Autor: Stefan

  • „Der Turm“ von Uwe Tellkamp am Anhaltischen Theater Dessau und „Jochen Schanotta“ von Georg Seidel am Deutschen Theater Berlin

    Dessau gleicht einem architektonischem Freiluftmuseum. Kaum eine andere deutsche Stadt ist so vom Bauhaus geprägt, wie der zwischen Mulde und Elbe im Herzen von Sachsen-Anhalt gelegene Gemeindeverbund Dessau-Roßlau. Aber auch andere Epochen und Baustile haben hier ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. In der wärmeren Jahreszeit locken die Parklandschaften von Dessau-Wörlitz und die dazugehörigen Schlösser Georgium, Mosigau, Wörlitz, Oranienbaum u.a. Dessau atmet Geschichte von der Reformation, über anhaltinisches Fürstentum, bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Nach der Wende ist von der Maschinenbau- und Fahrzeugindustrie nicht mehr viel übrig. Dessau widmet sich nun dem Umweltschutz, grünem Tourismus und der regionalen Kultur- und Geschichtspflege. Und so begeht man in diesem Jahr den 800. Geburtstag des Hauses Anhalt mit seinem Begründer Heinrich I. (1170-1252) aus dem Geschlecht der Askanier.

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    dessau_febr-2012-11.JPG Schloss Georgium

    Fotos: St. B.

    Noch bekannter aber dürfte sein Nachkomme Leopold I. (1676-1747), Fürst von Anhalt-Dessau, sein, der sowohl dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich II. als Heerführer diente. Also nicht nur der alter „Fritz!“, ein Theaterspiel für den König von Preußen in Potsdam, sondern auch noch ein Lustspiel nach Karl May zum „alten Dessauer“ erwartet uns im Juni als Open-Air-Event. Daneben hat Dessau kulturell noch einiges mehr als Bauhaus und Fürstengeschichte zu bieten. Neben den großen Söhnen der Stadt, wie Moses Mendelssohn und Kurt Weill, besitzt Dessau auch noch eines der größten Theater der ostdeutschen Bundesländer. Das Anhaltische Theater Dessau ist ein Vier-Sparten-Haus mit Oper, Schauspiel, Ballett und Puppentheater. „Glühende Landschaften“ heißt das Motto dieser 217. Spielzeit und um das Dessauer Bildungsbürgertum zum Glühen für ihr Theater zu bringen, hat sich die künstlerische Leitung um Generalintendant André Bücker einiges vorgenommen.

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  • Blut ist dicker als Wasser – „FamilienBande!“ Ein Spielzeit-Spektakel am Staatstheater Cottbus.

    Blut ist zwar immer noch dicker als Wasser, aber die sogenannten Blutsbande, oder wie man den Leim, der die bürgerliche Familie zusammenhalten soll, nennen will, sind seit Bertolt Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ nicht unbedingt verlässlicher geworden. Was uns die Familie in den heutigen schnellen und durch Wertewandel sowie Globalisierung geprägten Zeiten immer noch bedeutet und welchen Widrigkeiten und Verwerfungen sie ausgesetzt ist, das untersucht das Staatstheater Cottbus in dieser Spielzeit. Zum Themenschwerpunkt Familie veranstaltete es nun sogar ein großes Theaterspektakel mit insgesamt 5 Inszenierungen an einem Abend. Zwei Inszenierungen waren für alle im großen Haus zu sehen. Drei weitere standen im Mittelteil des Abends zur Wahl. Neben Brecht konnte man sich für die Autoren Theresia Walser, Neil LaBute, oder Oliver Bukowski entscheiden, die ebenfalls Stücke über die „FamilienBande!“ geschrieben haben.

