Autor: Stefan

  • Über das Erinnern (2) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

    „Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig und jeder Aufmerksamkeit würdig.” Hermann Hesse

    She She Pop öffnen im Hau 2 mit ihren Gästen Ost-West-Erinnerungs-Schubladen

    Fritz Kater ist mit seinem Stück „zeit zu lieben zeit zu sterben“ das Kunststück gelungen, Erinnerung unmittelbar auf der Bühne erlebbar zu machen. Das ist es auch, was Armin Petras als Regisseur immer wieder mit der Inszenierung von Romanen versucht. Antú Romero Nunes ist es am Maxim Gorki Theater gelungen Katers Erzählstrom mittels Klang, Bild und Bewegung in mitreißendes Theater zu übersetzen. Wie sieht das nun mit den Mitteln des Diskurstheaters oder der Performance aus? Wie lässt sich also das Erinnern einer realen Person authentisch auf der Bühne umsetzen und dabei noch künstlerisch ansprechend darstellen? Am Internationalen Frauentag luden drei Performerinnen von She She Pop, alle in West-Deutschland aufgewachsen, ins HAU 2. Sie räumten gemeinsam mit drei Gast-Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden, genüsslich ihre ganz privaten Schubladen aus. Zum Vorschein gekommen sind die teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen nicht nur zum Feminismus in Ost und West, auch systemimanente Begriffsdefinitionen und Erziehungsfragen wurden einander gegenübergestellt. Dass das Ost-West-Thema erst nach immerhin 22 Jahren Einheit auf den Tisch der Theatermacherinnen West gelangt ist, erklären diese ehrlich mit ihrem anfänglichen Desinteresse sowie einem gewissen Selbstverständnis und der Ignoranz eben andere Probleme wichtiger zu finden. Man scheute auch die ständigen Fragen nach der Herkunft, aus Angst ein vermeintliches Tabu zu berühren. Damit sollte nun endlich Schluss sein. (Siehe „Das erste Mal“ – She She Pop im Gespräch; der Freitag, 08.03.12)

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    Aus der Schublade gekramt: Befreiung West versus Aufklärung Ost

    She She Pop benutzen in ihren Stücken, wie z. B. auch in „Testament“, oft Musik für ihre vielfältige Erinnerungsarbeit. In „Schubladen“ kam nun auf einem Plattenteller ein ganz besonderes Sampling von über 30 Jahren deutsch-deutscher Vergangenheit zu Gehör. An Tischen sitzen drei Paare auf Bürorollstühlen, die sich auch für schöne Bewegungschoreografien eignen, und ziehen kleine Wägelchen mit Büchern, Briefen, Fotos und Schallplatten zu sich heran. Auf den Tisch kommt nun das persönliche Erinnerungsmaterial, das man der jeweils Gegenübersitzenden an konkreten Beispielen aus der eigenen Biografie näher bringen will. Es prallen Ideologien aufeinander und öfter wird vom Gegenüber „Stop!“ gerufen und „Definiere!“ z.B. Kapitalist, Dividende, Klassenbrigadier und Pazifist. Oder nicht doch eher Pazifistin? Da stehen das West-Befreiungsbuch von Alice Miller „Das Drama des begabten Kindes“ neben Heinrich Brückners DDR-Aufklärungsfibel „Denkst du schon an Liebe?“, Westaufsätze über die DDR gegen die Definition eines Kapitalisten aus dem Heimatkundelehrbuch DDR Klasse 4. Man erzählt sich seine Kindheit vom daheim behüteten Westmädchen oder dem nach sechs Monaten in die Krippe gegebenen Ostmädchen. West-Performerin Nina Tecklenburg summt genüsslich die Titelmelodien kitschiger Vorabendserien und die in Rostock aufgewachsene Soziologin Wenke Seemann kontert mit dem Neid-Lied aus Reinhard Lakomis „Traumzauberbaum“.

    Das wirkt am Anfang noch etwas bemüht, entwickelt aber immer mehr seinen Charme, wenn die kurzen Berichte mit konkreten Erlebnissen, Anekdoten oder ganz persönlichen Tagebucheintragungen unterfüttert werden. Die Sopranistin Alexandra Lachmann erzählt von der Schere im Kopf, dem Verstellen in der Schule und wie ihr Bruder kurz vor der Wende über Ungarn in den Westen ausgereist ist. Die Schriftstellerin Annett Gröschner litt unter der Bevormundung im Studium und fing an ihre Albträume aufzuschreiben. Aber bei all der schweren Erinnerungsarbeit, darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Was war wirklich drin im Westpaket und hätte Frau Ost nicht doch lieber Tampons anstatt Seife und echt 4711 gehabt? Es darf an der Rampe bei einem Gläschen Wodka kurz abgelästert werden über die verzärtelten Westfrauen. Diese haben ihre Probleme damit, dass die eigene Mutter vom Geld des Vaters lebt oder dem schwierigen Erbe von Onkeln die heute immer noch wie Karl Marx aussehen. Stolz ist man über die erste eigene Wohnung und das politische Engagement. Es wird der Song „Wir sind geboren um frei zu sein“ von Ton Steine Scherben aufgelegt, die Ostfrauen halten ihre Favoriten dagegen. So gibt ein Klischee das andere, bis die Westfrauen schließlich über das Fehlen der sozialistischen Alternative klagen. Wenke Seemann bringt es auf den Punkt: „Hast Du eigentlich eine Ahnung davon, wie es ist, in Deiner Alternative aufzuwachsen.“

    Bis in die Zeit kurz nach der Wende geht der Abend dann noch und die Ostfrauen berichten von merkwürdigen Feministinnencamps, falschen Vorstellungen und ersten Enttäuschungen. Die verschlafene Wendenacht, die Enge am Grenzübergang in der Schlange auf der Warschauer Brücke oder Männern mit tätowierter Werbung auf dem Gemächt, regelrecht literarisch wird es, wenn Annett Gröschner aus ihren Traumtagebüchern zitiert. Johanna Freiburg schwärmt von einer ersten platonischen Liebe und Ilia Papatheodorou imaginiert ein erotisches Erlebnis. Auch die Westfrauen sind mittlerweile im Osten von Berlin angekommen, stellen aber bestürzt fest, dass man im Adressbuch kaum Telefonnummern von Ostfreunden hat. Das sich das ändern könnte, dafür steht dieser sympathisch humorvolle und nie ganz von Ironie freie Gesprächsabend. Konsens findet sich bei der Theatermacherin West Johanna Freiburg und der Schriftstellerin Ost Annett Gröschner schnell beim Dramatiker Heiner Müller oder Nina Tecklenburg und Wenke Seemann schwärmen von Eiskunstlaufolympiasiegerin Katarina Witt und führen eine Carmenkür auf ihren Bürodrehstühlen auf. Da heben sie für einen kleinen Moment ab, lassen den theoretischen Ballast am Boden und alles Schubladendenken weit hinter sich.

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    „Das Ende der SED“ – Im Europasaal des Auswärtigen Amtes zeigt das Theater 89 noch einmal die letzten Tage des Zentralkomitees der SED

    Um eine ganz andere Art der Erinnerung geht es in dem Stück „Das Ende der SED – Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED“, das das Theater 89 im Europasaal des Auswärtigen Amtes uraufführte. Hier am historischen Platz lassen die Schauspieler in der Regie des Theaterleiters Hans-Joachim Frank die letzten Zentralkomiteesitzungen von Oktober bis Dezember 1989 revuepassieren. Der Historiker und Publizist Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam hat mit Gerd-Rüdiger Stephan von der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Abschriften der Original-Tonbandmitschnitte dieser Sitzungen 1997 in einem gleichnamigen Buch beim Ch. Links Verlag veröffentlicht und bot diese Texte seitdem verschiedenen Theatern wie Sauerbier an. Das Theater 89 hat nun in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein Theaterstück daraus gemacht.

    Das Material bietet sich tatsächlich für eine theatrale Aufarbeitung an, sind doch alle Elemente eines klassischen Dramas darin enthalten. Man könnte es auch als antike Tragödie aufführen, allein der eigentlich Leidgeprüfte ist nicht anwesend. Man hat vergessen das Volk ins Stück mit einzubauen. Dafür intoniert ein Chor (Singakademie Frankfurt/O.) Arbeiterkampflieder, die hier nicht ganz unbeabsichtigt wie Klagelieder einer vergangenen Zeit wirken. Die Götterdämmerung im Herbst 1989 erreichte die gottgleich auf ihrem Olymp erstarrte Parteinomenklatur scheinbar wie aus heiterem Himmel. Die Hybris der führenden Rolle hatte die SED lange unangreifbar erscheinen lassen, umso schneller kam der selbstverschuldete Sturz in den Orkus der Geschichte. Die Tragödie wurde zum kleinbürgerlichen Trauerspiel um Erklärungsnot und scheinheilige Schulddebatten. Das Theater 89 versuchte nun diese Ereignisse der Wendewirren dem Vergessen zu entreißen. Vielen im Publikum werden ihre eigenen Erinnerungen an die Zeit der Wende wieder gegenwärtig, anderen ist es immerhin eine lebendige Geschichtsstunde.

    dsc06527.JPG Foto: St. B.
    Genosse Austauschbar. – Pappkameraden in grauen Anzügen beim Ende der SED im Europasaal des Auswärtigen Amts

    Das Schauspielensemble, weiß geschminkt und in grauen Anzügen, stellt die verschiedenen ZK-Mitglieder dar, die in endlosen Debatten und Redebeiträgen nach Fassung ringen und sich gegenseitig ins Wort fallen. Es wird auf einen schnellen Entschluss gedrängt, das Heft des Handelns nicht aus der Hand zu geben. Den Draht zum Volk hat man aber längst verloren. Es wird nach Ursachen gesucht, allerdings nach dem alten Motto: Bloß keine Fehlerdiskussion. Aus den Kreisleitungen der Partei kommt erster Widerspruch und einige ZK-Mitglieder üben zerknirschd Selbstkritik. Vorn im Präsidium sitzen zu Anfang noch der neue Generalsekretär Egon Krenz, Kurt Hager, Armeechef Heinz Kessler und andere Politbüromitglieder. Lange können sie sich da nicht mehr halten, die ehemalige Führung wird nach und nach ausgetauscht. Die entstehenden Lücken füllen Puppen in grauen Anzügen aus. Für die Künstler in der Partei spricht der Schriftsteller und Verbandspräsident Hermann Kant, der das Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten anprangert und im Dialog mit dem Volk die Führungsrolle wiedererlangen will. Andere ergehen sich in belanglosen Scheindebatten und Schönfärbereien. Dazwischen immer wieder sakrale Chorpassagen mit Brechts „Kinderhymne“, dem „Lied der Partei“, „Spaniens Himmel“ oder Wolfgang Langhoffs „Moorsoldaten“. Es wird die unfreiwillige Grenzöffnung mit Schabowski-O-Ton eingespielt und die Wirtschaftslenker des ZKs gestehen ihre Fehler ein. Alle haben sich im Zuge der Parteidisziplin dem Urteil der Parteioberen gebeugt.

