erzählung“ – Arbeitstagebuch zum Kassandra-Projekt (1981), Werke 7, München, 2000

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    Und die Farben. Ach, Angelina, die Farben! Und dieser Himmel.
    Sie schien zufrieden, flog schweigend, hielt mich an ihrer Seite.
    Wohin sind wir unterwegs?
    Das weiß ich nicht.

    Aus „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Suhrkamp Verlag, 2010

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    „Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art.“ aus „Nachdenken über Christa T.“, Luchterhand Literaturverlag, 1978

    Wir werden weiter darüber nachdenken. Danke, Christa W.

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  • Neues aus Kalau (3)

    ,,Vorerst gescheitert“ – Der Zoon Politikon ist wieder aufgetaucht. Ein fast perfektes Doppel.

    Ein gerechter, weiser, tapfrer, gottesfürchtger Mann
    Und großer Zeichenkündger, da er den Frevlern sich,
    Den frechen Prahlern, trotz des eigenen Sinns gesellt,
    Er wird, so Zeus will, mit in den Tod hinabgestürzt.
    Eteokles über den Seher Amphiaraos (Aischylos: Sieben gegen Theben)

    guttenberg_gelwar.jpg Gel-War!

    guttenberg-neu.jpg Wählbar?

    ,,Denn wenn eben jeder einzelne für sich nicht selber genügend ist, so verhält er sich zum Staat geradeso wie die Teile eines anderem Ganzen zu diesem letzteren; wenn er aber andererseits nicht an einer Gemeinschaft sich zu beteiligen vermag oder dessen durchaus nicht bedarf wegen seiner Selbstgenügsamkeit, so ist er freilich kein Teil des Staates, aber eben damit entweder ein Tier oder aber ein Gott. Aristoteles aus ,,Politik“

    guttenbergs.jpg
    Zoon politicon oder Zoon syndyastikón?

    „Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage.“ KTzuG zu GdiL (DIE ZEIT, 24.11.2011 Nr. 48)

    Wir stehen selbst erstaunt und sehn betroffen,
    Den Vorhang auf und keine Fragen offen.

    S. v. K. für die Kalauer Illustrierten Tagesblätter (KILT)

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  • Wortgewaltig – Antú Romero Nunes inszeniert „Die Familie Schroffenstein“ als sprachliches Missverständnis beim Kleistfestival am Maxim Gorki Theater Berlin – Teil 2

    Es gab viel zu sehen in den gut zwei Wochen des Kleistfestivals im Maxim Gorki Theater. Im Zentrum standen sicher die Inszenierungen von Hausherr und Initiator Armin Petras, der sich mit dem Kriegerischen und dem Preußentum in Kleists Werken auseinander setzte und Jan Bosse, der die Lustspiele „Der zerbrochene Krug“ und „Amphitryon“ zum Besten geben durfte und auch noch Kleists Ritterspiel „Das Käthchen von Heilbronn“ zur Komödie machte. Das scheint Bosse zu liegen (dazu später mehr) und ist sicher auch der dankbarere Kleistpart. Nachdem Felicitas Brucker bereits im letzten Jahr die „Penthesilea“ als schmerzhaftes Emanzipationsdrama mit mehr oder minder Erfolg aufgeführt hatte, blieb noch Kleists Erstling „Die Familie Schroffenstein“ übrig. Dieser an „Romeo und Julia“ erinnernden „Scharteke“ – Kleist bezeichnete das Stück selber so – hat sich nun der Jungstar des Regieteams am Gorki, Antú Romero Nunes, angenommen.

    kleistfestival-gorki-2011-3.JPG Foto: St. B.

    ,,Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.“ Ursula, eine Totengräberwitwe, in „Die Familie Schroffenstein“

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  • Michael Coolhaze sieht rot im DT und Herrmann battled im HAU – Studio Braun und Rimini Protokoll zeigen uns Kleist einmal anders

    Studio Braun zeigen ihr Actionmusical „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ am Deutschen Theater Berlin

    Nicht nur der Truppe um Armin Petras im Maxim Gorki Theater ist aufgefallen, dass wir im Kleistjahr sind, auch andere Theatergruppen nehmen das Jubiläum zum Anlass, um sich mit dem streitbaren Autor auseinander zu setzen. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger vom Hamburger Trio „Studio Brau“ sind alle drei künstlerisch vielseitig begabt, machen Musik, schreiben Bücher sowie Theatertexte und sind berüchtigt für ihre Telefonstreiche auf verschiedenen Radiosendern. Bisher hatten sie ihre Heimstadt am Hamburger Schauspielhaus, für das sie sich in der Intendanten-Krise auch tatkräftig eingesetzt haben, Ex-Kultursenator Reinhard Stuth, kann ein Lied davon singen.

    Im letzten Jahr haben Studio Braun am traditionsreichen Hamburger Theater schon einmal eine Revue aufgeführt und nannten das eine moderne Fantasie. Es ging um die Figur des Kremlfliegers Matthias Rust. In „Rust – Ein deutscher Messias“ war der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs als naiv sensibler Flugschüler mit Sendungsbewusstsein zu sehen, der ,mangels Aufmerksamkeit, erst auf dem Roten Platz in Moskau landet, dann den Weltfrieden verkünden will und schließlich wieder in der medialen Versenkung verschwindet, aus der er sich nur mittels einiger aufsehenerregender Straftaten wieder zu befreien hoffte. Irgendwann gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen, diente er nun Studio Braun zur lustigen Mythenbildung und wurde schließlich zum Sektenguru und Gründer des utopischen Friedensreichs „Lagonia“ gekürt. Die drei Meister des abseitigen Humors peppten dieses moderne Märchen mit schrägem Witz, skurrilen Szenen und natürlich jeder Menge Musik auf.

    Musik ist nun auch die treibende Kraft in ihrem neuen Streich „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“. Ein ganzes Orchester hat sich im Graben vor der Bühne verschanzt, wie zu Beginn der Veranstaltung Heinz Strunk verkündet. Auch wird genau erklärt worum es sich bei dieser Vorstellung handelt. Wir sehen zunächst ein Filmteam auf einer drehbaren Bühnenkulisse, das sich anscheinend an irgendeiner Hollywoodschmonzette versucht. Anita Vulesica ist die Schauspieldiva Bonnie und Felix Göser ist niemand anderes als der große Actionstar Charles Bronson. Wir befinden uns im Jahr 1982 am Set der Fortsetzung der amerikanischen Kultsaga „Ein Mann sieht rot“, indem ein unbescholtener Architekt, nachdem seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt wurde, mit einer Pistole bewaffnet den Moloch New York aufräumt und, zur Freude von Polizei und Justiz, die Zahl der frei herumlaufenden Kleinganovenschar stark dezimiert.

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