    „Die Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht in der Regie von Mario Holetzeck

    Vor etwa 12 Jahren, zu Beginn der Peymann-Ära, inszenierte Philip Tiedemann Brechts Einakter „Die Kleinbürgerhochzeit“ am Berliner Ensemble. Es war der Beginn einer falsch verstandenen musealen Brechtverehrung und der Anfang vom Ende des Traditionshauses am Schiffbauerdamm. Durchaus bezeichnend, dass das derbe Volksstück über eine missglückte Spießbürgerhochzeit dort immer noch auf dem Spielplan steht und damit einem anderen Brechtstück in einer legendären Heiner-Müller-Inszenierung, nämlich dem „Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, Konkurrenz macht. Tiedemann mottete den alten Brechtvorhang mit der Picasso-Fiedenstaube wieder aus und mit dem Hans-Albers-Hit „La Paloma ade!“ sofort wieder ein. Mehr Brechtironie war dann leider nicht und die grell geschminkten BE-Darsteller wurschtelten sich brav durch den Brechttext und spielten Schenkelklopf-Klamotte. Auf die Idee, dass damit heute noch jemand gemeint sein könnte, kam man dabei aber nicht.

    staatstheatercottbus_familienbande-2.JPG Foto: St. B.
    FamilienBande! Das Staatstheater Cottbus feiert wieder ein Spektakulum.

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  • Parteidisziplin und Lebenslügen – Das Deutsche Theater Berlin zeigt Jean-Paul Sartres „“Die schmutzigen Hände““ und Thomas Vinterbergs „“Die Kommune“

    Gerade noch haben an der Volksbühne René Pollesch und Fabian Hinrichs mit viel Spaß und artistischem Spieltrieb das verstörte Individuum im Kapitalismus untersucht und die Unmöglichkeit ein Netzwerk zu lieben ironisch verdeutlicht, wobei sie ganz nebenbei noch Brechts Egoisten und Anarchisten Fatzer einflochten, da zieht schon das Deutsche Theater nach und verabschiedet in zwei Inszenierungen ein paar liebgewonnene bzw. verhasste Ismen und entsorgt gescheiterte Utopien. Und das kommt teilweise so locker und leicht daher, dass man sich die Augen reiben muss und kneifen möchte, ob man denn wirklich im Tempel des bildungsbürgerlichen Theaters an der Schumannstraße sitzt. Die beiden noch an Jahren jungen Regietalente Jette Steckel und Rafael Sanchez beschäftigen sich hier mit Themen, die schon auf dem Müllplatz der Geschichte zu liegen schienen, aber in letzter Zeit wieder sehr aktuell sind. Ob sie auch den Kern der Sache getroffen haben, bleibt aber bei beiden Inszenierungen relativ offen, und damit bestätigt sich eigentlich nur wieder die Feststellung, dass ein stark aufspielendes Ensemble noch jedem Stück etwas Relevanz entlocken kann.

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    Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin

    Spieltrieb, Idealismus oder todernste Realpolitik – Jette Steckel klopft Sartres großes Spiel über Methoden zur politischen Machterlangung auf Lüge und Wahrheit ab.

    Spiel, Spaß und gute Laune scheinen dem alten Stück irgendwie eingeschrieben zu sein. Leider hat das wohl in den Zeiten des Eisernen Vorhangs, ha ha, keiner so richtig mitgekriegt. Oder liegt es daran, dass es ständig falsch verstanden wurde und immer wieder nur für Stalinismuserklärungen herhalten musste. Zwei unvergessene Inszenierungen der Nachwendezeit haben Sartres Stück über einen ideologisierten jungen Intellektuellen, der einen politischen Mord begehen soll und an der Aufgabe menschlich scheitert, von diesem Rezeptionsstaub befreit. Über Frank Castorfs herrliche Jugoslawienkriegsfarce von 1998 an der Volksbühne, mit dem ungeschlagenen Dreigestirn Henry Hübchen als dichtendem Hoederer-Karadzic, Matthias Matschke als verhuschten, grimassierenden Tollpatsch Hugo („Kann ich auch! Kann ich auch!“) und Kathrin Angerer als nölendes Girlie Jessica, braucht man nicht mehr zu reden. Mit frechen Balkanbrassklängen bliesen sie dem ollen Sartre ordentlich den Marsch.