    Das Land steht 1989 am Rande des Bankrotts und niemand will es bemerkt haben. Der Arbeiter- und Bauerstaat hing schon lange am Tropf des Westens. Die Schuldfrage ist schnell geklärt. Die Genossen fühlen sich vom Politbüro des ZKs, das die Belange der Partei und des Staates nach Gutdünken lenkte, betrogen. Der 86 Jahre alte Genosse Bernhard Quandt, der von 1939 bis 1945 in Sachsenhausen und Dachau saß, verlangt unter Tränen die standrechtliche Erschießung der Verantwortlichen für die erlittene Schmach des Machtverlusts. Einer Reflexion auf die eigene Schuld hin sind nur wenige fähig. Ein wirklicher Widerpart ist hier auch nicht zu erwarten. Dazu fehlen kontroverse Stimmen von außerhalb der Parteikreise, die die Inszenierung nicht für nötig hält und sich strikt am Text der Aufzeichnungen orientiert. Das ist nicht nur künstlerisch ein Manko. Problematisch ist bei dieser Herangehensweise, dass die Schuld hier leicht delegierbar scheint und dadurch einer umfassenden Aufarbeitung entgegenwirkt. Die Stimme des Volkes wird zum Schluss wieder eingeblendet, es ruft die bekannten Worte: „Wir sind ein Volk.“ Das war es auch schon vorher.

    „Niemals haben Menschen so vieles vergessen sollen, um funktionsfähig zu bleiben, wie die, mit denen wir leben.“ Christa Wolf aus Kindheitsmuster

    Die nächsten Aufführungen in Berlin:

    • 31.03.12, 19:00 Uhr, Akademie der Künste am Hanseatenweg
    • 14.04.12, 19:00 Uhr, im Kleistsaal der Urania
    • 12.05.12, 19:00 Uhr, Haus der Kulturen der Welt
    • 02.06.12, 19:00 Uhr, Zionskirche

    Literatur: _______________________ das-ende-der-sed_buch_cover.jpg

    Hans-Hermann Hertle/Gerd-Rüdiger Stephan (Hg.), Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees. Mit einem Vorwort von Peter Steinbach, Berlin: Ch. Links Verlag 1997

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  • Über das Erinnern (1) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

    „Aber kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst.“ Christa Wolf, Lesen und Schreiben. Neue Sammlung. Essays, Aufsätze, Reden

    Die Erinnerung geht meist verschlungene Wege, ist keine geradlinige Straße in die Vergangenheit. Man muss diese Straße auf der Suche nach Spuren abschreiten, den Asphalt abklopfen auf Resonanz, die durch dessen doppelten Boden erzeugt wird. Für Walter Benjamin ist daher der Flaneur vor allem ein Sinnbild für das literarische Erinnern, das ihn aber immer auch in ein Labyrinth führt, wie in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Erinnerung wird oft durch äußere Reize wie Geschmack, Düfte oder auch Klänge hervorgerufen oder verstärkt. Musik ist daher besonders gut geeignet Erinnerungen wach zu rufen und so besitzt jeder Mensch einen ganz besonderen Soundtrack seines Lebens. Das man in seiner Erinnerung oft zur Verklärung neigt, ist eine spezifische Eigenschaft persönlichen Erinnerns, das bestimmte Erlebnisse ausblendet und andere dafür um so deutlicher erscheinen lässt. Besonders negativ besetzte Ereignisse verschwimmen dabei zunehmend im großen Chor der kollektiven Erinnerung. Nostalgie nennt man z.B. eine dieser Erscheinungen, was die jüngere deutsche Geschichte betrifft. Daher ist es besonders begrüßenswert, dass sich in der letzten Woche wieder einmal Künstler an drei Berliner Theatern mit der ost- bzw. gesamtdeutschen Vergangenheit befasst haben und somit einen wichtigen Beitrag zur gemeinsamen Erinnerungsarbeit leisteten.

    „Unser Gedächtnis gleicht den Geschäften, die im Schaufenster einmal die eine und einmal die andere Photographie der gleichen Person ausstellen. Gewöhnlich bleibt dann für einige Zeit nur die letzte im Blickfeld der Beachtung.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

    Erinnerungsarbeit leicht gemacht – Antú Romero Nunes flaniert am Maxim Gorki Theater mit viel Musik durch Fritz Katers „zeit zu lieben zeit zu sterben“

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    Fritz Kater widmete das Stück zeit zu lieben zeit zu sterben Jeams Dean. Foto: Wikimedia

    „Musik ist natürlich ein zentraler Punkt. Mit dem Sprechen heute ist es nicht mehr so einfach. Der Sprachakt als solcher, der ist so vergiftet und zerstört, so verniedlicht und verkleinert; deshalb muss man immer wieder gucken, wo kann die Sprache Kraft herbekommen. Musik ist da ganz stark.“ Armin Petras in einem taz-Interview vom 14.05.2003

    Schon in der Uraufführung, die Armin Petras 2002 am Thalia Theater Hamburg besorgte, gab es einen rockigen Soundtrack. Antú Romero Nunes, der damals 18jährige, hat in seiner Neuinszenierung des dreiteiligen in Mülheim preisgekrönten Stücks über eine Jugend in der DDR auch auf die Karte Musik gesetzt. Sie kommt aber nicht wie in Hamburg vom Band, sondern wird im Maxim Gorki Theater live auf der Bühne von der Band „marie & the redCat“ performt. Die Musiker stehen dabei auf einem Podest und untermalen die schnellen Texte des Schauspielerchors mit ihrem poppigen Sound. Sie spielen eigene Stücke und Coverversionen von Songs aus jener Zeit der 70er und 80er Jahre. Neil Youngs „Old man“ steht neben „Halt dich an deiner Liebe fest“ von Ton Steine Scherben und „El pueblo unido jamàs serà vencido”, einem Klassiker der chilenischen Band Inti-Illimani, Dauergäste des Ost-Berliner Festivals des politischen Liedes.

    Im ersten Teil „Eine Jugend / Chor“ werden die Erlebnisse eines Heranwachsenden in einem ungebremsten Redefluss durch die acht Gorki-Schauspieler wechselseitig oder im Chor vorgetragen. Die Musik wirkt hierbei direkt auf die Körper und lässt das unreflektierte Erinnern des Ich-Erzählers in eine unmittelbare Gruppenbewegung übergehen. Witzige Erinnerungen an Feten, wilde Besäufnisse und erste sexuelle Kontakte, wechseln mit anekdotenhaften Berichten von Mai-Aufmärschen, vergeblichen Ausreiseanträgen und tragischen Getränkeunfällen. Der Spaß ist hier noch die vorherrschende Attitüde, die Sehnsucht nach Leben, Liebe und Sex. Der Protagonist schreckt aber immer wieder vor großen Entscheidungen zurück. Das Schlimme passiert immer den anderen, er verhält sich nicht dazu. Kater/Petras entwirft hier eine exemplarische Figur der persönlichen Erinnerung, die der Chor zu einer kollektiven macht. Nunes übersetzt diese Stimmung in ein vielstimmiges Konzert. Zum Schluss regnet es sogar Flitter auf die Bühne, bevor der Rausch verflogen ist und sich der Ich-Erzähler dem Ernst beim Dienst in der Grenztruppe stellen muss.

    Im zweiten Teil „Alter Film / die Gruppe“ fährt die Band in den Hintergrund und auf der Drehbühne spult sich das Leben von Peter (Peter Jordan), der mit Mutter (Hilke Altefrohne) und Bruder Ralf (Johann Jürgens) ohne Vater aufwächst. Der ist in den Westen abgehauen und wird später durch den aus dem Gefängnis kommenden Onkel Breuer (Andreas Leupold) ersetzt. Der hat sich angepasst und rät auch Peter, sich in die Reihe zu stellen. Peter denkt aber lieber daran, wie er Adriana (Julischka Eichel) rumkriegen kann oder hat mit der betrunkenen Yvonne (Aenne Schwarz) ein Bad-Sex-Erlebnis. Erstmals dringen auch die unangenehmen Seiten des Heranwachsens in der DDR in sein Leben. Bruder Ralf bekommt keinen Studienplatz, selbst Onkel Breuer, der plötzlich Karriere macht, kann da nicht helfen und Peters Idol Dirk (Robert Kuchenbuch) geht in den Westen. In der Schule muss sich Peter nun mit Lehrerin Jolanta-Saukopf (Aenne Schwarz) oder dem scharfen Herrn Bühring-Uhle (Johann Jürgens) auseinandersetzen. Nunes spult das Geschehen tatsächlich in bunten Filmbildern auf der Drehbühne ab. Er greift hier Walter Benjamins Thema des Flaneurs auf (siehe Programmheft) und lässt Peter buchstäblich durch die Erinnerrungen seiner Jugend schlendern. Wie in einem Shortcut-Film jagen dabei die anderen in immer neuen Gruppenaufstellungen an ihm vorbei.

    Die Sehnsucht nach der großen Liebe will sich für Peter aber nicht erfüllen. Die Zeit erstarrt und die Bühne steht schließlich still. Die Band stimmt Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“ an und fordert zum Mitsingen auf. Es geht hier um die ganz spezielle Art der Erinnerung, die für jeden anders ist, sich aber immer auch an bestimmten gemeinsamen Eckpunkten festmachen lässt. Das ist das phänomenale an Katers Stück, dass in seinen drei Teilen verschiedene Erinnerungsebenen untersucht werden. Im ersten Teil der schnelle unreflektierte Erzählstrom, dann kommen dem Protagonisten die anderen Personen und Schicksale schon näher und er fängt an über sich und sein Leben nachzudenken. Schließlich erfolgt ein Cut. Robert Kuchenbuch erzählt auf leerer Bühne in „Eine Liebe / zwei Menschen“ von ein Mann, der nach der Wende seine Familie verlässt, um eine neue Arbeit zu beginnen. Er begegnet einer anderen Frau und spürt kurzzeitig die alte Sehnsucht nach der ganz großen Liebe. Aber er hat keine Kraft mehr sie zu halten. Man erlebt einen Gescheiterten, der sich an eine unmögliche Liebe klammert, auf der Suche nach einem Gefühl von früher. Doch der Vulkan ist erloschen. Der Chor steht derweil abseits im Saal. Trotz oder gerade wegen des nachdenklichen Endes ist Nunes kraftvolle Wiederbelebung des Stücks vollauf geglückt.

    „Man denkt an das, was man verließ;
    Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.“

    Johann Wolfgang von Goethe, Faust II

    wird fortgesetzt

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  • F.I.N.D. 2012 (Teil 2) – Ein russischer Strindberg und Fünf Stunden Shakespeare aus Polen – Thomas Ostermeier und Krzysztof Warlikowski mit Gastspielen an der Berliner Schaubühne

    Am ersten Wochenende vom  02.03. – 04.03. stand das F.I.N.D. 2012 an der Berliner Schaubühne ganz im Zeichen der Gastspiele des Театр Наций (Theater der Nationen) aus Moskau mit „Фрекен Жюли – Fräulein Julie“ nach August Strindberg in der Regie von Thomas Ostermeier und des Nowy Teatr (Neues Theater) aus Warschau mit „Opowieści afrykańskich według Szekspira – Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare“ in der Regie von Krzystof Warlikowski. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf „nach“, denn die Stücke wurden nicht nur neu übersetzt, sondern der russische Autor Mikhail Durnenkow versah „Fräulein Julie“ mit einem zeitgemäß aktualisierten Text und der polnische Dramatiker Piotr Gruszczyński überarbeitete für die „Afrikanischen Erzählungen“ drei Stücke von William Shakespeare.

    find-2012_schaubuhne-1.JPG Foto: St. B.

    In Katie Mitchells Video-Inszenierung von Anton Strindbergs „Fräulein Julie“ wird von der Köchin Kristin in Großaufnahme ein Niere gebraten. Auch in Thomas Ostermeiers eher am konventionellen Theaterformat orientierten Version gibt es gleich zu Beginn eine Kochszene und die Kamera hängt als dauernder Beobachter über den Köpfen der Protagonisten. Bei Katie Mitchel ist sie mit ihren Großaufnahmen neben Jule Böwe als Kristin der Hauptakteur, bei Ostermeier zoomt sie sich voyeuristisch immer wieder in die Handlung.  Sie will im sterilen Ambiente der Designerküche die wahren Gefühlsregungen und Abgründe einfangen. Die Berliner Schaubühne ist an diesem Abend fest in russischer Hand, stehen doch einige russische Schauspieler mit Format in dieser Moskauer Inszenierung in der Regie von Thomas Ostermeier, die bereits im Dezember letzten Jahres dort Premiere hatte, auf der Bühne. Als Hühnerbouillon kochende Kristin ist Julia Peresild, die eine Hauptrolle in Alexey Uchitels für den Oscar eingereichten Weltkiegsdrama „Kraj“ (The Edge) von 2010 spielt, zu sehen. Diener Jean, der hier in der modernisierten Fassung Fahrer des Hausherrn und Ex-Generals ist, wird vom Leiter des Theaters der Nationen Jewgenij Mironow dargestellt und das Fräulein ist die auch in Deutschland bereits bekannte Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (Luna Papa, Good Bye, Lenin!).

    Die Szene ist eine Silvesterparty im Haus eines Ex-Generals und Oligarchen, Vater von Julie, der von Jean gerade zum Flughafen gebracht wurde. Während der rauschenden Party kommt Julie immer wieder in die Küche und flirtet mit dem Chauffeur, der es sich bei seiner Verlobten Kristin gemütlich gemacht hat und eine Flasche vom guten Wein des Hausherrn schmecken lässt. Jeans Interesse ist nach anfänglichem Zögern bald erwacht und nachdem Kristin müde von der Arbeit zu Bett geht, lässt er sich auf das Spiel der reichen Tochter ein. Mikhail Durnenkow neuer Text ist den Gegebenheiten angepasst heutig, folgt aber im Wesentlichen Strindbergs Drama. Sie erzählt ihm von ihrer unterdrückten Mutter, die sie früh zur Selbständigkeit erzogen hat, was nie von ihrem Vater akzeptiert wurde. Verwirrt wirkt Julie deswegen nicht, eher gelangweilt und vergnügungssüchtig, ganz Geschöpf ihres Standes. Jean dagegen ist zunächst bodenständig aber stets auf seinen Vorteil bedacht. Er schwärmt Julie vor, sie immer beobachtet zu haben und erzählt ihr seine Lebensgeschichte inklusive eines Kaukasuskriegstraumas. Hier kommt es zur kurzzeitigen Annäherung, die in einer gemeinsamen Nacht gipfelt, während die dekadente Partygesellschaft die Designerküche verwüstet. Ein vorweggenommener Clash, der sich zwischen dem ungleichen Paar am nächsten Morgen wiederholen wird. Im Partymüll der vergangen Nacht kommt es nach dem Hochgefühl schnell zur existenziellen Katerstimmung.

    Zunächst entwickelt sich noch ein offener spannungsgeladener Schlagabtausch zwischen den beiden, bei dem mal Julie und mal Jean die Oberhand behaupten können. Einer versuchte den anderen zu benutzen und zu besitzen. Dabei ist es mehr in Kampf der Klassengegensätze, als einer der Geschlechter. Das Glamourgirl Julie kokettiert mit dem Gedanken an der Seite Jeans der Langeweile und Enge ihres Lebens zu entkommen und der eher bodenständige Jean sieht seine Chance des sozialen Aufstiegs. Allein seine Idee vom gemeinsamen Hotel weckt bei Julie nicht das erhoffte Interesse. Letztendlich kommt es zu gegenseitigen verbalen und körperlichen Demütigungen, erst die Rückkehr des Oligarchen lässt beide, aus Furcht vor den Konsequenzen, in ihre angestammte Position zurückfallen. Ob zur Vertuschung des Fehltritts die Pistole, die sich Julie an die Schläfe hält, zum Einsatz kommt, bleibt offen. Zumindest wird ein Weiterleben wie bisher für beide kaum noch möglich sein, zu nahe sind sie sich in ihren Gegensätzen gekommen. Das ist sicherlich unglaublich dicht von Ostermeier inszeniert und von den hochkarätigen Darstellern exzellent gespielt, allein die gesellschaftliche Brisanz wirkt hier aufgesetzt und konstruiert. Der gesellschaftliche Riss in Russland geht längst tiefer und die aktuelle politische Entwicklung scheint am Inszenierungsteam, trotz Ostermeiers Reflektionen im Freitag über die Verstrickung von Macht und bedrohter Kunst, spurlos vorbeigezogen zu sein.

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    Wenn für viele nach 2 Stunden bereits Schluss ist, geht es beim polnischen Ausnahmeregisseur Krzysztof Warlikowski erst richtig los. Sein letzter Vierstundenabend war 2010 beim Polski-Express des Berliner HAU in den Hallen der Station Kreuzberg am Gleisdreieck zu sehen. In „(A)pollonia“ verschnitt Warlikowski griechische Tragödienfiguren wie Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos und Herakles mit der polnisch-jüdischen Geschichte, Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ und J.M. Coetzees „Elisabeth Costello“. Es ging um die Opferbereitschaft des Menschen in Extremsituationen. Beim F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne Berlin war nun seine über Fünf Stunden währende Inszenierung „Afrikanische Erzählungen“ nach Shakespeare als Gastspiel des Neuen Theaters aus Warschau zu sehen. Hierfür hat sich Warlikowski Shakespeares große Außenseiterfiguren Othello (den Schwarzen), Shylock (den Juden) und Lear (den Sterbenden) ausgewählt und in seiner bewährter Cut-up-Manier wieder mit Texten des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee ergänzt. Alle drei Figuren werden von dem bekannten polnischen Schauspieler Adam Ferency dargestellt. Beginnend mit der Szene von König Lears Übergabe seiner Macht an die Töchter  Goneryl (Ewa Dałkowska) und Regan (Stanisława Celińska) und der Verstoßung Cordelias (Maja Ostaszewska) geht es bei Warlikowski nahtlos mit dem „Kaufmann von Venedig“ weiter, an den sich nach der ersten Pause die Tragödie des Othello anschließt.

    Shylock ist hier ein Fleischer, der dem Kaufmann Antonio (Jacek Poniedziałek) für das geborgte Geld ein Pfund Fleisch aus dessen Leib schneiden will. Salerio und Solanio (Wojciech Kalarus und Piotr Polak) mit Schweinsmasken verspotten den Juden und kopulieren auf dessen Metzgertisch. Das Ganze wird noch mit Videoanimationen von Mäuseköpfigen Juden ausgemalt und nimmt damit direkt Bezug auf den Holocaust-Comic „Maus. A Survivor’s Tale“ von Art Spiegelman, der in Polen zu heftigen Protesten geführt hatte. Ausgiebig behandelt Warlikowski die Kästchen der Portia (hier drei Laptops) und den Prozess um das Pfand des Shylock. Portia (Małgorzata Hajewska-Krzysztofik) als Advokat verkleidet, würgt schließlich ein Stück rohes Fleisch herunter und erbricht es wieder. Eine ähnliche Konstellation entwirft Warlikowski im „Othello“. Jago (Marek Kalita), als Masseur, umschmeichelt erst den schwarzen General und hetzt ihn schließlich mit seiner Intrige gegen Cassio (Piotr Polak) auf. Othello wird dann beim Empfang des venezianischen Gesandten mit rassistischen Witzen konfrontiert und seine Frau Desdemona (Magdalena Popławska) sexuell gedemütigt. Hier ist das sich Schwärzen des Othello-Darstellers ein Sinnbild für die Annahme der von den Weißen zugeschriebenen Rolle, in der Othello schließlich selbst weiße Verhaltensweisen adaptiert. Warlikowski provoziert bewusst mit diesen Ausbrüchen und schockierenden Bildern, die ihre Wirkung gerade auch in Polen und Deutschland nicht verfehlen dürften.

    Alle drei Shakespearetragödien beinhalten aber auch komplizierte Vater-Tochter-Beziehungen. Von der scheinbar emanzipierten Portia, die trotzdem sie nach dem Willen des toten Vaters handelt, Bassanio (Piotr Polak) nicht bekommen kann, da dieser hier in Antonio verliebt ist, über Desdemona, die ihre Liebe zum Vater für den unakzeptierten Fremden aufgibt, kommt Warlikowski schließlich wieder auf den Lear-Cordelia-Plot zurück. Am Bett des an Kehlkopfkrebs erkrankten Vaters sitzt die verstoßene Tochter (Maja Ostaszewska), die ihn nun pflegen muss, und philosophiert über Parallelen von dessen offener Operationswunde am Hals zum weiblichen Geschlechtsorgan. Warlikowski verschneidet den Lear mit J. M. Coetzees Roman „Im Herzen des Landes“. Hier wird die Geschichte einer einsamen ungeliebten Tochter eines Farmers erzählt, der diese nur als Haushälterin wahrnimmt. Sie leidet zusätzlich unter der Affäre des Vaters mit einem schwarzen Dienstmädchen und träumt ihn mit der Axt zu erschlagen. In einer Art Wahntraum erschießt sie ihn dann sogar. Die blutigen Einzelheiten erspart uns Warlikowski. Jedoch in eindrücklichen Szenen, wenn beide beim Essen sitzen und sich nichts zu sagen haben oder Magda sehnsuchtsvolle Musik abspielt, kommt die Verzweiflung und Frustration der jungen Frau zum Ausdruck.