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  • Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse oder Scheiß auf die Ordnung der Welt! Das Theaterprojekt „Fatzer geht über die Alpen“ an der Berliner Volksbühne

    Auf den Spielplänen im deutschsprachigen Raum ist der Klassiker des epischen Theaters Bertolt Brecht in dieser Spielzeit eher selten zu finden. Da gibt es nur hin und wieder mal eine Dreigroschenoper oder einen verjuxten Galilei. Das Staatstheater Cottbus wird nächste Woche in einem großen Spektakel „Die Kleinbürgerhochzeit“ mit anderen Gegenwartsstücken über die bürgerliche Familie kollidieren lassen und an der Volksbühne in Berlin sind immer noch die großartigen Lehrstückbearbeitungen von Frank Castorf zu sehen. Um so erfreulicher, dass sich die Volksbühne seit 2010 in Zusammenarbeit mit dem italienischen Teatro Stabile de Torino befindet, um Brechts Fatzer-Fragment neu zu beleuchten. Bertolt Brecht hatte es nach Jahren der Bearbeitung als unmögliches Experiment („Einfach zerschmeißen“) verworfen, für Heiner Müller gehört es zu den Jahrhunderttexten. „Fatzer geht über die Alpen“ heißt nun das Theaterprojekt, dass im Fond Wanderlust durch die Kulturstiftung des Bundes, dem Goetheinstitut Turin und dem Italienischen Kulturinstitut Berlin gefördert wurde. In dieser Woche waren nun an der Volksbühne die Ergebnisse zu sehen.

    „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ – René Pollesch und Fabian Hinrichs winken freundlich mit der Baggerschaufel

    dsc06068.JPG Foto: St.B.

    René Pollesch gab bereits am Mittwochabend sozusagen die Ouvertüre für dieses Wochenende rund um den Egoisten Fatzer und die großen gescheiterten gesellschaftlichen Versuche. „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia” heißt sein neues Stück, für das er wieder, nach „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ und der „Der perfekte Tag“, mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs zusammengearbeitet hat. Und Hinrichs machte es im wahrsten Sinne des Wortes spannend. Gerade noch im akademischen Viertel erreichte er die Volksbühne, in der bereits das illustre Premierenpublikum wartete und mit reichlich 80er-Jahre-Popmusiksound beschallt wurde. Mit seinem unnachahmlichen Charme nahm Hinrichs aber sofort die Anwesenden für sich ein und zog alle mit einem bombastischen Intro in seinen Bann. Zu den Klängen von Bruce Springsteens Klassiker „Streets of Philadelphia“ seilte er sich mit einer Gruppe von jungen Artisten aus dem Schnürboden ab, die danach auch sofort anfingen sich springender und radschlagender Weise sportlich zu betätigen.

    Hinrichs flirtet sichtlich gutgelaunt mit dem Publikum und beginnt dann über die Probleme der Linken zu referieren, sich heutzutage zu orientieren, wo die Feindbilder nicht mehr so eindeutig sind. Der Kapitalismus hat sich gewandelt und Leuten wie Jean Ziegler fällt es da sichtlich schwer mit Botschaften von verhungerten Kindern Gehör zu finden. Was hören wir überhaupt noch voneinander? Ein anderes beliebtes Thema von René Pollesch. Wir hören uns zu, aber hören wie uns wirklich? Die alte Repräsentationsmaschinerie rollt und deckt im Theater alle Widersprüche zu. Das hatte Brecht schon erkannt und mit seinem Epischen Theater neue Wege beschritten, die heute genauso ausgelatscht sind wie das gute alte Bürgerliche Einfühlungstheater. Trotzdem ist er ein Klassiker an dem man nicht so ohne weiteres vorbeikommt und so ist dann auch die ganze Bühne von Bert Neumann ein einziges Brechtzitat. Die Gardine darf nicht fehlen und auf der sonst leeren Bühne steht ein Planwagen wie in der Mutter Courage am BE, wenn er auch mit modern bedruckter LKW-Plane bespannt ist. An Aktualität hat Brecht nicht verloren und auch Pollesch kommt daher nicht ganz an ihm vorbei. In der Niederlage auf dem Platz bleibend, zitiert ihn Hinrichs. Er war schon 2008 bei der Empedokles-Fatzer-Inszenierung von Laurent Chétouane am Schauspiel Köln mit dabei.

    René Pollesch geht es hier aber eher um heutige Sichtweisen des Kapitalismus. Arbeiterchöre waren gestern, heute ist der Chor ein Netzwerk, dem sich der zwangsweise individualisierte Einzelkämpfer nicht entziehen kann. Die Akrobaten umgarnen Hinrichs, auch wenn dieser partout nicht mit dem Chor in die Kiste springen will. Nein, schlafen kann er nicht mit diesem Repräsentant des Kapitalismus. Wie Brechts Fatzer bleibt auch die Figur Hinrichs ambivalent. Der Geist ist willig, allein das Fleisch ist schwach, körperliches Nähebedürfnis siegt über Klassenstandpunkt. Da werden bezaubernde Lauf-, Sitz- und Standbilder geschaffen und alles kuschelt im Regen unter dem theorieschweren Couragewagen, vor den sich Hinrichs im Rock auch mal spannt. Schöne Bilder ergeben sich immer wieder aus diesem unklaren Verhältnis zwischen Chor und Individuum. Aber da fehlt doch noch was, nur das werden wir heute Abend nicht zu sehen bekommen. Hinrichs ruft mehr als einmal Stopp und erklärt, dass die besten Szenen herausgeschnitten wurden, da wir sie eh nicht ertragen und ihn nie wieder im Theater sehen könnten. René Pollesch fragmentiert sich selbst und killt seine Darlings. Da der Chor stumm bleibt, wird der Diskurs zu Gunsten der Liebe ausgesetzt.

    Alles Weitere erschöpft sich in artistischen Turnbildern, die die 13 Schüler der Bühnenakrobatikschule „Etage“ immer wieder mit großer Lust erzeugen. Fabian Hinrichs zwängt sich schließlich noch in ein enges Krakenkostüm und erklärt den Mehrwert anhand des Unterschieds von Turnwettkampf in einer Mehrzweckhalle zum Theater für 45 €€, indem er die satte Musikuntermalung immer wieder unterbricht. Die großen Fragen werden heute nicht mehr verhandelt. Ein etwas unbefriedigender Coitus interruptus. Bevor es zu schön wird, ziehen ihn Pollesch und Hinrichs einfach wieder raus, den Stecker für das Licht der Erkenntnis. Man hat das sowieso immer nur für sich selbst gemacht und nie für das Publikum, sagt Hinrichs. Aber vielleicht gibt es ja demnächst doch noch den Director`s Cut, denn ganz ohne Diskurs geht es bei René Pollesch mit Sicherheit auf Dauer auch nicht. Bis dahin hat er mit dem fabelhaften Fabian Hinrichs den „Flirt in der Luft“ (R. Pollesch im Tip) neu definiert und vermutlich alles richtig gemacht. Wir schmunzeln selbst und sehn vor Glück besoffen, den Glitzervorhang zu und alle Fragen offen.

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    Träge Masse übt die Revolte gegen staatliche Gewalt – Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ mit dem Teatro Stabile di Torino

    Den theatralen Mehrwert gab es dann mit der Inszenierung von Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ durch das Teatro Stabile de Torino in der Regie von Fabrizio Arcuri. Bertolt Brecht hatte wie schon erwähnt das Fragment nach mehrjähriger Bearbeitung als unspielbar verworfen und es sollte tatsächlich bis 1976 dauern, bis an der Berliner Schaubühne am Hallescher Ufer Frank-Patrick Steckel die Uraufführung vom Untergang des Egoisten Fatzer mit dem Ende 2010 verstorbenen Wolf Redl in der Titelrolle besorgte. Eine weitere bedeutende Inszenierung gab es 1978 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Da sie für eine Aufführung an der Volksbühne Ost-Berlin die Rechte von den Brechterben nicht bekamen, wichen das Regieduo Manfred Karge und Matthias Langhoff nach Hamburg aus. Sie baten Heiner Müller um eine Bearbeitung und zur Aufführung kam dann seine Zusammenstellung von Brechts „Fatzer-Dokumenten“, die Müller in den Kontext des RAF-Terrorismus in der BRD stellte. Die Übersetzung ins Italienische von Milena Massalongo für das Tetro Stabile orientiert sich im Wesentlichen an Müllers „Fatzer-Material“.