    Weshalb Warlikowski auch noch J. M. Coetzees jüngsten Roman „Sommer des Lebens“ mit einbezieht, erschließt sich allerdings nicht sofort. Hier geht es in einer Art fiktiven Autobiografie um den Schriftsteller John Coetzee. Nach dessen Tod führt ein junger Journalist Interviews mit einigen Frauen aus Coetzees Leben. Er wird hier als unbedeutender kleiner Mann mit wenig sexueller Ausstrahlung geschildert, der sich auch noch mit uninteressanter „Kafferarbeit“ beschäftigt, wie dem Betonieren des Grundstücks seines alten Vaters, bei dem er wohnt. Julia (Ewa Dałkowska), eine der Frauen, schildert ihre Affäre mit dem Schriftsteller und verrät dem Interviewer (Wojciech Kalarus), dass er damals sexuell nicht das gleiche Format wie sie hatte und sie sich dann schließlich einem Schwarzen zugewandt habe. J. M. Coetzee schildert das durch Rassismus und latenten Sexismus geprägte Leben in Südafrika und schaut auf sich und die Zeit der 70er Jahre nicht ganz ohne Selbstironie zurück. Hier ist es aber mit Sicherheit auch das Vater-Sohn-Verhältnis, was Warlikowski interessiert haben dürfte, wie alles letztendlich, indem immer wieder Krankenbetten auf die Bühne geschoben werden, auf den Tod deutet. Warlikowski gestaltet wieder mal einen ausufernd überfordernden Abend, der aber durch seine Bildgewaltigkeit und ein herausragendes Schauspielensemble überzeugt, dass zum Schluss noch einmal zu einem auflockernden Salsakurs Aufstellung nimmt. Y uno y dos y tres y cuatro … Muy bien.

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  • F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne (Teil 1) – In „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg bringt ein junger religiöser Fanatiker unser vermeintlich festes Toleranzverständnis ins Wanken

    „Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn Er ausreichend informiert wäre.“ Finley Peter Dunne, Humorist (1867 – 1936)

    find-2012.JPG Foto: St. B.

    Im Gegensatz zum Festival Internationale Neue Dramatik 2011 fällt die Anzahl der Neuproduktionen in diesem Jahr aus Mangel an entsprechender Finanzierung etwas schmaler aus. In dieser Woche sind daher vorwiegend Wiederholungen von Inszenierungen aus dem letzten Jahr zu sehen. Als einzige größere Uraufführung der Schaubühne ging schon letzte Woche das neue Stück „Märtyrer“ von Hausdramatiker Marius von Mayenburg ins Rennen, bei dem der Autor wie schon bei „Perplex“ (2010) auch selbst Regie führte. Mit „Märtyrer“ hat sich der Autor Mayenburg nach langer Zeit wieder einem Jugendstück gewidmet. In „Feuergesicht“ aus dem Jahre (1998) ging es um einen Jungen, der auf der Suche nach seiner Identität, in totaler Abgrenzung zu seiner Umwelt und den hilflosen Eltern, zu drastischen Mitteln greift und sich schließlich selbst anzündet. Die Hauptrollen in dem 2000 von Thomas Ostermeier an der Schaubühne inszenierten Stück spielten damals Robert Beyer und Judith Engel. Zwölf Jahre später stehen sie nun auf der Seite der Erwachsenengeneration und spielen einen saturierten, opportunistischen Schuldirektor und eine zwar übermäßig tolerante aber völlig überforderte Mutter eines Schülers, der aus heiteren Himmel religiöse Gefühle entwickelt und diese bis zum Wahn treibt, indem er sich erst als Eiferer geriert und dann schließlich sogar prophetische Ambitionen an den Tag legt.

    Benjamin Südel (Bernardo Arias Porras), ein erst völlig normal Pubertierender, steigert sich durch die übergenaue Lektüre der Bibel und deren wortwörtliche Auslegung in eine Art fanatische Religiosität hinein und lehnt alles in seinen Augen Unmoralische strikt ab. Der Einzelgänger aus Passion, isoliert sich damit um so mehr und kann nur einen körperlich behinderten Mitschüler als Anhänger und Jünger rekrutieren, der eigentlich nur verklemmt homosexuelle Gefühle für seinen „Guru“ empfindet. Bei einem vergeblichen Heilungsversuch des zu kurzen Beins von „Jünger“ Georg (Moritz Gottwald) kippt die Story sogar etwas ins Komische ab. Seine Umgebung nervt der selbsternannte christliche Retter mit exakten Bibelzitaten und explizit frauenfeindlichen, homophoben und antisemitischen Äußerungen. Wie er dazu gekommen ist und was ihn tatsächlich treibt, lässt Mayenburg im Unklaren. Im Programmbuch werden dafür die genauen Psychogramme von aller Arten Fanatikern erklärt und deren Verhaltensmuster analysiert. Nun will uns Mayenburg sicher nicht mit psychopathologischen Befunden langweilen, die Intention des Autors zielt tiefer, es ist die Reaktion der Umgebung auf diesen „Fall Benjamin“ die ihn interessiert.

    Und da ist zunächst der Sport- und Geschichtslehrer Dörflinger (Sebastian Schwarz), der das alles als jugendlichen Protest und reine Provokation abtut, was sich mit der Zeit schon geben wird, wie er sich selbst ja auch angepasst hat. Er reagiert nicht weiter auf Benjamin, knickt aber gegenüber den Anweisungen des Direktors ein, der Ruhe an seiner Schule für das einzig erstrebenswerte Ziel hält und die Schuld für das Verhalten von Benjamin eher bei seinen Lehrern sucht, als sich ernsthaft für den wahren Grund dahinter zu interessieren. Die Mutter kann mit der plötzlichen Vergeistigung ihres Sohnes ebenso wenig umgehen, wie sie in der Lage ist einzuschätzen, wo die Ursachen dafür zu suchen wären. Sie übergibt die ganze Verantwortung den studierten Pädagogen. Einzig Religionslehrer Pfarrer Menrath (Urs Jucker) sieht in Benjamin ein großes Potential und will ihn für die Kirche gewinnen, prallt aber an dessen fundamentalistischen Glaubensauslegungen ab. Er vermag den jungen Eiferer nicht mehr zu formen und sieht sein Heil nur noch im Gebet, wozu er auch Benjamins Mutter rät.

    An all diesen Einstellungen gleitet die Biologie- und Vertrauenslehrerin Roth (Eva Meckbach) mit ihrer Null-Toleranz-Offensive ab. Wo sich alle nach und nach hinter wohlfeilen Toleranzfloskeln verstecken, geht Frau Roth zum Gegenangriff über, in dem sie Benjamin mit seinen eigenen Mitteln schlagen will. Sie beginnt die Bibel zu lesen, um darin nach Gegenargumenten zu suchen. Letztlich versteigt sie sich dabei aber in eine Art Vernunftwahn und treibt den selbsternannten Propheten dermaßen in die Enge, dass dieser zur radikalen Mitteln greifen will, um seinen erkannten Feind aus dem Weg zu räumen. Alle Erwachsenen scheitern hier in Mayenburgs Versuchsanordnung über Toleranzverhalten und fanatische Denkmuster. Schließlich verliert die Verfechterin des unbedingten wissenschaftlichen Fortschritts nach sexuellen Anschuldigungen Benjamins völlig die Contenance und nagelt sich zum Zeichen ihrer unverrückbaren Ansichten an den Bühnenboden. Wer hier der wahre Märtyrer ist, wird so noch mal ironisch hinterfragt. Man kann Mayenburg eigentlich nur dazu gratulieren, sich in seinem Stück einem christlichen Fanatiker gewidmet zu haben und nicht einem islamistischen. Das so etwas auch in unserem Kulturkreis nichts Ungewöhnliches ist, weiß man spätestens seit Anders Behring Breivik.

    Auch in Yael Ronens Stück „The Day before the last Day“ wurde schon religiöser Fanatismus auf ironische Weise auf die Schippe genommen. Er ist vor allem auch Ausdruck von latent vorhandenem Fremdenhass und stetigen Ressentiments gegenüber Andersdenkenden. Insgesamt ist Mayenburgs Regie passabel. Er bricht seine harte Story immer wieder mit passenden Musikeinlagen, lässt Choräle singen oder alle mit Affenmasken Darwins Evolutionstheorie austesten. Nur kann sich Mayenburg nicht so recht entscheiden, ob er sein Stück als ernsthaftes Drama oder als Farce verstanden sehen will. Die Figuren sind insgesamt etwas zu flach angelegt, bieten aber eigentlich jede Menge komödiantisches Potential, das aber keiner wirklich auszuschöpfen vermag. So liegt die Last auf den Schultern von Bernardo Arias Porras als jungem Fanatiker Benjamin Südel, der in dieser Rolle über sich hinauswächst. Für Jugendliche ist das Stück durchaus zu empfehlen, da es nicht vordergründig moralisiert und offen bleibt für eigene Gedanken. Am Fehlen von klaren Bezügen zu vermeintlichen Ursachen oder zur Sehnsucht nach Transzendenz in unserer säkularen Gesellschaft sollte sich aber das erwachsene Berliner Bildungsbürgertum nicht stören. Letztendlich ist das Suchen nach persönlicher Spiritualität in einer aufgeklärten Welt auch ein Ausdruck von selbst errungener religiöser Freiheit, bedeutet aber auch die Möglichkeit der Befreiung von der Religion.

    „Mit Fanatikern zu diskutieren, heißt mit einer gegnerischen Mannschaft Tauziehen spielen, die ihr Seilende um einen dicken Baum geschlungen hat.“ Hans Kasper (1919-1990), Hörspielautor, Lyriker u. Satiriker

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  • VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil1)

    „Erst wenn eine Gesellschaft so regressiv ist, daß sie den Menschen das Wünschen abtrainiert, ist das Ziel der Mächtigen erreicht.“ Thomas Brasch

    Wenn im folgendem hier gleich zweier liebgewonnener deutscher Theaterberserker gedacht werden soll, denen die Berliner Theater in dieser Spielzeit ganze Wochenenden eingerichtet haben, darf man natürlich einen nicht vergessen. Thomas Langhoff, der Ex-Intendant des Deutschen Theaters, der, seit er dort nicht mehr inszenieren konnte, am Münchner Residenztheater bei Dieter Dorn und am Berliner Ensemble bei Claus Peymann eine neue Bühnenheimat fand, ist 73jährig am 18. Februar gestorben. Auf der Bühne des BE wurde gerade seine letzte Inszenierung gespielt, Tschechows „Kirschgarten“. In diese Arbeit hatte er noch einmal all seine verbliebene Kraft und Erfahrung gesteckt. Ein merkwürdig ruhiger und melancholischer Abgesang an vergangene Zeiten, der dennoch nicht gestrig wirkte. Sein stilles Vermächtnis nach immerhin knapp 50 Jahren als Theaterregisseur.