    Foto: St. B.  dsc06074.JPG

    Auch Fabrizio Arcuri stellt seinen Fatzer wieder in einen aktuellen Kontext. Seine Tankinsassen desertieren nicht aus dem 1. Weltkrieg, sie sind Deserteure aus einem System der staatlichen Gewalt und auf der Suche nach der Revolte gegen diese Verhältnisse, mit denen die heutige Politik in Italien gemeint ist. Auf der Bühne herrscht Straßenkampf, ein demoliertes Auto landet auf dem Dach und beginnt zu brennen. Zwei Feuerwehrleute versuchen mit CO2-Löschern in ohrenbetäubenden Lärm die Flammen zu bekämpfen, während sie über die zwei Arten von Menschen philosophieren, die Herrschenden und die Beherrschten. Frage: „Woran also erkennt man die herrschende Art?“ Antwort: „Daran erkennt man die herrschende Art, dass sie sagt, daß es ohne Gewalt geht.“ Frage: „Wer aber weiß, dass es nur mit Gewalt geht?“ Antwort: „Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse.“ Das ist die Frage in dieser Inszenierung, wie lässt sich die Ohnmacht gegen staatliche Gewalt beantworten und wie entsteht so eine Revolte.

    Nachdem die Besatzung aus dem gelöschten Auto gekrabbelt ist und die erste Szene mit Fatzers Abkehr vom Krieg und die Fahrt nach Mülheim beschlossen sind, gehen die 4 Protagonisten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann (Mariano Pirrello, Matteo Angius, Werner Waas und Paolo Musio) an die Rampe und suchen den Dialog mit dem Publikum. Die Ausgangspunkte für eine Revolte werden zusammengetragen. Elend, schlechte Kleidung, klimatische Verhältnisse etc. und die Hemmnisse wie z.B. das Loch, zu dem es den Manne hinzieht. Das ist nicht ganz ernst gemeint und orientiert sich locker an Brechts Textfragmenten. Es wird ein kurzes Ratingspiel eingefügt, in dem ausgewählte Zuschauer mit Italien-, Griechenland- und Schweizfähnchen winken sollen. Italien arm, Griechenland noch ärmer und Schweiz reich. Es wird ein AAA-Schild hochgehalten und gefragt ob der Ausstieg aus der EU eine Alternative wäre. Eine lustige Runde Agitprop, die etwas an „Revolution Now!“ von Gob Squad an der Volksbühne erinnert.

    Nach dem Theorieteil geht es dann aber sehr ernsthaft mit den Fatzerdokumenten weiter. Fabrizio Arcuri bleibt hier sehr nah an Brechts Text, nur in einigen Bildern wird Bezug zur Gegenwart genommen. Die Soldaten tragen Polizeikampfanzüge und Schlagstöcke. Fatzer wird von ihnen auf seinem Rundgang nach Fleisch geschlagen oder der abgeführte Arbeiter brutal zusammengeknüppelt. Die Bühne bleibt meistenteils sehr düster, die Szenerien spielen sich in kleinen verschiebbaren Boxen ab. Nachdem die Truppe bei Kaumanns Frau eingezogen ist, macht sich die große Resignation und Wut über Fatzers Alleingänge breit. Die Kaumann (Francesca Mazza) täuscht im Geschlechtskapitel unter der Decke einen Orgasmus vor. Fatzer sitzt eher unbeteiligt daneben, während sich die drei anderen onanierend davor stellen und den Kommentar über das Lehren der geschlechtlichen Liebe rezitieren. Die Inszenierung ist hier in ihrer ausführlichen Länge nicht wirklich zwingend am Problem des Abweichlers oder anarchischen Egoisten Fatzer dran.

    Erst zum Schluss bekommt die Inszenierung wieder etwas Drive. Der Schuss auf Fatzer fällt und nachdem alle den Raum verlassen haben beendet eine Bombenexplosion das Drama. Im Abspann läuft auf der Videowand Brechts Schlussgedicht „Fatzer komm“. Auch ohne Einblendung der Staatsmänner weiß jeder, dass die letzten Zeilen Silvio Berlusconi meinen: „Du bist fertig, Staatsmann / Der Staat ist fertig. Gestatte, dass wir ihn verändern / Nach den Bedingungen unseres Lebens. (…) Der Staat braucht dich nicht mehr / Gib ihn heraus.“ Nun herrschen in Deutschland noch keine italienischen Verhältnisse, doch diese Zeilen lassen sich gut und gerne auch auf Politiker wie zu Guttenberg oder den in die Kritik geratenen Bundespräsidenten Wulff beziehen. Fatzer geht Anfang Februar wieder zurück über die Alpen nach Turin. Dort wird sich zeigen, ob die Italiener die Ironie von René Pollesch und Fabian Hinrichs verstehen werden und ebenso beglückt reagieren, wie das Berliner Publikum. Mit dieser fröhlichen Unverbindlichkeit steht „Kill your Darlings!“, trotz seiner leisen, versteckten Resignation, ziemlich konträr zum Scheitern von Brechts „Fatzerfragment“ und der Interpretation von Fabrizio Arcuri und seinem Team.

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    FATZER:
    Mich lähmt das Morgen und
    Dies unverbindliche Heut!
    So sitzend
    Zwischen noch nicht und schon nicht mehr
    Glaub ich nicht, was ich denk!
    Sicher ists ein Irrtum, schon morgen
    Klar! Warum also heut reden? Was
    Nützt dies Bootbaun bei vertrocknendem Fluß?
    Wenn ich euch essen
    Seh, seh ich hinter euch andre verdaun
    Euch unähnlich! Aber mich seh ich nicht essen!
    Ich hör eure Stimmen nicht vor dem Geräusch
    Vieler Schritte solcher, die ich nicht kenn.
    Aus eurem runden dreckigen Mäulern fallen
    Große viereckige Worte, woher sind sie?
    Mir scheint, ich bin vorläufig
    Aber was
    Läuft nach?
    Daß ihr mich versteht
    Das verbiet ich.

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  • Gott ist tot und fährt U-Bahn – „Also sprach Zarathustra“ und „Der Penner ist jetzt schon wieder woanders“ auf den Studiobühnen der Schaubühne und des Maxim Gorki Theaters

    Gott ist tot! Das ist spätestens seit Friedrich Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ jedem bekannt. Nun zeigt er sich doch noch einmal in der Berliner U-Bahn, wenn auch nur in Form eines schmierigen Schlagersängers (Wolfgang Hosfeld), der Udo Lindenberg intoniert und ein Stepptänzchen zum besten gibt. Und genau wie der keine Herzen reparieren kann, weiß Gott auch keine Antwort auf die großen Fragen der Menschheit. Außer den Lottozahlen und ein paar Bibelsprüchen hat er weiter nichts zu sagen und empfiehlt die Lektüre von „The Maracot Deep“, einem utopischen Roman von Sir Arthur Conan Doyle über das sagenhafte Atlantis und den Sieg des Guten über das Böse. Was sollen einem auch schon die Antworten auf die letzten großen Fragen, wenn man noch nicht einmal weiß, was sich auf dem Meeresgrund abspielt. Das ist den beiden schrägen Typen Andrej und Igor (Anne Müller und Matti Krause) dann doch zu viel und nachdem sie während der U-Bahnfahrt zu ihrem Dealer bereits einen Verleger, einen Sprayer mit Rastalocken, eine Nazi-Oma und ein sächsisch schwäbelndes Touristenpärchen gekillt haben, muss nun auch noch Gott dran glauben.

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    Der ganz normale Wahnsinn, täglich in der U-Bahn.
    (Biennale Venedig 2011, Arsenale) Foto: St. B.