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    Thomas Langhoff (08.04.1938 – 18.02.2012)

    Begonnen hatte der Sohn von Theaterlegende Wolfgang Langhoff in den 60er Jahren als Schauspieler in Potsdam und kam übers Fernsehen schließlich als Regisseur zum Theater nach Berlin. Seine Inszenierung der „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow brachte er 1979 gleich am Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Frankfurt a.M. heraus. Theatergeschichte schrieb Thomas Langhoff dann 1988 mit der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun am Maxim-Gorki-Theater. Seit den 80er Jahren inszenierte er auch häufig im Westen. Mit Ibsen, Hauptmann, Brecht und Tschechow stellte Langhoff immer wieder die Probleme der bürgerliche Gesellschaft hüben wie drüben auf die Bühne. Und so pendelte er seit Jahren zwischen Ost und West, als wäre da nie etwas Trennendes gewesen. Mehrere Einladungen zum Berliner Theatertreffen waren die Folge.

    Seit 2010 hat er es gewusst, dass es ihm wie dem Jürgen Gosch ging. Zwei Inszenierungen, „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams und besagter „Kirschgarten“ von Anton Tschechow, entstanden dann noch unter seiner Regie am BE. Dafür holte er auch ehemalige DT-Stars wie Dagmar Manzel und Robert Gallinowski ans Berliner Ensemble. Eine mit Sicherheit bemerkenswertere Inszenierung ist Thomas Langhoff aber Anfang 2010 mit Gorkis „Nachtasyl“ gelungen, in der auch seine langjährigen Weggefährten Alexander Lang und Christian Grashof mitwirkten. „In das, was man liebt, legt man seine Seele …“ sagt dort Christian Grashof als Luka, das gilt insbesondere auch für Thomas Langhoff. Es hätte ihn sicher gefreut, noch erleben zu können, dass sein Sohn Lukas Langhoff, der die Familientradition als Regisseur weiterführt, mit Ibsens „Ein Volksfeind“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen ist.

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    „Vor den Vätern sterben die Söhne“ / „Mercedes“ – Manfred Karge und Philipp Tiedemann erinnert am Berliner Ensemble an Thomas Brasch

    Maxim Gorki wird im März auch wieder auf dem Spielplan des Berliner Ensembles stehen. Manfred Karge wird das Drama „Wassa Shelesnowa“ inszenieren. Im letzen November zu Beginn der Spielzeit widmete er sich aber dem 2001 verstorbenen und dem BE sehr verbundenen Theaterautor, Lyriker und Filmregisseur Thomas Brasch. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heißt ein 1977 erschienener und recht erfolgreicher Prosaband mit einer ungewohnt direkten, revoltierenden Attitüde. Eine Bestandsaufnahme der Sicht junger DDR-Bürger auf das Land ihrer Väter, in dem es für sie keine Ziele und Freiheiten mehr gab. Manfred Karge hatte bereits in den 80er Jahren in Bochum Stücke von Thomas Brasch inszeniert, ist also prädestiniert in einer Hommage an den früh verstorbenen Autor zu erinnern. Er tut dies ganz als der wissende Onkel, am Lesetisch sitzen, mit dem Bild Braschs vor sich.

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    Thomas Brasch, 1993 – Foto: Marion Brasch (wikimedia commons)

    Zur Unterstützung hat sich Karge die jungen Schauspielstudenten Johanna Griebel, Patrick Bartsch und Andy Klinger geholt. Zu Beginn verliest er andächtig den Brief des linientreuen Vaters an den Sohn in der Kadettenschule. Thomas, der den Wunsch geäußert hatte Schriftsteller zu werden, bekommt vom Vater den guten Rat sich das nötige Rüstzeug beim Lernen im sozialistischen Kollektiv der Kadettenschule zu holen und erst mal die Laufbahn des Offiziers einzuschlagen und legt ihm auch noch die Lektüre von Scholochow ans Herz. Das wird es wohl nicht gewesen sein, was Thomas Brasch damals hören wollte, seine Entwicklung ging bekanntlich auch in eine andere Richtung.

    Die von den Studenten stehend, wie vor einer Art Anklagetribunal an ein Geländer gelehnt, wechselnd oder im Chor vorgetragenen Texte, haben mit dem titelgebenden Prosawerk nicht viel zu tun. Es ist im Großen und Ganzen eine Zusammenstellung aus dem Versstück „Papiertiger“ von 1977, dem „Mörder Ratzek“ aus dem Gedichtband „Der schöne 27. September“, der Satire „Kasimir und Margarete“ aus der sozialistischen Produktion und als Rahmen den Bauerkriegstext „Hahnenkopf 1525″, den Karge mit sämtlichen Punkten und Kommata vorträgt. Zum Schluss gibt es noch Auszüge aus dem Künstlerdrama „Lieber Georg“ über den tragischen Tod des jungen expressionistischen Dichters Georg Heym und das Gedicht „Kassandra“, erstmals 1977 erschienen in „Kargo“. Eine Klage in 8 Strophen über die Unmöglichkeit eines selbstbestimmtes Lebens und die Flucht in den Traum, Tod oder wie Brasch selbst in den Westen. Kassandra in der Resignation, als Wodkatrinkende Seherin, die schließlich das Eintreffen der Prophezeiung nicht mehr erwarten kann und der U-Bahn in der Schönhauser Allee entgegenschwankt.

    Die jungen Schauspieler tragen das mit einigem Furor und mit der Attitüde der jugendlichen Empörung vor, die Brasch zu seiner Zeit sicher anhaftete. Für die passende Bebilderung laufen Videofilme im Hintergrund. Karge bricht mit seinem Erinnerungsabend nicht im dünnen Eis vergangener Tage ein, aber er kommt auch nicht über den Stand einer szenischen Lesung hinaus. Thomas Brasch konnte nicht raus aus seiner Haut. Eine neue hat er nie bekommen. Hier wird sie leider auch nur mit Sprechblasen gefüllt. „Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. / Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.“ Die Frage bleibt offen. Wer Thomas Brasch nicht kennt, wird ihm hier nicht näher kommen. Karge legt den Fokus auf das Scheitern eines unverstandenen Künstler, der sich vergeblich an einem ihm feindlich gesinnten System abarbeitet. Darstellerisch kann der Abend da nicht überzeugen. Aber es lohnt sich trotzdem, einfach nur zuzuhören und die Texte auf sich wirken zu lassen.

    Einen vermeintlichen Clou hält Philipp Tiedemann mit seiner Inszenierung des 1983 uraufgeführten Stücks „Mercedes“ bereit. Er besetzt die beiden Hauptrollen mit Swetlana Schönfeld und Dieter Montag deutlich älter als im Original. Nun ist das Stück ja mittlerweile auch in die Jahre gekommen und der Autor wäre ungefähr im Alter der Schauspieler. Es hätte auch einen gewissen Reiz, wenn Tiedemann damit ein plausibles Ziel verfolgen würde. Er (Sakko) arbeitsloser Überführer von Mercedes-Luxuskarossen trifft Sie (Oi), die sich als Gelegenheitsprostituierte und -diebin durchschlägt. Machoimponiergehabe gegen ungezwungene Lebenslust, Brasch lässt die beiden in einer Art Straßenjargon, heute würde man sagen Jugendsprech aufeinanderprallen und aneinander vorbei parlieren. Ihre Träume werden durch die Realität ausgebremst, das endet mit dem Griff zum Hammer. Bei Tiedemann wirken die beiden wie lebende Anachronismen, übriggebliebene Dinos in einer Welt, in der sie nicht mehr gebraucht werden. Vermutlich eine Konzession ans ebenfalls in die Jahre gekommene BE-Publikum.

    Schönfeld und Montag berlinern sich lustig durch den Text, der vorzugsweise mehrfach wiederholt wird, und hetzen dabei durch eine Art Guckkastenbühne, die sich wie ein Fokus rahmenartig nach hinten verengt. Das kommt Tiedemanns Hang zum Kasperletheater sehr entgegen. Bei Suhrkamp heißt es über „Mercedes“, das Stück oszilliere zwischen Irrsinn und Groteske, Traum und Trauma, Poesie und Klamauk. Bei Tiedemann sind Traum, Trauma und jegliche Poesie gestrichen, wie auch die philosophierenden Zwischenmonologe der beiden Protagonisten. Tiedemann ebnet mit seiner gefälligen Inszenierung den Irrsinn ein und umschifft alle Abgründe direkt in den Klamauk. Man muss konstatieren, dass die Wiederbelebung des Autors Brasch für die Bühne hier misslungen ist. Der Patient bleibt komatös und dämmert weiter, eingeliefert ins Theatermuseum BE.

    23.30 MEZ

    Das kalte Licht verschwimmt
    zur Mauer übern Fluß.
    Die Hure flucht und krümmt
    sich unterm Kuß.

    Danton

    Der Held auf der Bettkante. Was
    er seinen Feinden entriß, haben seine Freunde
    schon unterm Nagel: ihn.

    So ist es, bleibt auch so. Bis
    sie mich holen und reißen mir den Kopf vom Hals,
    Für weniger als nichts: Für ihre neue Welt.

    Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

    Literaturempfehlungen:

    • Vor den Vätern sterben die Söhne, Bibliothek Suhrkamp 1355
    • Lovely Rita, Lieber Georg, Mercedes (Stücke), Taschenbuch Henschelverlag (1988), nur gebraucht erhältlich
    • Theater heute: 8 Stücke inkl. Braschs „Mercedes“, Suhrkamp Taschenbuch (1985) nur gebraucht erhältlich
    • Liebe Macht Tod, nach Romeo und Julia, Stücke und Materialien, Edition Suhrkamp 3415
    • Frauen. Krieg. Lustspiel, Edition Suhrkamp 1469
    • Lovely Rita, Rotter, Lieber Georg, Drei Stücke, Edition Suhrkamp 1562
    • Kargo, 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen. Gedichte, Kurzstücke und Prosa, Suhrkamp (1977), nur gebraucht erhältlich
    • Der schöne 27. September, Gedichte, Bibliothek Suhrkamp 1373
    • Mädchenmörder Brunke, Suhrkamp Taschenbuch 3195
    • Reihe Spectaculum: Nr. 26 mit dem Stück „Papiertiger“, Suhrkamp (1977); Nr. 28 mit dem Stück „Lovely Rita“, Suhrkamp (1978); Nr. 37 mit dem Stück „Rotter“, Suhrkamp (1983); Nr. 50 mit dem Stück „Frauen. Krieg. Lustspiel“, Suhrkamp (1990)
    • Thomas Brasch, »Ich merke mich nur im Chaos«, Interviews 1976–2001, Suhrkamp (2009)
    • Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer (2012)
    • Filme: Engel aus Eisen, Domino, Mercedes, Der Passagier, DVD-Box (2010)

    Asche und Diamanten

    Geh nicht weg, sagt sie.
    Der blaue Himmel im Kino und die Welt die nicht mehr ist, wie sie nie war.

    Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

    Teil 2: Einar Schleef

    Teil 3: Heiner Müller

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  • Walk on the Wild Side – Lou Reed, der Meister der Ein-Ton-Musik wird 70.

    „As a statement it’s great, as a giant FUCK YOU it shows integrity.”

    So der britische Musikjournalist Lester Bangs zur wohl denkwürdigsten Rock-LP aller Zeiten, die Lou Reed 1975 angeblich nur aufgenommen hatte, um aus seinem Vertrag mit der Plattenfirma RCA wieder herauszukommen. Das zumindest ist ihm geglückt, ansonsten gaben über 10.000 enttäuschte Fans die unhörbare „Metal Machine Music“ wieder zurück. Erst im Jahre 2002 kam es zu einer Wiederaufnahme der Scheibe mit dem Ensemble Zeitkratzer. Das Werk wurde live im Rahmen der Märzmusik im Haus der Berliner Festspiele eingespielt. Aber selbst mit orchestraler Begleitung und ausgeteiltem Gehörschutz gruben sich die Feedbackschleifen von Lou Reeds Gitarre tief in die Magengruben der Zuhörer und drückten sie in die flauschigen Polster des Festspielhauses an der Schaperstraße. Für eingefleischte Fans ist die Live-DVD/CD seit 2007 im Handel erhältlich.

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    Lou Reed, Schinitzer Concert Hall Portland, OR. (2004) – Foto: Danny Norton (flickr.com)

    Von Konzeptalben dieser Art ließ Lou Reed in seinem weiteren Schaffen dann eher die Finger. Anderen Bands hat das die sogenannte Metal-Machine-Music-Klausel eingebracht und R.E.M. haben sich deshalb wohl sogar im letzten Jahr aufgelöst, um nach 20 Jahren bei Warner nicht die x-te Version von „Losing My Religion“ einspielen zu müssen. Harte Zeiten für Rockmusiker.

    Das alles hat Lou Reed nie viel geschert. Von seinen Anfängen in New York als Komponist von banaler Unterhaltungsmusik, der Gründung und alsbaldigen Wiederversenkung der legendären Velvet Underground mit seinem Lieblings-Hass-Kumpel John Cale in den 60ern, über seine androgyne Glamrock-Phase bei David Bowie in London, den eher ruhigen und ereignisärmeren 80er und 90er Jahren, in denen er den Drogen abschwor, bis zu seinen Ausflügen mit Robert Wilson in die Theatergefilde oder seiner jüngsten Lulu-Version mit der Band Metallica, die er bereits als Begleitmusik für die BE-Fassung von Wilson eingespielt hatte, Lou Reed läßt sich einfach nicht in eine Schublade pressen. Man kann über ihn sagen was man will, langweilig wird es ihm mit seinen 70 Jahren bestimmt nicht werden. Lester Bangs hat er jedenfalls schon mal überlebt und die Gefahr, dass er auf Endlos-Tourneen seine alten Hits abfeiert, besteht mit Sicherheit auch nicht. Herzlichen Glückwunsch.


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  • Das Blog im Urlaub

    Três vivas para os Açores!

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    Lagoa Azul bei Sete Cidades auf São Miguel (Azoren)

    dsc06480.JPG Fotos: St. B.

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    Demnächst in diesem Theater:

    • Totgesagte leben länger: Einar Schleef, Thomas Brasch und Heiner Müller
    • Das F.I.N.D. in der Schaubühne Berlin
    • u.v.m.

  • Starke Schauspielerinnen in den Filmen der Berlinale 2012 – Eine kleine Auswahl

    „Barbara“ von Christian Petzold mit Nina Hoss und Ronald Zehrfeld (Deutschland 2012, 105 min.) im Wettbewerb

    Der Regisseur Christian Petzold ist seit 2003, als sein Film „Wolfsburg“ im Panorama lief, ein regelmäßiger Gast auf der Berlinale. Im letzten Jahr war er neben Christoph Hochhäusler und Dominik Graf mit dem „Dreileben”-Projekt im Forum vertreten. Sehnlichst erwartet wurde nun, nach „Gespenster“ 2005, „Yella“ 2007 und einem kurzen Ausflug mit „Jerichow“ 2008 nach Venedig, Petzolds dritter Anlauf im Berlinale-Wettbewerb. Und wieder ist Nina Hoss seine Hauptdarstellerin. „Barbara “ist bereits die fünfte Zusammenarbeit Petzolds mit der bekannten Film- und Theaterschauspielerin. Kein mystisch aufgeladenes Gegenwartsstück ist es diesmal geworden, Petzolds neuer Film führt ins Jahr 1980 zurück, in die Zeit vor der Wende, angesiedelt in der tiefsten DDR-Provinz. Es ist der Sommer der Olympischen Spiele in Moskau.

    dsc06195.JPG Foto: St. B.
    Wo sonst Busse die Vergnügungssüchtigen abladen, drängen sich nun die Cineasten. Der Friedrichstadtpalast zur Berlinale.

    Die junge Kinderchirurgin Barbara ist nach einem Ausreiseantrag in ein Kinderkrankenhaus auf dem Lande nahe der Ostsee versetzt worden. Sie steht hier unter Sonderbewachung der örtlichen Stasi, ein Wagen ist fast rund um die Uhr zur Beobachtung abgestellt. In diesem paranoiden Klima misstraut sie jedem und „separiert“ sich zunächst auch, wie der ebenfalls noch recht junge Chefarzt feststellt und ihr offen davon abrät. Der von Ronald Zehrfeld, bekannt aus Dominik Grafs ebenfalls bereits auf der Berlinale gezeigtem Russenmafia-Mehrteiler „Im Angesicht des Verbrechens“, gespielte Andre versucht sich der kühl abwehrenden Frau zu nähern. Offen erzählt er seine eigene Geschichte, er wurde wegen eines medizinischen Fehlers in einer Klinik nahe Berlins ebenfalls strafversetzt. Andre ist nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz Barbaras beeindruckt und versucht ihr Vertrauen zu erlangen. Sie lässt ihn aber wegen der von ihr vermuteten Stasikontakte zunächst abblitzen.

    Barbara birgt ein Geheimnis, ihr Freund (Mark Waschke) aus dem Westen plant ihre Flucht über die Ostsee nach Dänemark. In Treffen mit ihm im Wald oder im Interhotel öffnet sich die bisher verschlossene Frau und zeigt erstmals ihre Gefühle. Wieder in der ihr zugewiesenen Wohnung wartet schon der Stasioffizier Schütz (Rainer Bock) auf sie. Fast regungslos lässt sie die entwürdigenden Durchsuchungen und Leibesvisitationen über sich ergehen. Barbara hat mit ihrem alten Leben abgeschlossen, sie scheint nur noch körperlich anwesend. Als emotionaler Katalysator wirkt dann die Einlieferung der aus dem Jugendwerkhof Torgau ausgerissenen Stella (Jasna Fritzi Bauer). Zu ihr entwickelt Barbara erstmals Zutrauen und fühlt sich verantwortlich. Leise Zweifel an dem neuen Leben mit ihrem Freund im Westen mischen sich mit dem Gefühl helfen zu müssen. Das ist ein Ansatzpunkt für Andre, über die Arbeit bekommt er erstmals einen Zugang zu Barbara. Als noch ein Junge mit inneren Kopfverletzungen nach einem Selbstmordversuch auf der Station liegt, drängt sie auf eine Operation, obwohl der Zeitpunkt der Flucht nahe ist.

    Barbara und Andre erkennen nach und nach, dass sie einiges verbindet. Nicht nur über die Arbeit auch über die Kunst zeigt sich eine Art von Geistesverwandtschaft. Er würde gerne nach Den Haag fahren, um sich Rembrandts Bild „Die Anatomie des Dr. Tulp“ anzusehen, sie spielt Klavier. Andre schickt ihr daraufhin einen Klavierstimmer. Anfangs abwährend lässt sie sich darauf ein. Ihr unwirtliches Zimmer, für das sie kein Interesse zeigt, wird so erst zu einem Zufluchtsort. Schlüsselszene für die erste Annäherung ist das gemeinsame Kochen in Andres Wohnung. Barbara stöbert in seinem Bücherschrank und bleibt bei Turgeniews „Aufzeichnungen eines Jägers“ hängen. Er erzählt ihr die Geschichte vom „Kreisarzt“, der einer jungen Patientin die noch nie richtig geliebt hat nicht helfen kann. Diese Geschichte wirkt fast wie ein Symbol für beider Wünsche. Aber auch wenn man Petzolds fast unmerklich ausgestreute Zeichen nicht erkennt, funktioniert dieser Film allein durch seine geschickt aufgebaute Spannung, die fesselt und einen fast vergessen lässt, wo man sich eigentlich befindet.

    Christian Petzold zeigt die DDR nicht als düsteren starren Funktionärsstaat, sondern stellt die Menschen jenseits des Systems in den Vordergrund. Selbst der Stasimann vermag Schmerz und Leid zu empfinden, Andre spritzt seiner krebskranken Frau einmal Morphium. Er lebt sein Berufsethos ohne große Pose, Karriere ist ihm nicht wichtig. Petzolds DDR-Provinz ist nicht nur besonders detailgetreu nachgestellt, gedreht wurde in Brandenburg-Kirchmöser, sie gleicht auch einer Tschechow´schen Gesellschaftsstudie. Ein Land im Erstarren, mit sehnsuchtsvollen Menschen, die nach einer glücklicheren Zukunft Ausschau halten. Für die einen ist es der Quellekatalog, für die anderen ist es eine Liebe, ein sinnerfülltes Leben, oder der reine Traum von Freiheit. Auch Barbara muss sich entscheiden. Nina Hoss prägt diesen Film von Christian Petzold rein durch ihre Präsens, kaum eine Szene kommt ohne sie aus. So kann man die innere Zerrissenheit der Figur genauestens beobachten. Das Ende – ein kleiner und ein großer Findling am Meer, Blicke, ein geheilter Patient und zwei die leben und arbeiten werden, um irgendwann ihr Recht auf Glück einzufordern.

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    „Captive“ von Brillante Mendoza mit Isabelle Huppert (Frankreich, Philippinen, Deutschland, Großbritannien 2011, 120 min.) im Wettbewerb

    Dass eine große Schauspielerein auch relativ verloren wirken kann, zeigt der erste Film von Brillante Mendoza im Berlinale-Wettbewerb. Der bereits in Cannes preisgekrönte Regisseur von den Philippinen hat für sein aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien koproduziertes Entführungsdrama „Captive“ nach wahren Begebenheiten den französischen Filmstar Isabelle Huppert, die bei der Spielzeit Europa 2011 in Berlin auch auf der Bühne zu sehen war, gewinnen können. Im Jahr 2001 entführten Rebellen der islamistischen Abu-Sayyaf-Bewegung eine Gruppe von Touristen und ausländischen Hilfskräften auf der philippinischen Insel Mindanao. Unter ihnen ist die französische Missionarin Thérèse Bourgoine, gespielt von Isabelle Huppert. Es beginnt eine über 377 Tage dauernde Odyssee der Geiseln und ihrer Entführer durch den Philippinischen Dschungel der Insel Basilan, Heimat und Rückzugsgebiet der muslimischen Minderheit auf Mindanao.

    Mendoza geht wie bereits in seinen Filmen Kinatay (2009) und Lola (2009) sehr realistisch und fast dokumentarisch vor. Wackelnde Handkamera und der Befehlston, in dem die Entführer ihre Regeln verkünden, beherrschen den Großteil des Films. Eine Entwicklung von Handlung und Charakteren findet kaum statt. Mendoza setzt die brutale Gewalt, der die Geiseln ausgesetzt sind, in einen Kontext zur Naturgewalt. Die Flora und Fauna des Dschungels als stille Metapher der menschlichen Disparität. Der Mensch als Fremdkörper in einer mystischen, undurchdringlichen Umgebung. Von der philippinischen Armee verfolgt und beschossen, von unendlichen Fußmärschen und scheiternden Lösegeldverhandlungen zermürbt, verzweifeln die Geiseln. Erschöpfung und Tod sind ständiger Begleiter. In wenigen Szenen kommt es zu etwas wie Annährung und Dialog. Terror, Vergewaltigung und Zwangsheirat stehen neben dem Leid, das der muslimischen Bevölkerung Mindanaos in jahrelanger Unterdrückung zu teil wurde und den Hass befördert hat.

    Die Lehren des Korans, die von den Entführern gepredigt werden, bilden einen Kontrast zur christlichen Botschaft der Hilfe und Nächstenliebe. Diese wird von Thérèse repräsentiert. Als Heldin stellt sie Mendoza aber nicht dar. Sie versucht trotz Angst und Verzweiflung menschlich zu bleiben und freundet sich mit einem Jungen an, der seit dem Tod seiner Familie bei den Kämpfern eine neue Heimat gefunden hat. In einigen Ausbrüchen stellt sich Thérèse offen gegen die Praktiken der Entführer, erzwingt eine Beerdingung ihrer Begleiterin, kann aber ansonsten nicht viel ausrichten. Isabelle Huppert ist hier zwar körperlichen und emotionalen Strapazen ausgesetzt, aber als Charakter eher unterfordert. Eine politische Botschaft verfolgt Mendoza ebenso wenig, wie er auch künstlerisch nicht überzeugen kann. Er lässt allein die Bilder sprechen, wertet das Geschehen kaum. Die Entführer kommen dabei ebenso schlecht weg, wie das philippinische Militär, das waffenstrotzend auffährt, sich aber sonst wenig um das Leben der Geiseln kümmert. In einer Szene hören alle die Nachricht über den Terroranschlag auf die New Yorker Twin-Towers. Das Allāhu akbar der muslimischen Kämpfer wirkt wie eine reine Pose. Sie haben ihre Ideale längst der Aussicht auf Lösegeld, das sie für rein persönliche Zwecke nutzen wollen, geopfert. Noch einmal bemüht Mendoza ein Naturgleichnis, wenn er Thérèse einen großen bunten Vogel mit breiten Flügeln und langem Schweif sehen lässt. Danach folgt der letzte Befreiungsschlag.

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    „Francine“ von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky mit Melissa Leo (USA, Kanada 2012, 74 min.) im Forum

    Ein großes Gesicht, wie das von Isabelle Hubert, kann einem gutgemeinten Film durchaus die nötige Aufmerksamkeit bringen. Es macht ihn dadurch aber nicht unbedingt besser. In „Francine“, dem Spielfilmdebut der US-amerikanischen Independentfilmer Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky, ist es die Oscar-Preisträgerin Melissa Leo (The Fighter), die sich ganz den Intensionen des Autoren-Teams Cassidy / Shatzky unterordnet und diesem Film dennoch eine ganz besondere Note verleiht. Der Film ist sparsam mit Worten und im Gegensatz zu den 120 enervierenden Minuten von „Captive“ wohltuend kurz geraten. Das liegt sicher am schmalen Budget und wohl auch an dem nur 10 Seiten langen Skript des Films. Shatzky und Cassidy wollten die Geschichte vom Scheitern eines Lebens erzählen, was ihnen auch eindrücklich gelungen ist.

    Francine (Melissa Leo) wird am Anfang des Films aus dem Gefängnis entlassen. In einer Duschsequenz sieht man ihren Körper, den das Leben gezeichnet hat. Ihr Blick sagt mehr als Worte es oft können. Sie bezieht ein kleines Häuschen in der Provinz nahe New Yorks. Sie ist einsam dort. In einer Szene lässt sich Francine vom wilden Sound einer Hardcore Metallband mitreißen, die am Parkplatz des Supermarkts spielt. Ansonsten ist sie eher scheu und wortkarg. In ihrem ersten Job als Verkäuferin in einem Geschäft für Haustiere wird sie wieder entlassen. Ersten Kontakt findet sie über eine Nachbarin (Victoria Charkut), die sie zu einer von der Kirche veranstalteten Party einlädt. Durch Linda lernt sie auch den trockenen Alkoholiker Ned (Keith Leonard) kennen, der ihr einen neuen Job in einem Gestüt besorgt. Sie verbringt mit ihm einen glücklichen Nachmittag, blockt aber seine Annährungsversuche strickt ab. Mit Linda schläft sie nach einer feuchtfröhlichen Party, aber mehr Nähe lässt Francine nicht zu.

    Einen weiteren Job bekommt sie in einer Tierarztpraxis. Tiere sind auch die einzigen Lebewesen, die Francine in ihre Wohnung lässt. Dort haben mittlerweile mehrere Katzen, Hunde, und Mäuse ein Heim gefunden. Mit Ihnen kapselt sich Francine in ihre eigene Welt ein und scheint einige glückliche Stunden zu verbringen. Aber die Tierliebe wird zur Manie, die Wohnung verwahrlost zusehends. Man kann Francines Not nur erahnen, sie drückt sich schließlich in einer Verzweiflungstat aus. Der Weg scheint vorbestimmt. Der Kreis schließt sich wieder und so landet Francine letztendlich da wo der Film begann. Müde und leer sitzt sie auf dem Rücksitz eines Streifenwagens. Dieses Bild der Endgültigkeit brennt sich ein. Man muss also nicht unbedingt bis in den Urwald fahren, um physisches und psychisches Leid erfahrbar zu machen. Francine ist eine Frau die sich nicht aus ihrer Isolation zu selbstbestimmtem Handeln befreien kann, was wiederum den Bogen zu Petzolds Barbara schlägt, die dazu nach reiflicher Überlegung sehr wohl in der Lage ist.

    Foto: St. B. dsc06186.JPG

    Welche Schauspielerin kann morgen dieses nette Tierchen mit nach Hause nehmen?

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  • Dem Theater im Schokohof fehlen bald die Räume, dem Theater unterm Dach fehlt jetzt schon das Geld – Letzte Premieren aus dem bedrohten Berliner OFF

    Am TISCH feiert Fränk Heller mit SPANNER! nach Lorcas „El Publico“ Lust und Leid zweier Theaterverrückter

    Im Hof der Ackerstraße 169/170, Heimstatt des alternativen Wohn- und Kunstprojekts Schokoladen e.V. in Berlin-Mitte, befindet sich das Theater im Schokohof (TISCH), einigen auch noch gut bekannt als Orphtheater. Im Jahr 1990 gegründet, musste es sein Bestehen schließlich 2008 aus Mangel an öffentlicher Förderdung einstellen. Seit 2002 leitete der Schauspieler Matthias Horn, in der freien Berliner Theaterszene bestens bekannt (u.a. Hexenkessel Hoftheater), das Orphtheater bis zu seiner endgültigen Auflösung. Danach hob er das TISCH aus der Taufe und stellte die Räume wieder Projekten der freien Szene als Spielstätte zur Verfügung. Es gab hier in den letzten Jahren viele interessante Produktionen nationaler wie internationaler OFF-Theatergruppen sowie der freien Tanz- und Performanceszene zu sehen. Nun ist auch dieses Projekt in seiner Existenz bedroht, denn dem Schokoladen e.V. droht nach einer Klage des Eigentümers, der in erster Instanz vom Amtsgericht Berlin stattgegeben wurde, die Räumung. Der Gerichtsvollzieher, wie einige Berliner Zeitungen diese Woche meldeten, ist mit dem Räumungstitel bereits für 22.02.12 angekündigt. Neben dem Schokoladen selbst, stehen nun das TISCH, der Club der polnischen Versager sowie einige Künstlerateliers und Tonstudios vor dem Aus. Letzte Hoffnung für die Betroffenen ist, das ein Deal mit dem Eigentümer zur Kompensation doch noch zustande kommt. Die 60 Grundstücke, die bisher vom Liegenschaftsfond angebotenen wurden, haben ihm jedoch nicht zugesagt. Um den Druck zu erhöhen, zog das in Trier ansässige Familienunternehmen vor Gericht.

    schokooaden.JPG Foto: St.B.
    Geht hier bald ganz das Licht aus? Der Schokoladen in der Ackerstraße.