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  • (K)ein weites Feld – Jorinde Dröse reduziert Fontanes „Effi Briest“ am Maxim Gorki Theater nur auf das Wesentliche

    Die großen Frauenfiguren der Weltliteratur haben es den Regisseuren des Maxim Gorki Theaters angetan. Nach Anna Karenina und Madame Bovary nun die Effi Briest. Jorinde Dröse setzt nach Ibsens Nora mit der Bearbeitung des Fontaneromans ihre Betrachtungen der bürgerlichen Familie fort. Wo bei Ibsen die Transformation aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart noch relativ gut funktionierte, hapert es nun bei diesem preußischen Sittengemälde der Jahrhundertwende von Theodor Fontane an schlüssigen Bezügen zur heutigen Zeit. Obwohl das Programmheft anderes suggerieren will, wir haben es hier doch mit einem hartnäckigen Fall des Scheiterns einer jungen Frau an den herrschenden bürgerlichen Konvention zu tun. Ein in Liebesdingen unerfahrenes junges Mädchen heiratet voller romantischer Vorstellungen auf den Wunsch der Eltern einen zwanzig Jahre älteren Karrieremenschen, leidet an dessen Gefühlsarmut und stürzt sich in eine unbedeutende Affäre, an deren Folgen sie schließlich zerbricht. Dass es heute immer noch so ist, liegt nicht sofort auf der Hand. Für die Regisseurin des Abends sind es aber genau diese verklärten Vorstellungen vom romantischen Lebensglück, die frau von so einer vermeintlich guten Partie hat.

    MGT Berlin, Foto: St. B. gorki-2.JPG

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  • Wien, die „Stadt der Künstler und Kellner“ – Zwischen Kaffeehaus, runden Geburtstagen, Marillenknödeln und poetisch gefärbten Theatergewächsen

    „ ‚Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.‘ – hat also, anders formuliert, das Kaffeehaus als einer der letzten zu verlassen.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

    wien-silvester-2011-13.JPG Foto: St. B.
    Das Café Leopold Hawelka in der Wiener Dorotheergasse

    Was mir kurz vor Silvester als erstes in der Fly „Niki“, wo der legendäre Formel-1-Pilot Lauda, welch Ironie, immer noch selbst die Sicherheitsanweisungen verliest, tatsächlich Lesbares in die Hand fiel, war ausgerechnet der Kurier. Eine andere Legende hatte sich in den Himmel über Wien verabschiedet. „Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben“ titelte das Wiener Blatt. Auch Presse und Standard kondolierten und sogar die deutschen Großzeitungen hatten einen Tag später Nachrufe auf Den Wiener Cafetier überhaupt im Feuilletonteil. Leopold Hawelka starb am 29.12.11 im 101. Lebensjahr. Noch im April 2011 hatte er in dem von ihm 1939 in der Dorotheergasse eröffneten „Café Hawelka“ seinen 100. Geburtstag begangen. Die FAZ erhob das Hawelka nun sogar zum „wahren Café Europa“, denn es hat mit Sicherheit dem „Central“ in der Herrengasse, wo immerhin Leo Trotzki in den Jahren seiner Wiener Emigration Schach zu spielen pflegte, den Rang als Prominentencafé abgelaufen. Im Hawelka gaben sich nach dem Krieg österreichische und internationale Größen aus Kunst und Politik die Klinke in die Hand. Heute lebt das Hawelka immer noch von seiner Tradition als Künstler- und Intellektuellen-Café. Nachdem diese allerdings so nach und nach weggestorben sind, drängen sich nun dort die Touristen und halten bei einer Melange oder internationalisiertem Caffé Latte vergeblich Ausschau nach den Stars und Sternchen. Dabei sitzt man nun sogar in besonders geschützten Räumen, denn die UNESCO hat die Wiener Kaffeehäuser im November 2011 zum Weltkulturerbe erklärt.

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  • Neues aus Kalau (4): DER WULFFOMATOR oder Geh Du ran!

    Mailboxing mit Rückschlagfaktor

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    © collage by st. b.

    Wer Diekmann auf die Mailbox scheißt, wird blöde meist.

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    Das BILD-Telefon oder Geh Du ran!