    Unter diesen erschwerten Bedingungen schafft es das TISCH aber immer noch, bis zu drei Produktionen im Monat auf die kleine Bühne in der Werkstatt des Hinterhauses zu stellen. Am 1. Februar hatte hier die Abschlussarbeit des jungen Regisseurs Fränk Heller von der Kreuzberger Theaterakademie Premiere. Er suchte sich dafür das kaum gespielte Stück „El Publico“ des Spaniers Federico García Lorca aus. Heller hat Lorcas im Madrider Theatermilieu der 30er Jahre angesiedelte surrealistische Farce überarbeitet und brachte sie nun unter dem Titel „SPANNER!“ mit Berliner Schauspielstudenten neu heraus. Herausgekommen ist dabei ein ebenso faszinierender wie abstoßender Reigen aus Obsessionen, Travestie und ausgestellter Eitelkeiten, genau wie es Lorca auch vorgeschwebt haben dürfte. An eine Aufführung hatte er allerdings selbst nicht geglaubt, da „…es weder eine Truppe gibt, die sich an eine Inszenierung wagt, noch ein Publikum, das es ohne Unwillen hinnimmt – einfach, weil es der Spiegel des Publikums ist.“ (Suhrkamp Verlag) Eine Abrechung mit dem herkömmlichen bürgerlichen Theater und seinem saturierten Publikum hatte Lorca dabei im Sinn.

    Spanner! am TISCH - Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
    Spanner! am TISCH
    Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

    Heller gelingt es dennoch die Bilder in Lorcas Kopf adäquat auf die Bühne zu transformieren. Von Beginn an ist der Zuschauer als ungeliebter notorischer Voyeur mit einbezogen. Man betritt das Theater durch den Nebeneingang und wird sofort hinter den Vorhang verwiesen, mit der Aufforderung ja nichts zu berühren oder gar zu stören. Der schwule Theaterdirektor Enrique will nicht mehr provozieren und lieber mit gefälligen Shakespeareinszenierungen das große Publikum erreichen. Sein Ex-Lover, der Regisseur und Autor Gonzalo, reißt ihn aber aus seiner wohligen Bequemlichkeit, indem er das totale Theater propagiert und damit den alten Bühnenschreck in Enrique neu erweckt. Das erschüttert auch die kleine Theaterwelt um die beiden Egomanen, Ränke und Eifersüchteleien brechen sich Bahn. Die Proben zur Aufführung einer Trashversion von „Romeo und Julia“ bringen das kleine Theaterensemble schließlich an den Rand des Wahnsinns. „Man muss das Theater zerstören oder im Theater leben!“ Diesen Spagat führen uns die Schauspieler mit viel Lust und Schmerz vor Augen. Vom großen Theaterpathos bis zur mit Wonne zelebrierten Selbstzerstörung inklusive blasphemischer Kreuzigungsszene reicht dabei das Repertoire, doch der Vorhang muss jeden Abend für das nach Sensation gierende Publikum wieder hochgehen. Bleibt zu hoffen, dass er das im TISCH nach dem 22.02.12 auch noch weiterhin tun wird. Denn nur hier ist auf Dauer Platz für solche zarten surrealen Theatergewächse, die eines besonders geschützten Raumes bedürfen.

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    Mit friedlichem Protest und Melvilles „Bartleby“ – Das Theater unterm Dach im Notbetrieb

    Der Kulturstandort am Ernst-Thälmann-Park in dem sich das Theater unterm Dach befindet besteht bereits seit 1986. Er umfasst weiterhin den Veranstaltungsort „Die Wabe“, die kommunale Galerie parterre und einige Kunstwerkstätten. Die Einrichtungen stehen alle unter der Trägerschaft des Stadtbezirks Berlin-Pankow. Der Bezirk hat nun mit Wirkung zum 1. Februar die Finanzierung eingestellt. Seitdem werden keine Gelder mehr für Produktionen und Künstlergagen bezahlt. Am 15. Februar diskutiert die BVV in der Fröbelstraße um die Ecke den Doppelhaushalt 2012/2013 für den Bezirk Pankow. Dann wird sich vermutlich auch das weitere Schicksal der Künstler am Thälmann-Park entscheiden. Ein Aktionsbündnis Berliner Künstler hat daher zu einer Protestaktion vor dem Bezirksamt in der Fröbelstr. 17, Haus 7, BVV-Saal aufgerufen, denn es geht auch um die Zukunft weiterer kultureller Einrichtungen des Bezirkes Pankow. Im Internet kann man sich mit der Unterschrift einer Onlinepetition an dem Protest beteiligen. Bis dahin fährt man einen Notbetrieb und im Theater unterm Dach geht nach jeder Vorstellung der Hut rum.

    theater-unterm-dach_juni-2011.JPG Foto: St. B.
    Das Theater unterm Dach am Ernst-Thälmann-Park

    Passend zur Situation hatte hier am 9. Februar das Stück „Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ nach Herman Melville in einer Bearbeitung von Kai Gero Lenke Premiere. In Melvills Erzählung aus dem Jahr 1853 beschreibt ein älterer Rechtsanwalt ohne besonderen Ehrgeiz seine merkwürdige Begegnung mit dem Schreiber Bartleby, den er für das Kopieren von Schriftsätzen eingestellt hatte. Der erst sehr beflissene junge Mann verweigert sich nach und nach mit den Worten „Ich möchte lieber nicht.“ den Weisungen seines Bosses, bis er sich schließlich ganz in der Kanzlei zurückzieht und jegliche Verrichtung von Arbeit aufgibt. Der Anwalt erst erstaunt über diese Weigerung, erliegt schließlich aber der völlig friedfertigen Gegenwehr Bartlebys und entwickelt sogar Sympathie für den Sonderling. Er zieht schließlich selbst aus dem Büro aus und lässt Bartleby gewähren. Das tragische Ende Bartlebys wird in der Inszenierung von Luzius Heydrich am TuD in einer Koproduktion mit dem Zimmertheater Tübingen nur angedeutet. Von Interesse ist hier eher, dass Bartleby mittlerweile zum Symbol der Occupy-Wall-Street-Bewegung geworden ist.

    Die Inszenierung ist in Ton und Kostümen ganz in historischem Gewand. Als Requisit der Occupy-Bewegung sind nur die weiße Guy-Fawkes-Maske  anwesend und vom Band eingespielte Sprechchöre zu vernehmen. Das Bühnenbild besteht aus einem klaustrophobischen Kasten aus Holzlatten, der mit milchiger Folie bespannt ist, an der sich Schatten bilden und Bartleby (Johannes Karl) imaginäre Zahlenreihen schreibt. Der Boss (Endre Holéczy) sitzt an einem Tisch und hat die Verantwortung und Textlast der Erzählung zu tragen. Die drei anderen Kanzleiangestellten Turkey, Nippers und den Lehrling Ginger Nut gibt er ebenfalls mit verstellter Stimme und asthmatischem Hüsteln. Bartleby entzieht sich den angestammten Ritualen, nimmt nur die angebotenen Ginger Nut Biscuits und steckt sie verstohlen in die Westentasche. Der Boss ist dem rätselhaften Verhalten Bartlebys vergeblich auf der Spur, seine unerklärliche existenzielle Selbstauslöschung wird auch hier nicht geklärt. Im Spiel verdeutlicht sich aber die Abhängigkeit beider Protagonisten voneinander, wenn z.B. der Boss Bartleby auf dem Rücken trägt oder sich in einer Tanzsequenz die gestörte Harmonie zeigt. Die Folienwand beginnt immer durchlässiger zu werden, bis sie letztendlich vom Boss durchbrochen wird. Das sanfte Beharren auf einer einmal eingenommenen Position kann sich also durchaus lohnen, auch im Fall des weiteren Bestehens des Theaters unterm Dach.

    dsc06184.JPG Foto: St. B.

    Termine unter: www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

    Bartleby wieder am
    Do 01.03.12, 20 Uhr
    Fr  02.03.12, 20 Uhr
    Sa 03.03.12, 20 Uhr
    So 04.03.12, 20 Uhr

    Solidaritäts-Gastspiel: Theater unterm Dach
    29.02.12, 19.00 in der Box des Deutschen Theaters
    UNTERTAN – „Wir sind Dein Volk“
    nach dem Roman ‚Der Untertan‘ von Heinrich Mann
    Regie: Anja Gronau

    nächste Termin im TISCH:

    MARRAKESCH
    16. bis 19.02.12, 20:00 Uhr
    „Kollektiv Schluß mit ohne“
    ein Zusammenschluß freischaffender Theaterprofis

    ZWISCHEN STÜHLEN
    Uraufführung von Volker Eisenach
    23. – 26.02.12, 20 Uhr
    01. – 03.03.12, 20 Uhr
    08. – 11.03.12, 20 Uhr

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  • Oder Bruch – Ein Projekt von Tobias Rausch zum Oderhochwasser 1997 am DT

    Mit der Flut der Worte gegen einen Damm aus Mythen – Oder Bruch. Eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin mit der Neuen Bühne Senftenberg.

    Als Deichgraf ist der damalige brandenburgische Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung Matthias Platzeck in die Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands eingegangen. Durch ständige Präsenz vor Ort und in den Medien erwarb er sich während der Oderflut von 1997 den Ruf eines fähigen Krisenmanagers. Ein Mythos war geboren und trug ihn schließlich bis in das Amt des brandenburgischen Ministerpräsidenten. Fast 15 Jahre nach dem Jahrhundert-Hochwasser im Oderbruch hat sich der freie Autor, Regisseur und Performer Tobias Rausch (u.a. lunatiks produktion) dahin zurückbegeben, den Mythen auf die Spur. Mehr als 100 sogenannte „Augenzeugen“ hat er dort befragt und aus den vielen Interviewschnipseln einen respektablen Theaterabend zusammengebastelt, der nun in der Box des Deutschen Theaters Premiere hatte.

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    Die Oder bei Hochwasser. Foto: Janina Briesemeister – pixelio.de

    Auch Matthias Platzeck begegnet uns zu Beginn des Abends wieder. Vor einem Plastikvorhang haben sich vier der sechs Darsteller (Barbara Heynen, Marco Matthes, Friedrich Rößiger, Barbara Schnitzler, Juschka Spitzer und Bernd Stempel) in weißen Gummistiefeln und Ostfriesennerzen aufgebaut und erzählen u.a. als Einsatzleiter des THW und der Bundeswehr, von dem was sie nun wohl im Hochwassergebiet erwarten wird. Später gibt der Vorhang das Bühnebild frei, bestehend aus Sperrholz-Deich und Welle mit einem alten Teppichmuster beklebt. Darauf stehen die Schauspieler und schlagen die Arme wie Vögel an ihre Kunststoffmäntel oder patrouillieren als Deichläufer auf der Krone und am Fuß des Damms. Der lässt sich im Laufe des Abends variabel umbauen, stellt Leitzentrale, das Dach eines abgesoffenen Hauses oder eine Notunterkunft für die Evakuierten dar. Die Schauspieler schlüpfen in die verschiedensten Rollen von Betroffenen, über Verantwortliche aus der Region und Landespolitik, bis zu den vielen Helferorganisationen.

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