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    Den ganzen Tag geht mir das auf die Nerven
    Ich könnt das Scheißteil aus dem Fenster werfen
    Bei allem was ich tu werd ich gestört
    Versuch zu tun als hätt ich nichts gehört

    Ich geh nicht ran
    Geh du ran du ran
    Ist eh nicht für mich
    Geh du ran du ran

    Das ist bestimmt noch mal der Wulff für dich
    Genug hat der noch lange nich
    Was der sich nur schon wieder traut
    Mir ist der ganze Tag versaut

    Ich geh nicht ran
    Geh du ran du ran
    Ist eh nicht für mich
    Geh du ran du ran

    Ich bin doch nur noch für die Wahrheit da
    Stimmt sie auch nicht ist mir egal
    Die Mailbox läuft ab jetzt auf laut
    So ist der ganze Mist bald jedem vertraut

    Ich geh nicht ran
    Geh du ran du ran
    Ist eh nicht für mich
    Geh du ran du ran

    nach „(GEH) Du ran Du ran“ von den Fehlfarben

    S. v. K. für die Kalauer Illustrierten Tagesblätter (KILT)

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     Siehe auch: AfghanOpoly oder das große Spiel um ein Amt

  • José, der große Matador

    jose-tomas-by-rafael-estrella.jpg José Tomás
    Foto von Rafael Estrel unter CC-License (flickr.com)

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    José, der große Matador,
    Verlor beim Stierkampf mal ein Ohr.
    Arg hatte es ihn hingeschmissen,
    Dabei ist es wohl abgerissen.

    War das das Ende der Karriere?
    Als wenn es von Bedeutung wäre,
    Mono statt Stereo zu hören.
    Wen könnte daran etwas stören?

    José nahm das nicht so gelassen,
    Er konnte es erst gar nicht fassen.
    Noch wichtiger als Ruhm und Geld
    War ihm das Lob der Damenwelt.

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    wien-silvester-2011-15.JPG Fernando Botero
    Der Hornstoß (1988) in einer Ausstellung des Bank Austria Kunstforums Wien, noch bis zum 15.01.2012

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    Die Lösung schien ihm gar nicht schwer,
    Ein neues Ohr, das musste her.
    Und drauf zum Dichter dieser Zeilen
    José sprach: Du musst dich beeilen.

    Der kratzte kurz sich hinterm Ohr,
    Und zog eine neues Blatt hervor.
    Er nahm es längs, dann wieder quer,
    Allein der Kopf, der blieb ihm leer.

    Was tun? Längst war der Stier gebraten,
    Doch das Poem ließ auf sich warten.
    Des Dichters Muse wollt nicht küssen,
    Da hat er schnell verreisen müssen.

    Das Blatt hat niemand mehr gefunden,
    Und auch der Dichter blieb verschwunden.
    Falls ihr ihn doch noch einmal seht,
    José fragt, wie es weitergeht.

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    dsc03770.JPG

    Aquatinta von Pablo Picasso aus dem grafischen Zyklus
    zur Neuauflage der spanischen Stierkampfanleitung
    „LA TAUROMAQUIA“ (1957) – „Picasso Künstlerbücher“
    im Kupferstichkabinett Dresden, April 2011

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  • Unter Warmduschern und Dandys – Christopher Marlowes Edward II. und Alexander Puschkins Eugen Onegin an der Berliner Schaubühne

    schaubuhne-kudamm.JPG Foto: St. B.
    Lebendige Historie oder vergeudete Lebenszeit? An der Schaubühne kann man dem Verrinnen von Zeit nicht immer nur gelassen entgegensehen.

    Das Beste zum Feste, denkt sich die Berliner Schaubühne in der Adventszeit am lichterumflorten Ku`damm und schickt Marlowes „Edward II.“ unter der Oberaufsicht von Regisseur Ivo Van Hove in einen videoüberwachten Bühnenhöllen-Knast. Dort wartet man aber nicht auf die Ankunft des Heilands, sondern spinnt eifrig Intrigen gegen den unstandesgemäßen Günstling des Königs Edward. Dieser Gaveston, dargestellt von Christoph Gawenda, Neuankömmling in der weggesperrten Hofgesellschaft, die sich in sechs gleichgroßen Gefängniszellen um ihren König schart und ständig Prestigeverlust wittert, ist ein vollmundiger Schönling, der schnell den Unmut der Lords erregt. Man murrt, lässt die Muskeln spielen und begehrt schließlich auf.

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